Nach der Todeserklärung für die Buchstadt Leipzig: Es lebe die Buchstadt!
Ralf Julke
24.02.2006
Die Nachricht schockte zum Jahreswechsel nicht nur die Bücherfreunde: Das Reclam-Mutterhaus in Stuttgart schloss den kleinen Zwei-Frau-Ableger Reclam Leipzig und beendete damit ein Stück Leipziger Verlagsgeschichte, das am 1. April dieses Jahres 178 Jahre alt geworden wäre. Ein fleißiges Magazin druckte gleich im Moment der Überraschung "Die Buchstadt ist tot!" Wäre Reclam Leipzig der letzte Leipziger Verlag gewesen, dann hätte das vielleicht gestimmt.
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Aber dem ist nicht so. Die Buchstadt Leipzig schreibt und druckt, redigiert, illustriert, liest und layoutet, verkauft und streitet sich wie eh und je. Und wenn der Weggang des Stuttgarter Ablegers eine Rolle spielen sollte, dann nur eine in der schönen Erinnerung. Denn die Chancen, Reclam Leipzig dauerhaft zu retten und am Gründungsort zu etablieren wurden 1991 versiebt. In dem Moment, in dem die Verlagsdirektive ins 1947 in den deutschen Westen abgewanderte Ursprungsunternehmen zurückging, waren eigentlich alle Messen gesungen.
Im Stuttgarter Tagesgeschäft blieb das Abenteuer die letzten 15 Jahre eine Marginalie, eine Marginalie, die zeitweilig (u.a. mit "Schlafes Bruder" von Robert Schneider) sogar Erfolge feiern durfte. Mehr aber nicht. Rund 20 neue Titel produzierte der kleine Verlagsableger in Leipzig zuletzt jedes Jahr. Das ist selbst verglichen mit der verbliebenen Buchproduktion in der altehrwürdigen Verlagsstadt Leipzig eine Winzigkeit.
Selbst die Zeiten, in denen sich Leipzig mit Bergisch-Gladbach um Platz 25 in der Top-50-Liste der deutschen Buch-Städte stritt, sind schon eine Weile vorbei. Das war Mitte der 90er Jahre, als die Buchproduktion an der Pleiße auf 450 bis 500 Titel gefallen war. Selbst das ist nicht unbedingt wenig, wenn man die Vorgeschichte kennt.
Von 1945 bis 1951 verließen Leipzig 364 Verlage mit einer jährlichen Titelproduktion von bis zu 4.000 Titeln. Mit solcher Titelmenge war Leipzig damals unangefochten die Nummer 1 in Deutschland. Von der Buchschwemme der Gegenwart war der Buchmarkt der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts weit entfernt. 1950 erschienen in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 13.181 Titel, in der DDR gerade einmal 2.480, zusammen also gerade 15.661.
Ein halbes Jahrhundert später wurden in Deutschland 86.543 Titel aufgelegt, das Fünfeinhalbfache. Eine Bücherflut, in der auch eifrigste Buchhändler keine wirkliche Orientierung mehr finden. Und Buchstadt Nummer 1 ist - immer wieder zu aller Verblüffung - Berlin mit 10.868 Titeln, gefolgt von München (8.777) und Frankfurt/M. (4.461). Stuttgart rangiert in dieser Liste für 2004 auf Rang 4 mit 4.174 Titeln vor Köln und Hamburg. Und dann kommt lange nichts. Und dann kommt das Mittelfeld der Städte, in denen kleine und mittlere Verlagsstrukturen zu Hause sind und die sich mit den exorbitanten Taschenbuch-Ausstößen der Groß-Produzenten nicht messen können. Selbst wenn sie wollten.
In den Münchner Zahlen stecken zum Beispiel die Produktionsergebnisse des ehemals in Leipzig heimischen Kiepenheuer-Verlages (Kiepenheuer & Witsch), in Frankfurts Ergebnis die Produktion des Ex-Leipziger Insel-Verlages, im Stuttgarter die des nun ganz aus Leipzig verschwundenen Reclam-Verlages. Dem nachzutrauern ist vielleicht Sache der Kalenderblätter. Den ein oder anderen einstigen Leipziger Verlag oder seine Dependance hätte eine aktive Werbestrategie der Stadt vielleicht zurückgewinnen oder halten können. Hätte denn das Wort Buchstadt im Marketing der Stadt tatsächlich eine wahrnehmbare Rolle gespielt.
Das hat es aber nur im Zusammenhang mit der Buchmesse und dem Lesemarathon "Leipzig liest", der nicht auf die Präsenz eigener Verlage, sondern auf die Geifbarkeit "echter Autoren" in Lesungen setzt. Mit Erfolg. Man ist dichter dran an dem Ding, das man Literatur nennt, dichter als etwa auf der Herbstbuchmesse in Frankfurt, wo es viel vordergründiger um knallharte Margen und Verkaufszahlen geht.
Mit 911 registrierten Titeln war Leipzig 2004 die Nummer 15 im deutschen Ranking, gleich hinter Düsseldorf und noch vor Würzburg. Und Würzburg ist immerhin nach München die zweitwichtigste Verlagsstadt in Bayern, das mit 2,44 Milliarden Euro Umsatz mehr als ein Fünftel des deutschen Buchmarktes beherrschte, belieferte, befriedigte. 476 Verlage sind in Bayern registriert, in Sachsen immerhin 165 der deutschlandweit 2.710 Verlagseinrichtungen. Natürlich alles auf 2004 gerechnet.
Die Statistiken für 2005 müssen erst zusammengestellt werden. Und sicher wird es Leipzig auch da nicht unter die Top-Ten schaffen. Da müsste denn dem Wirtschaftsdezernenten Detlef Schubert schon der ganz große Deal gelingen. Aber dass mutige, aber auch extravagante Verleger wie Frank Festa ihren Verlag in Leipzig-Reudnitz ansiedeln, sollte zumindest zu denken geben, ob man solchen Leuten nicht mehr Rückendeckung gibt.
Das Label "Gedruckt in Leipzig" erscheint nur noch in wenigen, meist gar nicht für den Buchmarkt bestimmten Drucksachen. Im benachbarten Tschechien oder in Polen lässt sich in der Regel wesentlich preiswerter drucken, schneller zuweilen auch. Qualität ist eine andere Frage. Eine Frage, die Verleger wie Peter Hinke, Mark Lehmstedt oder Elmar und Michael Faber damit beantworten, dass sie ihre Bücher bei Pöge-Druck oder Jütte-Messedruck in Leipzig produzieren lassen. Zuweilen mit dem Ergebnis, preisverdächtig auch überegional wahrgenommen zu werden.
Die Buchstadt Leipzig ist nicht so, wie sich das eine oder andere Magazin das gern wünschen würde. Und das Geschäft ist - man braucht nur die Verleger fragen - ein quälend schweres gerade in Zeiten, da sparwütige Politiker mit dreister Schamlosigkeit gerade den Konsumenten in die Geldbörsen langen. Was zuallerst auch Bücher zu einem "verzichtbaren Artikel" auf der Einkaufsliste machen. Aber das hat Leipziger Verleger bekanntlich immer wieder angestachelt, sich etwas Neues auszudenken - wie das Taschenbuch, den Taschen-Reiseführer und das Taschen-Lexikon.
Die Leipziger Internet-Zeitung jedenfalls wird weiter die spannendsten Publikationen aus Leipziger Verlagen vorstellen. Und im Lesecafé "Stern des Südens" wird jeden Monat ein Titel samt Autor und Verleger zu erleben sein - live und im spannenden Gespräch über das Büchermachen in Leipzig. Und weil trotzdem die Gefahr besteht, dass man die Welt durch eine dunkle Röhre sieht, werden kompetente Akteure aus der Welt des Büchermachens in den nächsten Tagen in der Leipziger Internet Zeitung sagen, was sie selbst halten von der Buchstadt Leipzig. Bleiben Sie gespannt!
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