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Leipzig 1865: Ein 13jähriger schreibt ein "mordsmäßiges" Tagebuch

Ralf Julke
Syrutschöck wohnt in der Wintergartenstraße, Tannert in der Karolinenstraße,. Henniger in Auerbachs Hof und Bühle, Richard, in der Klostergasse 14. "1865" schreibt Bühle ganz groß auf das Titelblatt seines neuen Tagebuchs. Bühle ist 13 Jahre alt. Syrutschöck, Tannert und Henniger sind einige seiner Klassenkameraden, die mit ihm die "II. französische Classe A" im Zill'schen Institut in der Petersstraße besuchen. Bühle schreibt Geschichte. Er weiß es nur nicht.


Denn eigentlich macht er nur, was andere Kinder in seinem Alter auch taten und bis heute tun: Aufschreiben, was ihn bewegte mit 13. Was er erlebte, was ihm begegnete. Das Dumme an Tagebüchern ist nur: Sie überleben selten die Jahrzehnte. Denn sie erzählen ja von Dingen, die eigentlich niemand wissen soll. Sie sind das Persönlichste, was einer von sich schreibt. Irgendwann landen sie (fast) alle im Ofen. Warum nun gerade das Tagebuch des 13jährigen Richard Bühle 140 Jahre überdauerte, man kann es nur vermuten.

Von der langjährigen Mitarbeiterin des Stadtgeschichtlichen Museums, Brigitte Richter, wurde es in Privatbesitz entdeckt und natürlich für das Museum erworben. Ein besseres Dokument für das Jungsein im Leipzig des Jahres 1865 gibt es nicht. Und 1865 - das ist nur auf den ersten Blick ein ganz gewöhnliches Jahr in der Geschichte der Stadt Leipzig. Karl Wilhelm Otto Koch regiert die Stadt. Die Stadt hat 86.000 Einwohner. Einer heißt Dr. Carl Heine und baut gerade die Westvorstadt.

Er hat auch einen Kanal gebaut, der vom Pleißemühlgraben bis nach Plagwitz führt. Auf dem Kanal kann man mit dem Dampfschiff fahren. Richard Bühle erlebt das. Schildert aber leider die Fahrt nicht. Ein Jahr später würde Dr. Heine seinen zweiten Kanal zu bauen anfangen. Und den ersten dann zuschütten lassen.

Das weiß der 13jährige noch nicht. Er weiß auch nicht, wie wichtig Dr. Ernst Innocenz Hauschild ist, der Gründer des Instituts, das jetzt Zill'sches heißt und wo Bühle mit 13 anderen Jungen in einer Klasse sitzt. Auch diese Zahl so ganz nebenbei: 13 Jungen in einer Klasse. Da war keine Chance auf "null Bock". Blicke in die Vergangenheit können sehr zum Nachdenken anregen. Hauschild war derjenige, der dafür sorgte, dass 1865 der erste "Schreber-Spielplatz" in Leipzig entstand. Nicht der erste "Schreber-Garten". Denn Kleingärten, die man mieten konnte, gab es zu dieser Zeit in Leipzig schon. Etwa im Johannisthal. Nur: Richards Vater kann sich den Luxus nicht leisten. Das wird im Tagebuch erwähnt.

Richards Vater betrieb das Papier- und Cigarrengeschäft "Louis Bühle & Co." im Parterre der Klosterstraße 14, gleich neben der "Weinstube und Restauration" von Paul Theodor Tittel. Das Haus stammte aus dem 18. Jahrhundert und die Bühles wohnten im 3. Stock. Nicht gerade in einer sehr sonnigen Wohnung. Kein Fernseher, kein Computer. Richard lebt in einer Zeit, in der die Abenteuer der Kinder noch draußen stattfinden.

Nach einem kalten, schneereichen Winter, in dem kaum ein Tag ohne Schlittschuhlaufen oder Schneebällerei vergeht, kommt ein langer, warmer Sommer, in dem Richard und seine Freunde fast jeden Tag Baden gehen. In der Pleiße oder in der Parthe bei Händel hinterm Magdeburger Bahnhof. Der neue Dresdner Bahnhof ist gerade im Bau, wird 1865 fertig. Richard lebt in mordsmäßigen Zeiten.

Fünf Morde passieren in diesem Jahr in Sachsen, einer davon in Leipzig. Der Feuerwehrtag wird zu einem Großereignis auf dem Floßplatz. Und von Richard und seinem Bruder Oskar werden Porträtfotos gemacht bei einem gewissen Hermann Walter. Jawohl: bei dem Fotografen, dessen "gläserner Schatz" heute zum wertvollsten Bildbestand im Stadtgeschichtlichen Museum gehört. Nur leider sind die Fotos der jungen Bühles nicht erhalten.

Man könnte sagen: "Mehr war nicht drin", um auch einmal Heinz Knobloch zu zitieren, der mit seinen Feuilletons die Berliner gelehrt hat, dass Geschichte nicht nur aus Paraden und vertrottelten Kaisern besteht. Sondern in der Regel aus "einfachen Leuten". Die sich - bei genauerem Hinsehen - als keineswegs einfach erweisen.

Denn Richards Tagebuch hat auch überlebt, weil der Junge hier schon früh beweist, dass er erzählen kann. Über Lausbubenstreiche in der Schule genauso wie über Prügeleien mit Gohliser Bauerrettigen. Das Erzählen lag ihm. Und Mark Lehmstedt, der Verleger des Tagebuches, wundert sich überhaupt nicht, dass Richard Bühle 1890 als Chefredakteur des "General-Anzeigers für Leipzig und Umgebung" auftaucht.

1892 entlassen, weil ihm augenscheinlich der gewünschte Sensations-Journalismus nicht lag, wurde er am 1. Oktober 1892 zum Chefredakteur der von Edgar Herfurth gegründeten "Leipziger Neuesten Nachrichten", die innerhalb weniger Jahre zur meistgelesenen Zeitung Leipzigs und eine der führenden Tageszeitungen Deutschlands wurden. National-konservativ war die Zeitung von Anfang an. Aber als sie nach 1900 immer chauvinistischere Töne anschlug, legte Bühle sein Amt nieder, arbeitete noch bis 1912 beim "Leipziger Tageblatt" und ging dann nach Berlin, wo er 1922 starb.

"Eigentlich ist nicht wichtig, was Bühle später machte", sagt Mark Lehmstedt. "Wichtig ist das Tagebuch des Dreizehnjährigen. Das ist ein für die Zeit einmaliges Dokument." Man kann es in voller Länge nachlesen. Mit Genuss. Faksimiles zeigen die schönsten, von Richard selbst illustrierten Tagebuchseiten in Farbe. "Das Buch kann mit Fug und Recht eine Sensation genannt werden", sagt der Verleger. Und wer sich bei Bühles "mordsmäßigen" Streichen an Tom Sawyer erinnert fühlt, der hat möglicherweise recht: 13 Jahre alt sein war 1865 in Leipzig noch ein Abenteuer. Ein gefährliches Abenteuer zuweilen.

Aber es fing eben schon jenseits des Promenadenringes an und endete auch nicht in Meusdorf oder Lützen, wo Richard ein preußisches Manöver - live - miterlebt. Wenn er davon erzählt, ahnt man erst, wieviele Sicherheitszonen das moderne Leben mittlerweile Trennen von der "Welt da draußen". Wer seinen Fernseher aus dem Fenster schmeißt und mit Richards Tagebuch loszieht, Leipzig neu zu entdecken, hat sehr wahrscheinlich Gewinn gemacht.

Richard Bühle "Mein Tagebuch. Aufzeichnungen eines Dreizehnjährigen aus dem Jahre 1865", herausgegeben von Brigitte Richter, Lehmstedt Verlag Leipzig 2006, 19,90 Euro.

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