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Alles, was kommen wird ..: Evo Morales. Die Biografie

Ralf Julke
"Vom Kokabauern zum Regierungschef" bewirbt der Militzke-Verlag schlaglichtartig die erste Biographie des 2006 zum ersten indigenen Präsidenten gewählten Evo Morales. Konservative Medien - insbesondere in den USA - sehen seit dem erdrutschartigen Wahlsieg der MAS-IPSP den Untergang des Abendlandes. Oder zumindest der freien Demokratie auf dem südamerikanischen Kontinent, den man im Norden gern als eigenen "Hinterhof" betrachtet. Und entsprechend gängelt, maßregelt, erpresst.

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Kaum ein Staatsstreich geschah im letzten Jahrhundert, an dem nicht in irgendeiner Form us-amerikanische Botschafter, Unternehmen und Einsatztruppen beteiligt waren. Auch wenn das große Land im Norden auf eine direkte Invasion in der Regel verzichtete. Man drohte lieber mit Sanktionen und dem Streichen finanzieller Beihilfen, unterstützte dafür lieber Juntas und konservative Wahlbündnisse. Das heutige Südamerika ist ohne die Einmischungen des Großen Bruders im Norden nicht denkbar. Und auch die Gegenbewegungen sind anders nicht denkbar. Gegenbewegungen, die immer öfter in verschiedenen Ländern Erfolg haben - auch gegen massives Sperrfeuer global agierende Medien.

Venezuela und Brasilien sind das beste Beispiel. Und seit 2006 gehört auch Bolivien zu den Ländern, in denen das Unerhörte möglich wurde. Nach 474 Jahren weißer Herrschaft fiel die Macht im Andenland, das einst Teil des riesigen Inka-Imperiums war, zum ersten Mal wieder an einen Vertreter der alten, indigenen Völker, die man landläufig gern Indios nennt. Aber das empfinden die meisten ihrer Vertreter mittlerweile als Beleidigung, als Fortsetzung des alten Kolonialdenkens, das sich auf die "Entdeckung Amerikas" durch Christoph Kolumbus beruft und dessen Irr-Glauben, er habe Indien erreicht und die "Indios" entdeckt.

300 Jahre lang beherrschten Spanier und Portugiesen den Südkontinent, bevor im frühen 19. Jahrhundert die Befreiungskriege des Simon Bolivar zwar die Kolonialmächte vertrieben, dafür die "eingeborene" weiße Schicht zur Herrschaft brachten. Bis heute. Noch immer scheint Südamerika doch eigentlich ein "melting pott" der Hautfarben zu sein, in dem es viele Mestizen und Weiße gibt, aber wenige "Indios".

Ein Schein, der trügt. Auch deshalb trügt, weil die weißen Minderheiten jede Wahl gewannen, jeden Präsidenten stellten und mit Mehrheiten regierten, die eigentlich keine waren. Auch deshalb, weil die große Mehrheit der Ureinwohner kaum organisiert war, wenig Zugang zu höherer Bildung, Macht und Reichtum hatte. Man brauchte sie nicht, um Wahlen zu gewinnen. Man hätte alle Wahlen verloren, wären diese "unsichtbaren" Mehrheiten zur Wahl gegangen.

Fast die Hälfte der bolivianischen Bevölkerung gehört den beiden alten indigenen Völkern der Aymara und Quechua an. So wie der 1959 geborene Evo Morales, Sohn einer armen Aymara-Familie aus Isallawi im Südosten Boliviens. Den langen Weg an die Macht trat er nicht in einer der vielen Parteien an, die sich in Bolivien um die Macht rangeln, sondern über die Gewerkschaftsbewegung. Auch die Koka-Bauern sind in Bolivien in Gewerkschaften organisiert. Diese Vereinigungen sind noch das, was Gewerkschaften in Europa ursprünglich einmal waren: Gemeinschaften, die das gemeinsame Wohl vertreten - auch gegen die Übergriffe der Staatsmacht.

Und die bekamen die Kokabauern Boliviens zu spüren, als die USA begannen, ihre Suchtprobleme damit zu lösen, dass sie die bolivianischen Koka-Plantagen abfackeln ließen. Und nicht nur dort. Wohl wissend, dass Koka zu den traditionellen Heil- und Genussmitteln der Indigenas gehört und erst durch chemische Verarbeitung zum Kokain wird. Das ist eine eigene Geschichte, in der sich aber der ganze Konflikt auftat: Die großen Weltverbesserer im Norden "wünschten" ein Ausmerzen der Pflanzungen. Die Regierung in La Paz schickte die bewaffneten Truppen los und nahm den Koka-Bauern ihre Lebensgrundlage.

Es war nicht das einzige Feld, auf dem der us-amerikanische Neoliberalismus sich in Bolivien betätigte. Bei der Erdgasförderung erfuhren es die Bewohner des Landes genauso wie bei der so "segensreichen" Privatisierung des Wassers. Die ganzen 1990er Jahre waren geprägt von einer Zuspitzung der Konflikte, für die die immer rascher wechselnden Präsidenten in der Hauptstadt immer weniger Lösungen wussten. Evo Morales war nicht zufällig der Mann, der in diesen Krisen immer mehr an Kontur gewann.

German Maruchi Poma versucht in dieser ersten Morales-Biografie, diese Geschichte zu erzählen. Das ist schwierig, wenn der Erfolg noch so frisch ist und noch nicht "zu Geschichte geronnen". Noch steht nicht fest, ob Evo Morales sein Land tatsächlich dauerhaft umkrempeln kann. Sein wichtigstes Vorhaben, die Verfassung des Landes neu zu schreiben, hat er angepackt, hat einen Verfassungskonvent einberufen und sogar seinen Rücktritt angekündigt für den Tag, an dem die neue Verfassung verabschiedet wird. Wichtigster Punkt darin wird die Nationalisierung der heimischen Bodenschätze sein. Mit dieser Absicht hat Morales die "Wirtschaftshelfer" aus dem Norden schon vor Jahresfrist zu Tode erschreckt. Der "Kommunismus" klopfte - wieder einmal - an die Pforten der Demokratie. Auch wenn Morales mehrfach erklärte, weder Demokratie noch Kapitalismus stünden zur Debatte.

Es ging schlicht um Selbstbestimmung eines Landes, das aus den Profiten der eigenen Reichtümer keinen Nutzen zog. Die Gewinne strichen andere ein. Ob Evo Morales mit Bolivien einen neuen, gangbaren Weg für Demokratien in Südamerika aufzeigt, wird erst die Zukunft zeigen. Doch die Ansätze sind da, Ansätze, die auch den Ärmsten im Land mehr Teilhabe am gesellschaftlichen Leben geben.

Noch deutlicher wird das Neue, wenn Poma versucht, die Welthaltung des neuen Präsidenten zu erklären: "Die westliche Welt versteht oft nicht die Logik seiner Entwicklungspolitik", schreibt er. "Für den Indigena ist die Vergangenheit nicht vorbei und vergessen. Die Vergangenheit ist die Gegenwart und bestimmt die Zukunft. Daher ist die Logik nicht: zerstören um danach aufzubauen, sondern: mit der Vergangenheit zu leben und auf ihrer Grundlage etwas zu konstruieren. Alles was kommen wird, die Zukunft, trägt etwas aus der Vergangenheit in sich."

In Europa versucht man diese Zusammenhänge mit dem Begriff "nachhaltiger Entwicklung" neu zu definieren. Es fällt schwer genug. Es widerspricht so sehr der "weißen" Haltung, man müsse das Alte erst komplett wegbaggern, wenn man Neues erschaffen wolle. Pomas Buch gibt eine Ahnung davon, dass Umgang mit den Reichtümern eines Landes auch anders sein kann, rücksichtsvoller, vor allem auch - demokratischer. Auch das wird in Europa gerade neu erfunden: Bürgerbeteiligung nennt es sich. Die Welt ändert sich im Schatten der "Konferenz für Umwelt und Entwicklung der Vereinten Nationen" (UNCED), die 1992 - nicht ganz zufällig - in Südamerika stattfand, in Rio de Janeiro. Das Buch regt - auf andere Art - an, darüber nachzudenken, wie man eine Welt verändern kann, ohne sie zu zerstören.

Muruchi Poma "Evo Morales. Die Biografie", Militzke Verlag, Leipzig 2007, 29,90 Euro

Leipziger Bücher.



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