Eine CD mit Bei-Buch für Frank Klötgen: Will Kacheln
Ralf Julke
18.04.2007
Dass die deutsche Sprache mehr kann als duftige Veilchen und wonnige Mondabende zu beschreiben, das wissen Eingeweihte seit den Un-Taten des Christian Morgenstein und des Ernst Jandl längst. Man vergisst es nur immer wieder. Und jede neue Generation nachwachsender Abiturienten strandet spätestens im letzten Schuljahr im Dunst des Steppenwolfs und den abgekarteten Interpretationen des "Faust". Wer sich retten will, verlässt das Schulgebäude fluchtartig und sucht den nächsten Poetry Slam.
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Ist zwar wieder das übliche Englisch. Weil auch dieser Trend in Amerika "erfunden" wurde. Aber selbst Joyce, Becher und Kurt Schwitters würden das nur kopfschüttelnd kommentieren: Wir erfinden das Zeug und die Amis lassen es sich patentieren. - Was auch nur die halbe Wahrheit ist: Auch das gesprochene Wort erlebt seine Comebacks. Und es waren nicht ganz unverhoffter Dinge die schmalköpfigen Nationalsozialisten, die der deutschen Bühnenliteratur 1933 auf viele Jahre den Garaus und deren beste Vertreter zu Emigranten machten. Das kam dann nie wieder. Denn ab 1945 galt in der zweiten deutschen Republik nie so recht, was aus den eigenen Werkstätten geliefert wurde.
Foto: Voland & Quist
Die heiligen Weihen bekam alles Neue nur, wenn es frisch "übern Teich" kam. Wie Anfangs der 1990er Jahre die poetry-slam-Bewegung, die auch eine Befreiungsbewegung war für das gedichtete Wort in Deutschland. Wer bundesrepublikanische Autoren seinerzeit auf ihren diversen Lesereisen erlebte, wusste, was gnadenlose Langeweile, klassische Trockenheit und olympisches Gebrabbel waren. Den lesenden Autoren liefen die Zuhörer weg.
Was sich da dann - zuerst in Berliner - Klubs tat, war keine Wiedererweckung, sondern eine Neuentdeckung. Ein Aha-Erlebnis nicht nur für verirrte Kneipengänger, die sich auf einmal einer wilden Wörterflut aus dunklen Bühnennischen ausgesetzt sahen. Auch für die Wörter-Macher, die sich da ausprobierten und der deutschen Sprache Dinge antaten, die man beinah schon als lustvoll beschreiben könnte. Zu den Leuten, die sich da am Mikro austobten, gehörte auch der 1968 in Essen geborene Frank Klötgen, der seit 1986 Texter der Band "Marilyn's Army" ist und dann einstieg in die neue Bewegung der Bühnenliteraten, die in schummrigen Kellern und eckigen Bars begannen, ihre Lust am Gesprochenen auszuleben. Auszutesten auch, auszuprobieren, zu was diese seltsame mitteleuropäische Sprache geformt, verformt, gebraucht werden konnte.
Das ist ein anderer Weg zur Literatur als das Studium der Faust-Saga. Man hört es. Der Verlag Voland & Quist packt schon anstandshalber jedem seiner Bücher eine CD mit Live-Aufnahmen der Autoren bei. Man könnte auch sagen: Zur Live-CD wird ein ordentliches Buch dazugepackt. Für alle, die nachlesen wollen, wie viele Welten zwischen dem Gesprochenen und dem Gedruckten liegen. Bei wenigen Bühnenautoren wird diese Entfernung so deutlich wie bei Klötgen, der seine Texte am Mikro aufladen kann mit einem hörbaren Spaß am Gereim, am Angedeuteten, an skurrilen Überschlägen. Sei es der Täucher, der einen Parkteich zum Hundeverschlinger macht, sei es der Berliner Wald, den die Berliner vor lauter Business, Baustellen und Glückskeksen nicht mehr sehen.
Foto: Voland & Quist
Die Dinge entwickeln in Klötgens Diktion einen eigenen Drall, überschlagen sich und enden doch in einem freudigen Aufatmen des Publikums. Das "Noch mal gutgegangen!" ist in jeder der 15 Aufnahmen spürbar. Was der Setzer sich freilich noch nicht getraut hat, ist, dieses genüsslich Zuckergeben auch noch im Satzspiegel deutlich zu machen. Bedruckte Seiten halten den Atem nicht an, fangen nicht an zu rasen, zu raunen, zu wispern. Sie haben keine Tonspur. Das ist schade.
Denn Ansätze zum Experiment mit dem Druckmaterial hat der Typograph gezeigt, hat mit Überschriften gespielt und ganze Stories auch mal weiß auf schwarz gesetzt. Doch auch wenn Klötgen selbst am Mikro meist atemlos und ohne Versprecher agiert - als Lesetext braucht es andere Methoden. Nicht einmal neue. Der "Herr Hitler" und das "Haarstudio Kadaver" bräuchten die Kompromisslosigkeit jener Jahre, in denen die Bühnendichter Deutschlands begannen, Texte für richtig große Bühnen zu schreiben. Als sie die Sätze flattern ließen und die Bilder aufzogen wie Flaggen im Wind. Mehr Mut, möchte man da sagen: Setzer, lass die Sau raus! Die Welt ist eine Bühne und das Auge liest mit!
Deswegen ist einiges in diesem zweiten Buch, das Klötgen bei Voland & Quist veröffentlicht, schwer lesbar, scheint die Distanz riesig zu dem, was auf der beigelegten Scheibe zu hören ist. So schnell lesen, wie Klötgen vorträgt, kann sowieso niemand. Klötgens erstes "Buch" war übrigens der erste deutschsprachige Hyperfiction-Roman "Spätwinterhitze" (ohne "Text-Buch"), Computer-Spiel, Comic und Roman in einem.
Klötgen selbst, so teilt der Verlag mit, ist derweil auf Permanent-Lesereise. Am 11. Mai gastiert er in Horns Erben in Leipzig.
Wer nicht warten will bis dahin, kann vorher schon Poetry Slam erleben und genießen. livelyriX lädt am 6. Mai ab 21 Uhr wieder ein in Ilses Erika im Haus der Demokratie. Zu Gast sind Nadja Schlüter aus Koblenz und Micha Bittner aus Dresden. Erstere hat vor zwei Jahren den U20-Slam bei den poetry-slam-Meisterschaften 2005 in Leipzig gewonnen (www.slam2005), letzterer ist Autor und Mitglied der Lesebühne "sax royal" (www.saxroyal.de). Die Leipziger lokalen Slammer sind natürlich auch wieder mit von der partie.
Frank Klötgen "Will Kacheln", Voland & Quist, Leipzig 2007, 12,80 Euro
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