Seltsame Begegnungen in der Choriner 61: Ahnes Zwiegespräche mit Gott
Ralf Julke
03.04.2007
Ahne hat Glück. Ahne kennt Gott. Gott wohnt in Berlin, ist kürzlich erst umgezogen aus der Choriner Straße 63 in die 61. Eigentlich kein großes Ding für all die Atheisten im Osten. Ist er eben, na und? Wen kümmert das? Hauptsache, es gab den Urknall und ein paar Leute haben Marx gelesen. Doch neuerdings wird's schwierig mit der Stimmenthaltung: Ahne hat seine Zwiegespäche mit Gott als Buch veröffentlicht bei Voland & Quist.
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Es kann also niemand sagen, er habe es gewusst. Und nicht zugehört, was Ahne dem alten Mann da in seiner Nachbarschaft entlockt hat. Oder jungem Mann. Man erfährt es so recht nicht. In den Texten kommt Gott nicht gerade als Tattergreis daher, aber doch als welterfahrener Alter, der seinen Besucher mit uralter Abgeklärtheit zu nehmen weiß. Und natürlich den örtlichen Dialekt beherrscht wie die Eingeborenen. Er berlinert. Wie Ahne selbst. Die 44 Gespräche, die Ahne mit dem Eigenbrödler führt, haben eine sichere Fahrkarte in die große Bibliothek der Berliner Mundart. Die auch eine Lebensart ist, ein unverwechselbar abgeklärter, schnodderiger Stil, den alle Nichtberliner als pure Arroganz empfinden.
Im Hauptdorf der Republik gilt er als volkstümlich, heimelig und fair. Man lebt Distanz, indem man sich anmotzt. Da Raum genug, mit stolzgeschwellter Brust zu verduften, wenn man sich mit sinnigen Sprüchen gegenseitig fertig gemacht hat. Das passiert auch Gott, der es gelassen nimmt. Ist man in Berlin erst einmal per Du, kann nicht mehr allzu viel passieren. Die Fallhöhe ist gering. Und wenn man vermutet, der Andere könnte von der eigenen Großmäuligkeit gekränkt sein, hängt man einfach ein "wa?" an den Satz. Dann muss der andere doch wieder reagieren. Und alles ist atze.
Ahne ist kein unbeschriebenes Blatt. Der gelernte Ofset.Drucker ist seit Jahren auf den Berliner Lesebühnen "Reformbühne Heim & Welt" und den "Surfpoeten" aktiv. 2004 erschien als eines der ersten Bücher bei Voland & Quist eine Anthologie mit Texten der "Surfpoeten". Vorher hatte Ahne, der sich auch als Hausbesetzer probierte, schon Bücher bei KiWi veröffentlicht.
Mit seinen Zwiegesprächen landete er nicht unerwartet bei Voland & Quist: Die Texte passewn nicht in ein üblichen Paperback-Programm. Es sind keine echten Sketche, keine richtigen Anekdoten, keine Short Stories. Eher kleine Fechtereien um die Dinge, die Menschen so umtreiben auf Erden: geschlossene Kneipen, praktische Haushaltsgeräte, die richtigen Nachbarn und die Notwendigkeit des Staubes. Kleine Geplänkel, die sich manchmal nur ums Geldpumpen drehen oder Gottes Unlust, sich in irdische Belange einzumischen. In der Regel gehen sie alle aus wie das Hornberger Schießen: Tschüss Gott. - Bis gleich.
So nebenher erführt der Ungläubige, dass Gott keine Religion haben muss und manchen Tags recht beschäftigt ist. Der Verlag hat auch wieder die nun klassische CD ins Buch gepackt, diesmal mit der Wiedergabe von 16 Stücken, die in der Show Royale von Radio Eins gesendet wurden. Verwirrend deshalb, weil Gott hier deutlich jünger wirkt als in den Texten und die beiden Akteure nicht ganz so gut berlinern wie Ahne schreibt. was schade ist, denn damit geht ein Stück jener Souveränität verloren, die die kurzen Dialoge erst glaubhaft macht. Natürlich wohnt Gott in der Choriner Straße und freut sich über überverhofften Besuch. Auch wenn dann nur so scheinbar läppische Themen wie der BFC, das Energiesparen oder die Gen-Manipulationen Anlass geben zum lakonischen Nachdenken über die Welt, die Frühausteher oder die fehlenden Nackten im Park.
Ahne "Zwiegespräche mit Gott", Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2007, 13,90 Euro.
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