Pauschal ins Paradies: Das Urlaubs-Buch zum Ausnüchtern
Ralf Julke
08.06.2007
Es gibt sie zu Dutzenden, zu Hunderten, jedes Jahr aufs neue. Mit immer denselben sonnigen, wonnigen, x-fach geklonten Urlaubs-Sommer-Traumgeschichten: die Urlaubs-Lesebücher, die selbst in den Ferienorten die winzigen Buchhandlungen verstopfen und Suchende zur Verzweiflung bringen: kein Krimi, kein Klassiker, kein hochkarätiger Autor im ganzen Laden. Nur dieser Schrott. Und jetzt auch noch das: Voland & Quist legt das Urlaubsbuch zum Abgewöhnen vor.
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Es nennt sich nicht umsonst "Pauschal ins Paradies". Die Zeit der Abenteuer ist vorbei. Wer heutzutage losfährt, bucht sich sein Paket an der türkischen Riviera, auf den Balearen oder am Strand von Thailand. Für alle gibt es alles in leicht verdaulichen All-inclusive-Paketen. Mit Schnorcheltour im Riff, Hai-Besuchen und Caipirinha an der Pool-Bar. Die Welt der Urlaubsreisen ist eine Massenabfertigung. Man reist nicht mehr. Man wird gereist. Der Urlaub ist zur Fließband-Hölle der immergleichen Bilder, Nepps und Hotelanlagen verkommen. Millionen erleben, egal wohin sie fahren, die moderne Vorhölle der Fertig-Ferien.
Auch das kann erholsam sein. Die meisten wollen gar nichts anderes. Nur Leute wie Jan Drees, Matthias Klaß oder Gabriele Damtew & Co. kehren aus solchen Abenteuern mit ungutem Gefühl zurück. 22 Autoren hat der Berliner Andreas Gläser angesprochen und gebeten, einen Text zu schreiben zu ihren Urlauben, pauschal oder individuell, mit Familie oder ohne. Nicht irgendwelche Autoren, sondern gestandene Schriftsteller, Journalisten, Musiker. Leute um die 40. Die Noch-Nicht-Erstarrten, Noch-Immer-Jungen. Auch wenn sich bei vielen der freche Gestus des Bühnen-Autoren drastisch mischt mit de Wirklichkeit des Geldverdienen-Müssens, der mühsamen Partnerschaften, der Mehr-oder-weniger-glücklichen-Familien.
Wer in diesem Mittel-Alter auf Reisen geht, der hat die Illusionen von Fun und Action hinter sich. Der kennt schon ein bisschen von der Welt und kann vergleichen. Auch dann, wenn er - oder sie - wie Anne Hahn im "Freundesland" landet und das exotisch Fremde als das erlebt, was es ist: als Alptraum. Das Faszinierende an den versammelten 24 Geschichten ist: Sie wirken nicht erfunden. Keiner hat sich hingesetzt und versucht, einen überzeugenden "Knaller" für die üblichen Literatur-Wettbewerbe zu schreiben.
Viele Stücke wirken wie kleine, gut beobachtete Erlebnisberichte. Kurzbilanzen dessen, was Leute erleben, die sich wachen Auges einlassen auf Flüge und Schiffsreisen, Einladungen oder Kurzbuchungen im Bayerischen Wald. Was es nirgendwo mehr gibt, ist das "unverfälschte" Paradies. Der "Tourismus" gehört zu den großen Maschinen der "Globalisierung". Er hat alles durchdrungen, auf Umsatz getrimmt und auf Standards, die das Welt-Erlebnis nivellieren.
Doch es sind gut erzählte Zustandsberichte. Alle aus der ganz eigenen Perspektive der Welt-Reisenden, in der auch Ironie, Verzweiflung, Panik ihren Platz haben. Und Andreas Gläser als Herausgeber ist es gelungen, die Reise-Stücke am Ende gar noch nach dem Promille-Grad zu ornen: die nüchternsten gleich zum Auftakt, herrlich zu lesen im Liegestuhl am Strand, wenn man die kommerzielle Idylle zum ersten Mal richtig satt hat. Und dann kann man sich - mit Bierchen oder Cuba Libre - so langsam hineinlesen und hineinsteigern, sich gruseln wie in einer guten Charles-Dickens-Geschichte. Und am Ende, wenn sich selbst die Protagonisten der Türkei-, Sylt- und Polen-Reisen nur noch mit Alkohol bedröhnen, dann darf man glücklich ans Ausnüchtern denken.
Denn eins steht fest nach dieser Pauschal-Tour: Es gibt immer einen Ort auf Erden, der noch schlimmer ist als der, an dem man selbst gestrandet ist. Hauptsache, man erwischt irgendwo dieses Buch mit beigelegter CD, auf der elf der Autoren ihre Texte auch noch selbst vortragen: Kopfhörer auf, CD-Player an - und der Urlaub auf Malle ist gerettet.
Andreas Gläser (Herausgeber) "Pauschal ins Paradies", Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2007, 14,80 Euro
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