Was am 9. Oktober wirklich geschah: Der Tag, der Deutschland veränderte
Ralf Julke
28.09.2007
Man vergisst so leicht. Man vergisst auch, wie alles anfing. Und dass es die Bundesrepublik so, wie wir sie heute kennen, nicht gäbe ohne diesen Montag im Oktober 1989, als sich in Leipzig etwas zusammenbraute, von dem niemand wusste, was daraus werden würde: ein Bürgerkrieg oder eine friedliche Demonstration, wie sie die DDR zuvor noch nicht gesehen hatte. Und dass Mut dazu gehörte, an diesem Tag in die City zu gehen.
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Die nocht nicht City hieß. Weil Stadtplaner mit dem Begriff Shopping noch nichts anfangen konnten. Und auch nicht planten, damit etwas anfangen zu müssen. Aber die Lautsprecher des Stadtfunks funktionierten. Und nachdem am 2. Oktober 10.000 Leipziger erstmals gerufen hatten "Wir sind das Volk!", schien alles möglich. Auch die Staatsmacht hatte sich gewappnet. Die Demonstration vom 2. Oktober hate sie noch mit Polizeigewalt aufgelöst. Eine Woche vorher waren es 5.000 gewesen. Etwas geschah. Und nur in einigen Dienststellen des Staatsapparate schien alles klar. Der Chef des MfS, General Erich Mielke, beschwor den 17. Juni 1953 herauf, tönte von Konterrevolution.
Es gibt viele Legenden über den 9. Oktober. Und viele "Väter" dessen, was dann geschah. Oder besser: nicht geschah. Egon Krenz ist einer dieser "Väter". 18 Jahre nach diesem Tag lohnt es sich tatsächlich, ein Buch zu schreiben und alles, was seitdem aus Protokollen und Archiven zu Tage gebracht wurde, zusammenzutragen. Martin Jankowski hat es getan, 1965 in Greifswald geboren und 1989 mitten drin im "Auge des Sturms". Er hat etliche Friedensgebete mitgestaltet, war Sprecher des "Trägerkreises", der die Aktivitäten der Leipziger Basisgruppen organisierte, die jeweils die Friedensgebete thematisch vorbereiteten.
Auch in Leipzig war Kirche der einzige Freiraum, wo all die notwendigen Gespräche über Abrüstung, Friedensdienst, Umweltschutz und Menschenrechte möglich waren, die die Altgewordenen im Politbüro nicht wollten. "Würden Sie, wenn Ihr Nachbar seine Wohnung neu tapeziert, sich verpflichtet fühlen, Ihre Wohnung ebenfalls neu zu tapezieren?" fragte Genosse Kurt Hager 1987 in Replik auf die sowjetische Perestroika. Man wollte nicht tapezieren. Man wollte nicht diskutieren.
Deswegen waren es auch viele Nicht-Christen, die sich in den Friedensgebeten einfanden, viele Ausreisewillige, die das Land verlassen wollten. Am 13. März 1989 gingen sie zum ersten Mal auf die Straße. Das war noch vor dem ungarischen Sommer, vor der Prager Botschaft. Vor dem 4. September, als die Demonstranten den Slogan umkehrten: "Wir bleiben hier". Ein Land war dabei, endgültig auszubluten. Und die Staatsmacht stellte sich stur. Brachte nur eines fertig: im alten Reflex: zu drohen. In Nebensätzen für den 9. Oktober auch in Leipzig einen "Himmlischen Frieden" zu verkünden, die "chinesische Lösung", die auch Genosse Egon Krenz für machbar hielt.
Bis er am Abend des 9. Oktober die Fernsehbilder sah, die nur ins Innenministerium übetragen wurden: Das DDR-Fernsehen sollte aufzeichnen, wie in Leipzig mit Konterrevolutionären umgegangen wurde. Der greise Staatschef Erich Honecker schwadronierte sogar von Panzern, die man einfach in die Menge hineinfahren lassen könnte. Eines steht fest: Von den Berliner Bonzen hat niemend das Blutbad verhindert. Polizei, Armee und Kampfgruppen standen einsatzbereit in den Nebenstraßen mit Räumfahrzeugen und Wasserwerfern. Die Gefangenenzellen waren vorbereitet.
Doch man hatte nicht mit 70.000 Mutigen gerechnet. Dafür reichten alle Einsatzkräfte nicht. Erst recht nicht mit 70.000 friedlichen Demonstranten. Was tun? Die Entscheidung lag an diesem Abend bei einem einzigen Mann: beim Einsatzleiter Helmut Hackenberg. Stellvertretender SED-Chef in Leipzig. Er braucht dem Chef der Volkspolizei, Gerhard Straßenburg, nur zu sagen, dass losgeschlagen werden soll. Die Einsatzpläne waren ausgearbeitet. Aber er tat es nicht. Er rief, als sich die 70.000 auf den Ring drängten, Egon Krenz in Berlin an. Und wartete vergeblich auf einen Rückruf. Bis ihm nichts anderes übrig blieb, als die Einsatzkräfte zurückzunehmen.
Die schiere Zahl der Demonstranten macht jeden Einsatz unmöglich. Krenz rief erst zurück, als alles vorbei ist. Alle Protokolle und Erinnerungen, die seither gesammelt wurden, zeigen, wie schmal der Grat war, auf dem sich an diesem 9. Oktober das Schicksal der DDR entschied. Und die, die trotz aller Angst, trotz aller gezielt gestreuten Gerüchte, in die Leipziger Innenstadt gingen, wussten es. Besser als viele, die da noch an den Hebeln der Macht saßen.
Viele Protokolle wurden noch eilig im Herbst 1989 vernichtet. Das ist die Basis einiger Gerüchte. Aber der Rest zeichnet ein aussagekräftiges Bild. Und Martin Jankowski, der ab 1990 Theologie studierte und seit 1995 als Schriftsteller in Berlin lebt, braucht nicht zu dramatisieren, um die Spannung rund um diesen einen Tag nacherlebbar zu machen. Nicht nur Leipzig fieberte mit. In Berlin und Dutzenden anderen Städten der DDR war man genauso gespannt. Man wusste, dass der Tag entschied über die DDR.
Es war das stille Heldentum der 70.000, die das bewirkte. Und dann alles andere erst möglich machte. Deswegen gehört dieser Tag in die Geschichtsbücher. Auch wenn die "dramatischen Fotos" dazu fehlen, nur ein paar schlechte Schwarz-Weiß-Aufnahmen existierten. Auch wenn die "Helden" fehlen, niemand auf einer Barrikade stand, niemand zum "Märtyrer" wurde. Die Helden fehlten auch später. Aber gerade deshalb ist dieser 9. Oktober etwas so Besonderes in der Deutschen Geschichte.
Martin Jankowski "Der Tag, der Deutschland veränderte. 9. Oktober 1989", Evangelische Verlagsanstalt, Leipzig 2007, 9,80 Euro
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