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Ein Schelmenroman über die rasanten Goldgräberzeiten: Wild Wild Ost

Ralf Julke
Ein Piratenkopf mit Dollarzeichen ziert die Website von Terry Kajuko, nicht verwandt mit Terry Brooks oder Terry Pratchett, aber einer ihrer Brüder im Geiste. Geborener Württemberger mit genealogischen Wurzeln in Südsachsen und am schwarzen Meer, in Marbach zu Hause. Aber mit Schiller hat der 47jährige nicht viel am Hut. Eher mit Ilja Ilf und Jewgeni Petrow, den beiden Russen, die 1928 den rasanten Roman "Zwölf Stühle" veröffentlichten. Um eine rasante Jagd geht es auch in "Wild Wild Ost".

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Es ist der erste Roman des Architekten und Gartenplaners. Und ein Gartenplaner spielt auch die Hauptrolle in dieser Geschichte von Gier und Prahlsucht, die im Winter 1989/1990 beginnt, als im Osten das passiert, was Wissenschaftler gern eine "friedliche Revolution" nennen, die Betroffenen der Kürze halber gern "Die Wende" und die eigentlichen Hauptakteure des Jahres 1990 "Den Großen Reibach". Die Geschichte dazu ist noch nicht geschrieben. Zu fasziniert sind die Forscher noch immer von den eindrucksvollen Ereignissen im Herbst 1989. Und mit Wirtschaft und Politik sind die meisten Historiker eh überfordert:

Terry Kajuko. Foto: Plöttner Verlag
Terry Kajuko. Foto: Plöttner Verlag
Welche Rolle spielen Geiz und Gier bei gesellschaftlichen Wandlungen? welche Rolle spielten sie für all die unverhofft im Rampenlicht stehenden Akteure des Frühjahrs 1990 - die Bürgermeister, Stadtplaner, Banker und Investoren? All jene, die schon im Dezember 1989 Morgenluft witterten, das Knistern einer neuen Zeit spürten, in der man nur die richtigen Zaubersprüche kennen musste, um das Geld zum Tanzen zu bringen.

Es wird gern von den Abenteurern und Glücksrittern geredet, die im Frühjahr gen Osten reisten. Doch kaum einer hat ihre Geschichten aufgeschrieben. Auch wenn ihre Abenteuer die Zeitungen füllten, tausende Legenden, die sich ähneln - vom fröhlichen Begrüßungsstrauß über die Blaskapelle beim ersten Spatenstich, die Jubelartikel auf Seite eins der Regionalzeitungen und die Skandal-Stories, wenn sich das Investment als Blase, die großen Retter als Glücksspieler entpuppten.

Nicht einmal die Journalisten, die den Spuren der Treuhand folgten, können im Nachhinein eine Summe nennen, wieviel Geld da in einem einzigen Hurrikan durch die Landschaften wirbelte, in trostlosen Gewerbegebieten verendete, riesigen Kläranlagen, glitzenden, unvermietbaren Bürokomplexen, Datschen, Villen oder schlicht auf Schweizer Konten. Es war ein buntes Volk, das da die Gunst der Stunde nutzte.

Und manche dieser Glücksbringer ähnelten wie ein Ei dem anderen den Mitgliedern der bunten Truppe, die Terry Kajuko in seinem Buch gen Osten schickt in ein halbfiktives Dorf namens Lüstig am Rande Dresdens, wo der soeben in die Pleite gerutschte Gartenarchitekt Martin Stengele und sein dicker Freund Fabian Stoff, Architekt von Beruf, dem Bürgermeister ein Gewerbegebiet andrehen und mit den locker sitzenden Millionen der frühen Jahre in kurzer Zeit ein wahres Feuerwerk entfachen. Gleich reihenweise schieben sie neue Projekte nach, holen immer neue Freude und Kumpel aus Schwaben, kaufen sich in den FC Dynamo Dresden ein und lassen beim Geldausgeben so richtig die Sau raus.

Man gönnt es ihnen anfangs sogar. Auch wenn man ahnt: So größenwahnsinnig kann das nicht wirklich gut gehen. Die Millionen flattern nur so zum Fenster hinaus. Gerade der eh schön trinkfreudige Stoff entwickelt sich zum "Geschäftsmann", wie er im Buche steht, kauft sich ein Luxusauto nach dem anderen, eine Jacht und eine pompöse Vila, versenkt noch ein paar Gelder in einen Privatpuff in Stuttgart. Überhaupt: Die fröhlichen Jungs von S&K lassen kein Bordell aus, wie es scheint, zeigen so richtig, wie potent der moderne Unternehmer wird, wenn er geliehenes Geld auf dem Konto hat.

Und die ganze Zeit hat man das Gefühl: Man ist ihnen tatsächlich begegnet. Man sah sie ja eben noch in den Aufsichtsräten der Fußballvereine sitzen, grinsend in Auerbachs Keller bei der Vorstellung der nächsten Super-Projekte, nett plaudern mit Wirtschaftdezernenten, Kämmerern und Kassenvorständen. Mit goldblitzenden Limousinen fuhren sie vor oder ließen sich einfliegen mit dem Privatjet.

Hätte Egon Krenz geschafft, seine "Wende" tatsächlich umzusetzen, er hätte das, was da von Kap Arkona bis Weimar vor sich ging, fröhliche als NÖP bezeichnen können, als Neue Ökonomische Politik, frei nach Lenin und dem, was den Hintergrund für die rasanten Geschichten von Ilf und Petrow abgab. Kajukos Gestalten sind genau solche Typen, wie sie bei den beiden Russen dem einen, geldgepolsterten Stuhl hinterherjagen.

Nur Martin Stengele selbst, der Erzähler, scheint noch irgendwo eine Wurzel zu haben in der Wirklichkeit, eine klitzekleine, die ihm nicht sonderlich Sorgen macht beim Jetten zwischen Stuttgart und Lüstig, bei "Geschäftsreisen" nach Thailand oder Budapest. Ein Termin jagt ja den nächsten. Und fast jeder endet in einem wilden Besäufnis. Es ist wie die rasante Fahrt in einem Auto ohne Bremse. Und am Ende, als Martin versucht, ein bisschen zu bremsen, ist nicht nur alles zu spät. Es ist auch noch zappenduster. Martin ist so pleite wie am Anfang des Buches, die anderen auch. Nur der Bürgermeister von Lüstig ist aus dem Schneider.

Kajukos Geschichte hat sichtlich das Zeug zu einer rasanten Verfilmung. Wenn sich einer der deutschen Regisseure traut, denn mit melancholischen Seelenzerknirschungen kann er in keiner der flotten Szenen arbeiten. Das Buch lebt von Nicht-Besinnen, von Atemlosigkeit und immer mehr Sex und Drogen und PS. Und beschreibt damit ziemlich genau das gedankenlosteste Jahrzehnt in der jüngeren deutschen Geschichte.

Terry Kajuko "Wild Wild Ost", Plöttner Verlag, Leipzig 2007, 15,90 Euro

www.wildwildost.de



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