Alle Menschen werden Brüder ...: Leipzig und die Freimaurer
Ralf Julke
17.12.2007
Sie sind geheimnisumwittert, man traut ihnen alles zu und dicke Thriller ranken sich um sie als allgegenwärtige Geheimgesellschaft: die Freimaurer. Im 18. Jahrhundert, dem großen Jahrhundert der Aufklärung, war ihr Tun in aller Munde. Auch wenn kaum einer wirklich wusste, wer sie waren, was sie taten und warum. Auch in Leipzig gab es sie. Und gibt es sie. Wieder, muss man sagen. Und keiner kann mehr über sie erzählen als Otto Werner Förster.
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Er hat schon mehrere Bücher zum Thema veröffentlicht, hat die alten Protokolle studiert und das Wirken der Leute, die tatsächlich in den Annalen der diversen Logen zu finden sind, deren erste sich 1736 in Leipzig gründete. Damals noch initiiert von den Hugenotten, die nach ihrer Flucht aus Frankreich auch in Leipzig heimisch wurden. Als erste offizielle Loge wurde 1741 die Loge "Aux trois compas" gegründet. Auch hier der französische Ursprung sichtbar. Diese Loge wure später zur Keimzelle einer der berühmtesten in Leipzig, der "Minerva". Soweit die Fakten. Aber: Wo steckt da das Geheimnis?
Immerhin gab es mehrere Bullen diverser Päpste, die das Wirken der Bruderschaften verboten. Auch diverse Landesherren untersagten immer mal wieder das Wirken der seltsamen Bünde, die sich auf eine uralte Tradition beriefen: die Steinmetzbruderschaften, die über Jahrhunderte an den europäischen Dom-Bauwerken arbeiteten und ihr Wissen hüteten, Spezialkenntnisse, die nur deshalb gefragt und begehrt waren, weil nur die wandernden Dombauer darüber verfügten. Nun geht auch die freimaurerische Überlieferung dahin, dass die Mitglieder der Loggia, der mittelalterlichen "Bauhütte", nicht nur ihr Knowhow" hüteten, sondern auch eine eigene Rechtsauffassung samt Pflichtverständnis. Man verpflichtete sich mit der Einweihung in die Baukunst auch zu einem aufrechten Leben, Ehrlichkeit und einem verantwortlichen Handeln für die Gemeinschaft.
Als sich Anfang des 18. Jahrhunderts die englischen Logen konstituierten, machten die Männer, die sich da zusammentaten, das Bauhütten-Vorbild zu einer Handlungsregel für alle. Wer Mitglied einer "Loge" wurde, verpflichtetete sich nicht zum Dom-Bauen, aber zu einem aufrechten, ehrlichen und der Gemeinschaft nützlichen Leben. Aber weil man weder Obrigkeit noch Kirche noch der neugierigen "Öffentlichkeit" Einblick gab und geben wollte ins Logenleben, geriet die Bewegung sehr schnell in den Ruf der Geheimniskrämerei. Auch wenn das "Versteckspiel" noch einen anderen Grund hatte: Man prahlte nicht mit seinen guten Taten.
Man tat sie einfach. Und man fand in den Logenbrüdern immer Partner, mit denen man gemeinsam Dinge bewegen konnte. Deswegen ist es auch nicht verwunderlich, dass in Leipzig die Freimaurer fortan im gesellschaftlichen Leben nicht nur eine herausragende, sondern auch eine vorantreibende Rolle spielen sollten. Wer angesteckt war vom Geist der Aufklärung und des Fortschritts, der kam gar nicht umhin, sich mit den Freimaurern zu beschäftigen.
Rund 9.000 Namen verzeichnen die Bücher der wichtigen Leipziger Logen. Und die Verzeichnisse allein sind schon die Begegnung mit einer Welt, die jenseits von Standes- und Berufsschranken agierte, wo Bankiers, Musiker und Juristen genauso auf Augenhöhe waren wie Adlige, Dichter und Verleger. Da sind die Initiatoren der Leipzig-Dresdener Eisenbahn genauso zu finden wie die wichtigsten Bürgermeister, der "Theaterkassierer" Robert Blum, die Boses, die Apels, der Kanalbauer Heine und die großen Industriellen und der Komponist und Sänger Albet Lortzing.
Es ist keine harmonische Geschichte, die Förster da beschreibt. Auch die Freimaurerei erlebte ihre Irrwege. Logenbrüder traten aus, um in neuer Runde neu zu beginnen oder sich von Abwegen zu distanzieren. Was natürlich fehlt, weil's niemand protokolliert hat, sind die Debatten über die Pläne, die da ausgeheckt wurden - anfangs in den diversen Wohnungen der "Brüder", später in eigenen Logenzimmern oder gar in eigenen Logenhäusern. Die praktisch verschwunden sind aus dem Stadtbild. Wie das Bewusstsein verschwunden ist, das Freimaurer einmal als selbstverständliches Agens einer solchen Stadt wie Leipzig begriffen wurden.
Diskutierten Oeser, Dauthe und Müller (alle drei Mitglieder der Loge Minerva) im Vinonschen Kaffeehaus an der Pleißenburg darüber, wie sie Leipzig nach damals modernsten Gesichtspunkten umbauen wollten? Der Innenraum der Nikolaikirche zeugt bis heute von ihrem Tun. 100 eingetragene Freimaurer gab es zu ihrer Zeit in Leipzig - bei etwa 25.000 Einwohnern. Kurz vor dem Baumeister Dauthe war auch Christian Gottfried Körner der Loge Minerva beigetreten, kein geringerer als der spätere Freund Schillers und Vater des Freiheitssängers Theodor Körner.
Und wie war das mit den Brüdern? Kam Schiller seinen Leipziger Freund nicht 1785 besuchen und schrieb dann eine Ode? Die da augenscheinlich auf Körners Bitte in Gohlis geschrieben wurde für die Freimaurerloge Zu den drei Schwertern in Dresden, in der Körner Mitglied geworden war. So ist das dann also: Alle Menschen werden Brüder ... Nur Schiller wurde augenscheinlich keiner, auch wenn er um die Zeit ernsthafte Kontakte hatte und sich mit dem Leipziger Sonderfall Johann Georg Schrepffer beschäftigte, der 1772 - da man ihn in eine reguläre Loge nicht aufnehmen wollte - eine eigene Winkel-Loge "der ächten Maurerey" gründete und die Stadt zwei Jahre lang in Atem hielt mit Geisterbeschwörungen und angekündigten "Enthüllungen". Schiller nutzte das Material später, um sein Krimi-Fragment "Der Geisterseher" zu schreiben.
Die Geschichte der Leipziger Freimaurerei endet praktisch 1933, als sich die letzten regulären Logen auflösen, um sich nicht den Verfolgungen der Nationalsozialisten auszusetzen. Sie gehörten zu den Hassobjekten eines Regimes, das bürgerliches Selbstbewusstsein genauso verabscheute wie menschliche Aufrichtigkeit. Überlebende Freimaurer gründeten nach dem Krieg in Leipzig wieder aktive Logenkreise, die auch nie verboten waren, auch wenn sie ins staatlich regulierte Leben des Kulturbundes eingegliedert waren.
Nach 1990 ging es im Leipziger Freimaurerleben drüber und drunter wie in allen Bereichen der Stadt, in denen die Dagebliebenen auf einmal mit den ökonomischen Interessen der Brüder von westwärts der Pleiße zu tun bekamen. Da wurden dann alte Leipziger Logen auch schnell mal in Dortmund aus dem Boden gestampft, um Immobilienrechte in Leipzig wahrzunehmen. Jahre später hat sich etliches beruhigt, hat man sich teilweise arrangiert. Die Logen "Minerva" und "Apollo" sind wieder aktiv. Auch wenn ihnen noch das Format der einstigen Logen fehlt und sie das städtische Leben nicht beeinflussen wie die distinguierten Herren etwa im 19. Jahrhundert.
Die Ideale sind die gleichen: Ein selbstloses Wirken im eigenen Kreis, fernab von Kirchen und Parteien. Mitten im bürgerlichen Leben. Und wem das nun immer noch zu mysteriös klingt, der kann sich jetzt das von Otto Werner Förster und Günter Martin Hempel akribisch erarbeitete Büchlein besorgen, in dem die ganze Leipziger Freimaurer-Geschichte kurz und bündig beschrieben ist. Als Kulturgeschichte, die zu großen Teilen reinste Leipziger Stadtgeschichte ist. Und man bekommt so eine Ahnung, dass ohne die Brüder vieles nicht so gelaufen wäre zwischen 1736 und 1933.
Otto Werner Förster/Günter Martin Hempel "Leipzig und die Freimaurer", Taurus Verlag, Leipzig 2008, 24 Euro
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