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Spurensuche in den Heftchen der rechten Szene: Sprache des Rechtsextremismus

Ralf Julke
Sie melden Demonstrationen an, verteilen CDs auf Schulhöfen, versuchen ganze Stadtquartiere unter Kontrolle zu bringen, laden zu seltsamen Pressefesten ein und zu Konzerten, auf denen der Hass gerockt wird. Nicht nur Verfassungsschützer machen sich Gedanken über die Rechtsextremen im Land. Die Sprache der Ultra-Rechten ist auch ein Thema für angehende Germanisten.

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Sie haben ihre Erkenntnisse über "Sprache des Rechtsextremismus" jetzt in ein Buch gepackt. Entstanden sind ihre Texte in einem Projekt des Instituts für Germanistik der Uni Leipzig, betreut von Prof. Georg Schuppener. Sie mussten das lesen, was andere Menschen nicht einmal mit den Fingerspitzen anrühren: rechtsextreme Fanzines, erschienen in Sachsen, mit so sprechenden Namen wie "Declaration of War", Foiersturm" oder "Sachsens Glanz". Die in der Regel nur innerhalb der Szene verteilten Produkte hat ihnen der Sächsische Verfassungsschutz anvertraut, selbst sehr interessiert an der wissenschaftlichen Auswertung.

"Trotz ihrer zentralen Rolle hat die Sprache des Rechtsextremismus bislang noch nicht hinreichende Aufmerksamkeit gefunden", meint Andreas Schuppener. Was einzuschränken wäre mit den Worten "in letzter Zeit". Katrin Schulz weist in ihrer Erläuterung zur Thematik des Projektes darauf hin: "Nach der Teilung Deutschlands wurde in der DDR die Manipulation der Sprache im Nationalsozialismus zwar diskutiert (vgl. V. Klemperers "LTI"), aber nur als historisches Thema." Die Klammer ist wichtig. Denn dasselbe trifft auch auf den westlichen Landesteil zu.

Die "LTI" wurde zum einem Bestseller, fand aber praktisch keine Fortsetzung - nicht in der Sprachwissenschaft des Ostens und nicht in der des Westens. So dass junge Leipziger Studenten im Jahr 2007 praktisch von Neuem beginnen und nicht zurückgreifen auf das, was der 1881 geborene Literaturwissenschaftler 1947 analysierte. Auch wenn niemand ihm dafür ein Forschungsprojekt bezahlte. Er berichtete aus eigener Erfahrung, aus aufmerksamem Beobachten jener zwölf Jahre, die er im Nationalsozialismus als Wissenschaftler ausgegrenzt wurde.

LTI - Lingua Tertii Imperii - ist seine Prägung. Ein kleiner Spaß auch, denn eine eigene Sprache hatte das selbsternannte Dritte Reich natürlich nicht. Doch es ging mit Sprache auf besondere Weise um. Nicht nur suggestiv, auch wertend und umwertend. Und vor allem reduzierend. "Sondern der Nazismus glitt in Fleisch und Blut der Menge über durch die Einzelworte, die Redewendungen, die Satzformen, die er ihr in millionenfachen Wiederholungen aufzwang und die mechanisch und unbewusst übernommen wurden", schreibt Klemperer, der nach 1945 auch miterleben konnte, wie der zwölf Jahre lang trainierte Sprachgebrauch fortgeführt wurde.

"Aber die Sprache des Dritten Reichs scheint in manchen charakteristischen Ausdrücken überleben zu sollen", schreibt er 1947, "sie haben sich tief eingefressen, dass sie ein dauerhafter Besitz der deutschen Sprache zu werden scheinen." Und das schreibt er nicht als Reaktion auf diverse Reden in rechtspopulistischen Parteien, sondern aus Erfahrungen im Osten. So gesehen ist auch der "LTI"-Artikel auf Wikipedia recht unausgewogen. Es gibt etliche Stellen in Klemperers "LTI", in denen er auf den Neusprech im nunmehr antifaschistischen Osten eingeht. Aber eben auch auf die Wurzeln, die Herleitungen, die Gründe für diese sprachlich auf einmal wahrnehmbare Armut, Steifheit und vor allem Blässe.

Dass das ostdeutsche Funktionärsdeutsch davon bis zuletzt nicht mehr loskam, gehört zum Funktionsprinzip von Diktaturen. Aber nicht nur das. Das ist das Zwiespältige an solchen Entwicklungen: Sie greifen um sich, werden Allgemeingut. Und wenn die Funktionsmechanismen klar sind, kann man den etablierten Wortmüll auch für Werbung, politische Reden, Sekten-Manifeste und andere Werke der "Beredsamkeit" nutzen. Bis hin zum bewussten oder dilettantischen Rückgriff auf eine überstrapazierte Fügung wie "Wir sind stolz .." Die einen darauf, Deutsche zu sein. Die nächsten, Straßenbahn fahren zu dürfen.

Stolz, Ruhm und Ehre gehören zu den meistgebrauchten Standards im Kauderwelsch der 1933 neu etablierten Machthaber. Und die sorgten mit Zeitungsverboten, Entlassungen, Verhaftungen und Bücherverbrennungen dafür, dass sehr bald nur noch ihr Kauderwelsch im Land zu lesen und zu hören war. LTI, so Klemperer, funktioniert nur innerhalb geschlossener Gruppen. Das ist noch heute so. Wer Worte wie Heldentum und Fanatismus neu definiert, muss damit rechnen, von Außenstehenden nicht mehr verstanden zu werden. Nur wer das Monopol über die Medien hat, kann Sprache zum Instrument der Macht machen. Wie schreibt Klemperer doch? "Worte können sein wie winzige Arsendosen: Sie werden unbemerkt verschluckt, sie scheinen keine Wirkung zu tun, und nach einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da."

Logisch. Der Absatz geht so weiter: "Wenn einer lange genug für heldisch und tugendhaft: fanatisch sagt, glaubt er schließlich wirklich, ein Fanatiker sei ein tugendhafter Held, und ohne Fanatismus könne man kein Held sein."

Was irgendwann nur noch dem auffällt, der den Zugang zum Reichtum der eigenen Sprache und Vergangenheit behält, der sich nicht in die Gruppe, die Masse, das Kollektiv zwängen lässt. Und der auch seinen kritischen Geist behält, wenn die Inhaber der Lautsprecher auf einmal die großen Superlative aus der Kiste holen.

Die Sprache des Extremismus ist arm und farblos. Das mussten auch die Studenten feststellen, die sich durch die diversen martialischen Heftchen quälten. Es kommt viel Kampf darin vor, viel Feind, viel Ehr. Das gehört alles zum alten Repertoire, das die Nazis nicht erfunden haben, das auch vor 1914 schon zum Kriegsgeschütz der diversen Feldherren, Nationalisten und Kriegslüsternen gehörte. Fast alles taucht gebündelt auch schon in Hitlers "Mein Kampf" auf. Bis hin zur Selbststilisierung als ein zu Unrecht Verfolgter, Ausgestoßener, von finsteren Mächten Bedrängter. Getränkt mit einer Menge Trotz, Verkanntsein und Rachegelüst. Ein Psychologe würde sagen: infantil.

Genau die Haltung nimmt auch augenscheinlich die heutige rechte Szene ein. In ihrem Sprachgebrauch auf jeden Fall: Man stilisiert sich als Opfer eines "verräterischen Systems". Und beschwört eine Gemeinschaft der Ausgestoßenen, in der die Ideale des Heldentums und der Opferbereitschaft gepflegt werden. Das funktioniert nicht nur bei Nazis.

Ob die Macher der diversen von den Studenten untersuchten Fanzines ein wenig erfolglos waren in ihrer schulischen Bildung, muss keine Frage sein. Die Sprache, die sie verwenden, gehört zum Standard innerhalb ihrer "Bewegung". Die Frage ist eher: Wieviel LTI steckt eigentlich in der gewöhnlichen Alltagssprache der Deutschen? Wie wird die Neugier der Schüler auf Sprache geweckt? Und wie lernen sie, wie man den Missbrauch der Worte erkennt? Wie lernen sie, den Reichtum der Sprache gegen Floskeln, Anmaßungen und Verdrehungen zu verteidigen? Oder: Warum sind gerade Jungen so anfällig für diesen Opfer-und-Führer-Kult? So versessen darauf, ihre eigene Sprache gegen diese Plattitüden einzutauschen?

Da könnte sowohl Germanistik als auch Literaturwissenschaft weiter gehen und nachforschen, wie Sprache gebeutelt und verzerrt werden kann. Und wie man Propaganda und Missbrauch erkennen kann. Frühzeitig. Bevor man den Reichtum einer Kultursprache eintauscht gegen die Phrasen einer kleinen, selbstgerechten Gruppe, die selbst aus der nordisch-germanischen Mythologie nur das herausklaubt, was ins trotzige Heldenbild passt.

Georg Schuppener (Herausgeber) "Sprache des Rechtsextremismus", Edition Hamouda, Leipzig 2008, 17,90 Euro


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