24 Unverwechselbare: Eine Doppel-CD mit Dichter-Originalen aus Sachsen
Ralf Julke
07.06.2008
Geheimtipp? Retro-Reise in ein vergessenes Land? Schummerstunde? Lauschen im Rauschen der Zeit? - Was Gerhard Pötzsch mit seinem jüngsten Hör-Buch vorgelegt hat, ist tatsächlich etwas Besonderes. Auch wenn es so schlicht daherkommt: "Meine 24 sächsischen Dichter". Dichter sammeln kann ja jeder.
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Und wer herumwandert im einstigen Königreich der Auguste, der findet allerorten einen Dichter. Mal einen Eigenbrödler, mal einen Witzbold, mal einen Bühnenschmettereir, mal einen Sangesbruder. Alles da. Sachsen haben schon immer gern gedichtet. Das Land animierte dazu. Und wer Gedichtbände zusammenstellen will, der kann fast für jedes der letzten Jahrhunderte einen dicken Wälzer binden.
Doch das wäre nicht das Ding des Leipziger Hör-Verlegers Gerhard Pötzsch. Natürlich kann man auch die Ringelnatze, Lessings und Körners einlesen lassen. Aber das Besondere ist ja - wenn sie selber lesen. Da wird's schon schwierig. Macht aber nichts, meint Pötzsch. Er hat sich umgetan in den Archiven - des Hörfunks vor allen Dingen. Denn es gab Zeiten, da nahmen öffentliche Sender das auf, was Dichter so sprachen. Nicht nur Diskussionsbeiträge zum Lauf der Zeit, zum Rauschen der Kultur oder den Wildwassern des Lebens. Das ist selten geworden. Doch im letzten Jahrhundert war's noch üblich.
So dass Gerhard Pötzsch sichten und sortieren konnte, was von den dichtenden Sachsen des späten 20. Jahrhunderts gespeichert war. Jenen zumal, die in eine großen Klammer als "Sächsische Dichterschule" tituliert werden könnten, auch wenn sie nicht alle sächselten. Und nicht alle im rußigen Sachsen lebten. Doch das Schöne ist: Die meisten der so auf Tonband Gebannten, die just nicht in Sachsen lebten und leben, sächseln beim Vortragen ihrer Gedichte aufs Köstlichste. Dafür lasen die Daheimgebliebenen, so scheint es, fleißig auf Hochdeutsch vor. Was Sinn macht.
Denn Protest-Sprache war Sächsisch bis 1989 vor allem außerhalb des ungeliebten Teritoriums. Wenn einer wie Volker Braun liest, dann scheint Dialekt und Dialektik ein paar Schuhe zu sein, ein Handwerkszeug aus einer Schmiede: Jede Revolution verliert ihren Glorienschein, wenn einer sie preist, als verlange er Semmeln, die man auch essen kann.
Und wenn dann die allwaltende Geschichte verkündet: Ham wir nich! - Dann ahnt man, warum nicht nur Volker Braun so betrübt klingt und grübelnd, wenn er überlegt, jetzt vielleicht doch auf eigene Faust das Rathaus zu besetzen.
Dichter dürfen das. Sie dürfen sinnieren und ausprobieren, genauer hinsehen und dagegen sein. Dafür oder immer daneben. Sie dürfen maulen und ausrufen. Und mit Worten malen. Naja: Und am Ende müssen sie es auch vorlesen können.
Und wenn sie gut sind, klingt dann was mit zwischen Zeilen, Worten und Brüchen. Dort, wo sie die Widerhaken versteckt haben, das Unschlüssige, Verdrossene oder Bissige. Dichter dürfen auch beißen.
Und ein gut Teil Hoffnung der jüngst vergangenen Republik rührte aus diesen Verdrossenheiten sächsischer Dichter, aus ihrem Gemaule und Genuschle. Sie haben dem Land ein Grummeln verpasst, ein störrisches Beharren auf einer eigenen Sicht. Was Manchem auch - in gepflegem Ritual - ein Druckverbot einbrachte, einen Maulkorb, ein Arbeitsverbot.
Staatsparteilichen Grimm. Manchmal in eisigem Wechsel zwischen Butterbrot und Peitsche, parteilicher Umarmung und zornigem Gewitter. Bis am Ende die Dichter selbst nicht mehr verstanden, was die Granden nun wirklich noch von ihnen wollten. Und sich in bester Gesellschaft wiederfanden auf den Protesttribünen des '89er Herbstes.
Was da und dort auch hervorschimmert aus den Gedichten, die Gerhard Pötzsch ausgewählt hat. Zu manchen seiner Lieblingsdichter hat er kein Tonband gefunden in den Archiven. Zu Richard Leising etwa. Und auch zu anderen, früh Verstorbenen, war die Suche schwer, gab es nur wenige, umso kostbarere Fundstücke. Von den Jüngeren war leichter ein Originalton zu bekommen.
Thomas Rosenlöcher aus Dresden und die in Karl-Marx-Stadt geborene Kerstin Hensel eröffnen den Reigen auf der ersten CD, die Dresdner Karl Mickel und B. K. Tragelehn beenden ihn auf der zweiten CD gemeinsam mit Heiner Müller aus Eppendorf.
Die Auswahl ist hochkarätig. Pötzsch hat nicht jeden dichtenden Sachsen aufgenommen. Und die ganz Jungen mit Absicht vermieden. Guter Wein muss lagern. Und von manchem Talent weiß man erst nach Jahren, ob das Gehörte auch dauerhaft trägt, nicht bloß ein eilender Reim für die Stunde ist oder eine närrische Parole für den Tag.
Was bleibt, sind 24 Dichter, die auf ihre Art bestanden haben - vor der Zeit, den Lesern und dem strengen Maßstab des Auswählenden. Der damit auch eine Literaturlandschaft würdigt, die diese Aufmerksamkeit verdient hat.
Denn die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts war für diese genaue, aufmerksame Lyrik eine gute Zeit. Auch wenn die von Baggern aufgewühlte Landschaft nicht immer ein guter Ort war. Eher eine spröde Kulisse für gelassene Worte, wie sie etwa der Chemnitzer Stephan Hermlin fand: "Die Zeit der Wunder ist vorbei ..."
Worte, die sich spätestens in Texten von Georg Maurer und Andreas Reimann selbst entlarven: Die Wunder finden noch immer statt - nur halt nicht mehr unter verordneten Himmeln. Ein anspruchsvolles Booklet erklärt dem Hörer, was für Leute ihm da ihre Gedichte ins Ohr brummeln, listet ein paar Lebensdaten auf und serviert die Texte gedruckt. Zum mitlesen.
Denn erst wenn man hört, merkt man, dass Gedichte sich verändern - mit jeder Stimmung und jeder Stimme.
"Dichtung des 20. Jahrhunderts. Meine 24 sächsischen Dichter", Doppel-CD, herausgegeben von Gerhard Pötzsch, Hörwerk Leipzig 2008, 16,90 Euro.
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