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Born to be wild: Die Begleitmusik zu einem Jahrzehnt, über das fast niemand nichts weiß

Ralf Julke
40 Jahre sind natürlich nicht viel in der Weltgeschichte. Hat das Jahr 1968 die Welt verändert? Haben die 1960er Jahre das geschafft? Oder hat die Musik es geschafft? Haben Beatles, Stones und Janis Joplin die Verkrustungen gesprengt, die das Jahrhundert zu erdrosseln drohten? - Daniel Gäsche hat dem nachgespürt. Selber ein 1968er. Ein geborener.

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Das macht die Sache schon kompliziert. Denn wie bekommt man so ein Jahrzehnt in den Griff, an dem nur die Eltern tatsächlich beteiligt waren und das augenscheinlich hinterher ein ganz andere Welt-Gefühl zurückließ. Mal ganz zu schweigen von diesem Mount Everest der Musik, der in wenigen Jahren aufgetürmt wurde und seither alles aberschattet. Es sind nicht nur Satzfetzen wie "Born to be wild", wie sie der Berliner Journalist als Buchtitel wählte, die heute noch wie die Parolen eine glorreichen Revolution klingen.

Songs von Bob Dylon, den Beatles, Scott McKenzie kann man zitieren - und selbst die Jüngeren bekommen sofort ein Bild vom großen Aufbruch, von "Make love not war" und Friedensmärschen. Es schien alles gleichzeitig zu passieren in diesen wenigen Jahren, die eigentlich erst 1962 so richtig begannen und 1968 schon ihr Finale hatten.

Um dann fast übergangslos in die bleierne Zeit der 1970er überzugehen, die eigentlich mit dem Tod dreier Heroen begannen: Jimi Hendrix, Janis Joplin, Jim Morrison. Gäsches These lautet: Die Musik hat eine entscheidende Rolle gespielt bei allem, was da in den 1960er Jahren ins Rollen kam. Das versucht er zu beweisen. Er will keine Geschichte der 68er schreiben. Und schreibt sie doch. Genau so, wie sie ein Radiomacher schreiben würde: Über die Musik. Er will den Zeitgeist einfangen und die mögliche Kraft der weltweit erfolgreichen Songs bei der Entfaltung eines neuen Lebensgefühls und möglicher politischer Veränderungen.

Man kann sich täuschen lassen von diesem grandiosen Jahrzehnt und seinen Liedern.Und man traut den Liedern mehr zu, als sie tatsächlich bewirkten. Auch wenn sie wie kein anderes Medium den Anspruch auf Liebe, Frieden und Freiheit verkündeten. Über Grenzen hinweg, in den verschiedensten Ländern. In Großbritannien genauso wie in den USA, wo der Vietnam-Krieg gleich reihenweise Protest-Songs entstehen ließ, die bis heute lebendig sind. Und wieder und wieder gesungen werden. Wie Joan Baez' "We shall overcome". Der Irak-Krieg hat sie so aktuell wie damals gemacht. Als ein Pete Seeger in Amerika genauso erfolgreiche Konzerte gab wie in der DDR. Und da deutet Gäsche schon an, dass die Bilder, die von "1968" gepflegt werden, vielleicht einer Generalinventur bedürfen. Zu verkrustet ist die rein westdeutsche Sicht auf das Phänomen, zu erstarrt sind auch die Interpretationen der Vermarktung, die heute in süffigen "Chart-Shows" die wilden  Erinnerungen zum Tanzen bringt und die "Super-Hits der 1960er" genauso durch die Maschine nuddelt wie die der 1970er, 1980er und so weiter ... nicht ohne Grund üben einige von Gäsches namhaften Interview-Partner deutliche Kritik am Formatradio, das irgendwann in den 1980er Jahren den Markt überschwemmte und wahllos in die Liederkiste des Jahrhundertts griff.

Was nun nur noch zählte war eine Platzierung in den Top Ten von Honolulu bis Hinterschwabing. Eine Glorifizierung des Markterfolges. Dabei durfte ein Großteil der Musik der 1960er Jahre in vielen Sendern gar nicht gespielt werden, mal aus Angst, sie könnten die Kriegsgegnerschaft befeuern, mal aus bürgerlicher Sittenstrenge. Man fürchtete ja um die Verderbnis der Jugend.

Deswegen traf der Rock'n'Roll Deutschland gar nicht so unverhofft auf die eigentlichen Sanges-Helden des Establishments: Heintje, Peter Alexander, Freddy Quinn und Manuela. Vorbildern, wie sie manche, die an den Reglern saßen, gern für die Jugend in Deutschland gesehen hätten.

Und da deutet Gäsche nur an, wo er den Graben sieht. Der natürlich tief ins Politische reicht und in die Studentenrebellion, der die Ost-Deutschen nur kopfschüttelnd zuzuschauen schienen. Weil sie, wie Gäsche andeutet, andere Sorgen hatten. - War das wirklich so? - Die Leipziger Beat-Demo von 1965 spricht eine andere Sprache. Und zahlreiche Filme, Band-Gründungen und Bücher der Zeit sprechen ebenfalls eine andere Sprache. Mit dem Unterschied, dass ein Großteil der aufmüpfigen Werke davon 1965 per Plenums-Beschluss der herrschenden Partei verboten wurden, in den Archiven verschwanden.

So walten konnten einige Leute westwärts der Grenze nicht. Doch ein wichtiger Antrieb war hüben wie drüben derselbe für die "Rebellion" der Jugend: das Vertuschen der Nazi-Zeit, das Schweigen über Taten und Täter. An dieser Stelle irrt Gäsche. Auch der Osten war kein Staat aus lauter Antifaschisten. Auch hier war die Elterngeneration großen Teils verstrickt gewesen in das, was in Deutschland zwischen 1933 und 1945 geschah. Und während der Westen sich in den wilden Jubel des "Wirtschaftswunders" stürzte, gab's im Osten den "verordneten Antifaschismus". Verbunden mit der neuen Weisheit der nun Mächtigen, zu wissen, was dem Volke zugemutet werden könnte.

Das Ergebnis war in beiden Fällen eine neue Medienwelt, die geradezu glühte vor kleinbürgerlichem Anstand, guter Laune und Moral. Die Film- und Fernseharchive sind voll davon. Und was auf der neu aufkommenden Mattscheibe als fröhliches Geträller daherkam, erschien in den Reden der Tugendwächter beidseits der Grenze in einem erstaunlich ähnlichen Vokabular. Gammler, Rowdies, Sittenverderber. Der Geist des frisch vergessenen "Dritten Reiches" feierte fröhliche Wiederauferstehung.

Den Film "Blutige Erdbeeren" von 1970 erwähnt Gäsche nicht ein einziges Mal. Doch gerade dieser wilde und dennoch hilflose Protest ist am Ende die Klammer, die das Jahrzehnt in Ost wie West verbindet, die wilde Hoffnung auf ein freieres Leben (in jeder Beziehung) und das Scheitern der kühnen Träume an einer Realität, in der die Rednecks das Sagen hatten. Und eigentlich muss man sagen: haben. Bis heute. Die Schwäche der "68er" war immer ihr Schwanken zwischen kühnen Träumen und der Unfähigkeit, die Realität an der Gurgel zu packen.

Auch das wäre eine eigene Geschichte der 1960er Jahre und ihre Musik: die Gegen-Geschichte einer von Sitte, Fröhlichkeit und Anstand gepägten öffentlichen Moral, deren Protagonisten dann, wenn man "schlimme Auswüchse" zu bekämpfen hatte, vor blanker Gewalt nie zurückschreckten.

Vieles davon versteckt sich heute hinter der Glorifizierung der "68er". Sie legitimieren so einiges, was hinter den Kulissen geschah. Und was weiterwirkt bis heute. Viel zu spät begann die Aufarbeitung dessen, was deutsche Unternehmen, Militärs, Juristen, Ärzte und Wissenschaftler anrichteten im "Dritten Reich". In vielen Aufarbeitungen ist bis heute der Wurm drin, überlebt der Korpsgeist der alten Karrieristen im Denken und Handeln ihrer Nachfolger. Was die fröhlich mitrockenden jungen Leute von 1968 am meisten trog war der Glaube, eine geistige Befreiung würde in kürzester Zeit die Welt zum Besseren verändern. Ein Trugschluss, der auch 1989 seine Blüten trieb.

Auch deshalb ist die Musik der 1960er bis heute so eindrucksvoll und lebendig: Sie hat im Grunde nichts von ihrer Aktualität eingebüßt. Während all die netten Schlager der Zeit heute wirken, als wären sie in einem goldenen Märchenreich entstanden, nicht von dieser Welt. Ein Trugschluss, den Daniel Gäsche ebenfalls pflegt, ist der, dass mit 1968 im Grunde alles vorbei war und alles, was folgte, etwas anderes war, dass nur die Aura blieb und der unverwechselbare Sound.

Aber in der Regel sind gerade Niederlagen die Anfänge für wirkliche Veränderungen. Und die brauchen zuweilen Generationen, um endlich sichtbar zu werden. Aber so lange der Sound stimmt, ist das schon in Ordnung. Dann war es die richtige Musik zur richtigen Zeit. Und keiner kann mehr den Pfropfen drauftun und den Flaschengeist einsperren. Aber Daniel Gäsches dickes Buch zeigt auch, wieviel man über die Zeit zu dieser Musik noch nicht wirklich weiß. Vielleicht auch nicht wissen will. Nicht nur die "68er" pflegen gern ihre Illusionen. Die Nicht-68er" tun es mit den ihren auch.

Daniel Gäsche "Born to be wild. Die 68er und die Musik", Militzke Verlag, Leipzig 2008, 24,90 Euro


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