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Tanz mit der Zeit oder Warum jeder selbst entscheidet, wessen Leben er lebt

Ralf Julke
Im März 2006 tanzten sie die Zeit: Ursula Cain, Christa Franze, Horst Dittmann und Siegfried Prölß. Mit "Zeit - tanzen seit 1927" eroberten sich die vier die Herzen des Publikums und des Feuilletons. Das hatte es vorher noch nicht gegeben: dass vier Tänzer nach Jahrzehnten derart fulminant wieder auf die Bühne zurückkehren.

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Immerhin wurden die vier alle zwischen 1927 und 1943 geboren, erlebten die Höhepunkte ihrer Ballettkarriere an der Leipziger Oper in den 1950er, 1960er und 1970er Jahren. Für viele Operngänger gehören sie zu den großen Legenden. Doch Tänzerkarrieren sind naturbedingt kurz. In der Regel verlassen selbst die Besten mit 30, 35 Jahren die Bühnenbretter. Beginnen dann oft ein anderes Leben außerhalb der Tanzwelt. Manche bleiben dem Haus, an dem sie ihre großen Erfolge feierten, dann trotzdem treu. Und können wiedergefunden werden, wenn eine junge Choreografin wie Heike Hennig losgeht und Tänzerinnen und Tänzer sucht, die mit ihr ein ungewöhnliches Projekt verwirklichen wollen.

Dass sie am Ende just diese Vier fand, ist kein Zufall: Sie gehören zu jenen, die auch nach der Tanzkarriere weitergemacht haben, neue Dinge ausprobiert haben und aktiv blieben. Auch deshalb faszinierte dann das, was im Kellertheater der Oper Leipzig zu sehen war: Hier zeigten vier sichtlich in Fleiß älter gewordene Menschen, dass zwar die Gelenkigkeit etwas nachlässt, Tanz aber zuallererst eine Sache des Kopfes, der Gefühle und der Freude am Ausdruck ist. Und das hängt sehr eng damit zusammen, wie jemand sein Leben lebt, wie neugierig er noch ist auf jeden Tag und neue Projekte.




Welche Kraft in diesen Vieren steckte, die zuvor alle "ihr eigenes Ding" gemacht hatten, bekamen dann auch die jungen Tänzer zu spüren, die dann in "ZeitSprünge" mit den Vieren auf die Bühne durften. Da waren die gealterten Tänzer nicht die Zugabe, sondern die Gebenden. Wurde für ein kleines, überraschendes Ensemble nicht nur die Zeit auf einmal zu einer spürbaren Größe, sondern auch das Leben.



Ähnliches hat auch Trevor Peters in seinem Film "Tanz mit der Zeit" eingefangen. Und nun gibt es zu diesem Projekt auch noch ein Buch. Nicht das Buch. Denn die Journalistin Marion Appelt nutzt natürlich die Chancen des Verschriftlichen, um auch noch hinter die Bilder und die Tänze zu schauen. Sie hat mit allen Akteueren gesprochen. Hat sich mit ihnen über Lebensansprüche, Erfahrungen mit dem Tanz und den anderen Tanzenden unterhalten. Und natürlich auch über ihr Leben. Was dann natürlich Erzählungen sind, die hineinführen in die Kriegs- und Nachkriegszeit, in die frühen Träume vom Tanz oder die ganz zufälligen Wege auf die Bühne.

Natürlich kommt auch das Leben in Dresden und Leipzig ins Bild und die politischen Begleitumstände, die sich bis heute überlappen. Auch das wird deutlich. Der 17. Juni 1953 ist zwar eine Zeitmarke. Aber wie will man die einordnen, wenn man ausblendet, was etwa Horst Dittmann erzählt: Wie die damalige Vätergeneration die Kriegserinnerungen fortschwieg und auch nicht bereit war, mit den Söhnen darüber zu sprechen. Es gibt viele Stellen in den Interviews, die Marion Appelt führte, die spüren lassen, wie das Kleine sich ins Große mischt. Dass ein Leben zwar zwischen lauter politischen Wegmarken stattfindet - die eigentlichen Konflikte aber trägt jeder mit sich selbst und seinen Nächsten aus, den schweigenden Vätern, eigensinnigen Geschwistern, sorgenden Müttern.

Was einer dann aber aus seinem Leben macht, das liegt in seiner Hand. Und wer offen ist, so scheint es, dem stehen auch viele Wege offen. Manchmal muss man dafür verzichten - auf ein Stück Bequemlichkeit, etwas Ruhm, das Lob der Funktionäre. Aber das ist am Ende wohl wirklich egal. Dann nämlich, wenn die Bilanzen gezogen werden. Und die Frage heißt dann: Habe ich mein Leben wirklich gelebt? War es wirklich meins? - Die vier, die bei Marion Appelt so behutsam und vielseitig porträtiert und befragt werden, können wohl alle sagen: Ja, es war meins. Und die jüngeren Akteure, die in den verschiedenen Phasen des Projektes mit ihnen arbeiten durften, werden das wohl auch eines Tages sagen. Und sie werden zusätzlich daran erinnern, welchen Reichtum diese Zeit-Tanzen-Projekte auftaten, welch seltenen Blick sie ermöglichten hinter die Kulissen einer Gesellschaft, die sonst gnadenlos besessen ist von einem faltenlosen Jugendideal. Das mag in den großen Ballett-Inszenierungen am Opernhaus Sinn machen. Aber es funktioniert schon dort nicht, wo ein rigider Leistungsanspruch schon Menschen mit 50 Jahren zum "alten Eisen" macht.

Sehr wahrscheinlich wird weder Heike Hennigs Zeit-Projekt die Gesellschaft der "Leistungsträger" verändern, noch wird es dieses Buch tun. Aber es ist ein kleines Licht in der Dunkelheit, ein freundliches Erzählen von den Reichtümern, die eine mit allen Generationen gesegnete Gesellschaft bereit hält. Es klingt an einigen Stellen an. Aber in aller Schärfe gesagt: Eine auf die immerwährende Jugend fixierte Gesellschaft ist eine Kriegsgesellschaft - in der die Menschen in Gräbern verschwinden, wenn das Leben eigentlich erst beginnt, Tiefe zu gewinnen.

Das Buch wirkt wie der Besuch in einem friedlichen Land, in dem die aktuellen Schlachten nicht mehr zu hören sind und die Tiraden der Abschnittsgeneräle keine Rolle mehr spielen. Wer das Buch zuschlägt, kehrt ziemlich heftig in eine Welt zurück, in der der Krieg weitertobt und ein paar wildgewordene Leutnants auch gern den "Krieg der Generationen" ausrufen möchten. Damit das Rasen weitergeht und das Nie-bei-sich-Sein, das so viele als Ausgebranntsein erleben. - Und nun?, darf gefragt werden. Wer kann sich denn HEUTZUTAGE noch erlauben, derart seine Träume zu leben?

Hätten die Eltern und Altersgenossen dieser vier Tänzer solche Fragen nicht auch gestellt, es gäbe keine Geschichte zu erzählen. Die Entscheidung ist so alt wie die moralische Gesellschaft: Was geschieht, wenn Menschen tatsächlich anfangen, ihr eigenes Leben zu leben? - Das Buch gibt ein paar sehr schöne Antworten. Ob jüngere Leser etwas draus machen, liegt ganz bei ihnen. Sie haben alle die Wahl. Und das Schlaraffenland ist immer dort, wo man gerade nicht ist.

Marion Appelt "Tanz mit der Zeit. Vier außergewöhnliche Lebensgeschichten", Plöttner Verlag, Leipzig 2008, 19,90 Euro


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