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Von Gespenstern, Bunkern und klaren Überzeugungen: Hans Waals skurrile "Nachhut"

Ralf Julke
Im richtigen Leben heißt Hans Waal nicht Hans Waal, da arbeitet der 1968 in Leipzig geborene Journalist vor allem für Berliner Medien. Aber wie hält man die Arbeitswelten auseinander, wenn man - so nebenbei - noch ein Buch geschrieben hat. Und das auch noch über vier alte Nazis, die nach 60 Jahren aus ihrem längst vergessenen Bunker kriechen? Eigentlich eine irrsinnige Idee.

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Denn natürlich sind alte Knacker in SS-Uniform nicht immer unbedingt noch ernst zu nehmende Nazis. Diese jedenfalls nicht. Das ist das Hintersinnige an dieser Geschichte, die drei Erzählstränge verknüpft. Einmal den von Evelyn, engagierte Aktivistin gegen rechtsextremistische Tendenzen im Land und mittlerweile zur Leiterin einer obskuren "SoRex" aufgestiegen, einer offiziellen "Sonderermittlungsgruppe gegen Rechtsextremismus". Eigentlich auf einem Posten, der mit ihrer Überzeugung übereinstimmen müsste - wären da nicht von Anfang an seltsame Unstimmigkeiten - mit den eigenen Mitarbeitern und diversen regierungsamtlichen Instanzen.

Der zweite Erzählstrang gehört Monse, der als Kamerassistent eines kleinen Drehteams in die Ereignisse gerät. Und der dritte gehört Josef, einem der vier aus dem Bunker, für die ein abgebrochener Büchsenöffner der Auslöser wird für das Verlassen der unterirdischen Station. Die augenscheinlich noch in den letzten Kriegstsagen vorbereitet worden war, um einen gewissen Reichskanzler aufzunehmen. Das würde im Computer anderer Autoren einen Thriller mit viel Lametta, Bernstein und dämlicher Marschmusik ergeben.

Was Waal davon hält, lässt er später im Buch anklingen, wenn er schildert, was er zu einem gewissen landesweit berühmten Filmemacher meint, der mit Dokumentationen nach dem Schema "Hitlers Ding" und "Hitlers Bums" das große Geld macht, das alte Propaganda-Material gewinnbringend immer wieder verwertet und augenscheinlich nicht mehr so richtig weiß, wo die Grenze zwischen Aufarbeitung und Glorifizierung ist.



Und die vier alten Knacker entpuppen sich zwar als echte Gewächse des Dritten Reiches. Aber sie müssen alle um die 17 Jahre alt gewesen sein, als sie - als letztes Aufgebot - zur Waffen-SS einberufen wurden und den ruhmreichen Auftrag bekamen, den Bunker irgendwo westlich von Berlin zu sichern. Alte Knacker in Uniform, die seit den Durchhalteappellen zum Kriegsende von der Welt nichts mehr mitbekommen haben und für die das Verlassen des Bunkers eigentlich eine Desertion ist. Die sie mitten hinein führt in eine Welt, in der die einstigen Feinde mittlerweile so etwas wie Freunde und Besatzer gleichzeitig geworden sind, die Menschen sich seltsam benehmen und selbst die neuen Nazis, denen sie in der ostdeutschen Einöde begegnen, nicht mehr so richtig ernst zu nehmen sind.


Aber natürlich ernst genommen werden. Die geheimen Dienste laufen sich auf einmal alle über den Weg. Und in den verschiedenen Pespektiven der Erzähler und Briefeschreiber wird sichtbar, wie verkrampft der Umgang der Deutschen mit ihrer Geschichte ist. Sind das nun "Gespenster der Vergangenheit", die da aus dem Bunker gekrochen kommen (eines sitzt sogar im Rollstuhl), oder doch eher in der Zeit Gestrandete, die 60 Jahre ihres Lebens verplempert haben für - nichts?

Dass sich auch noch eine sehr persönliche Auseinandersetzung mit den 1968ern und ihrem Versuch, die Nazi-Vergangenheit zu bewältigen, in die Szenerie mischt, macht sie nur dichter und realistischer. Und macht die Hilflosigkeit deutlicher, mit der die verschiedenen Generationen umgehen mit dem Stück Geschichte, das irgendwie nicht ruhen will. In ostdeutschen Provinzen gar platteste Urständ feiert, mit finsteren Sprechchören aufmarschiert, wenn eine Ausstellung zur Wehrmachts-Geschichte eröffnet wird. Und mittendrin diese vier Alten in ihren abgewetzten Uniformen, die auf ihre Art eine Menge zu tun haben mit unserer Gegenwart.

Doch gerade die drei Hauptprotagonisten des Buches machen deutlich: Es gibt da eine ganze Menge mehr zwischen Mummenschanz und Verteufelung, was auch die Nachfahren beschäftigen sollte beim Umgang mit diesem Erbe, das manchmal als Bunker im Erdreich steckt. Oder als "Familiengeheimnis" im Schweigen der Immergerechten. Es geht um Verführbarkeit und die Frage: Wer bestimt eigentlich Welt-Bilder? Und es geht um die schlichte Frage nach Menschlichkeit. Auch dann, wenn die Ereignisse nur noch Rätsel aufgeben. Eine Geschichte eigentlich, die Leuten gefallen sollte, die mit einfachen Lösungen und klaren Verheißungen garantiert nicht zufrieden sind.

Hans Waal "Die Nachhut", Plöttner Verlag, Leipzig 2008, 19,90 Euro


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