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Ubu Rex Saxonia: Ein paar alte Bekannte im fernen Königreich Sachsen

Ralf Julke
König Ubu ist legendär, seit Alfred Jarrys Stück 1896 Premiere hatte und der machtbesessene Ubu sein "Merdre!" in die Welt schrie. Womit er zum Ur-Typ einer skurrilen Theater-Personnage wurde, die sich bestens eignete, die äußere Wirklichkeit mit deftigstem Sarkasmus in Theater-Satire zu verwandeln. Und das Königreich Polen auch mal etwas zu verlegen. Nach Sachsen beispielsweise.

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Gründe dafür gibt es genug. Der augenfälligste: Peter Eckhart Reichel wurde 1957 in Dresden geboren und arbeitete den in der DDR keineswegs beliebten, aber geduldeten Ubu schon in den 1980er Jahren um. Was damals natürlich dazu führte, dass sich die aktuellen Könige des Landes gefoppt und herausgefordert fühlten und auf Reichel das übliche Repertoire anwandten. Publizierbar war von dem, was Reichel auf der Seele brannte, nichts. Und so hat denn sein aktueller Ubu eine lange Reise und viele Wandlungen hinter sich. Letzte Fasson erhielt er 2006.

Jetzt gibt es ihn als Hörbuch, aufgelegt von der Hörbuchedition "Words & Music", die Peter Reichel 2007 in Berlin mitbegründete. Unter anderem, um auch der grotesken Literatur einen wahrnehmbaren Platz in der gehörten Literaturlandschaft zu verschaffen. Erich Mühsam, Paul Scheerbarth und Walter Rheiner haben in der jungen Höredition schon ihren Auftritt gefunden.

Und der neue Ubu, der sächsische, vertritt das Angedenken Jarrys dort beinah kongenial. Auch wenn natürlich nach einem Jahrhundert Jarry-Erfahrung feststeht: Wirklich nachmachen oder übertreffen kann man diesen Ubu nicht. Diesen machtbessesen Kleinbürger, der - parallel zum Mann'schen Diederich Heßling praktisch sämtliche Diktatoren der 20. Jahrhunderts treffend und punktgenau vorwegnimmt.

Logisch, dass seine "Merdre!"-Schreie 1896 für Skandale sorgten. In einer Zeit, da auch Frankreich nicht gefeit war vor den Emporkömmlingen des blanken Geistes. Es waren Autoren wie Jarry, die ahnten, was da kommen würde. Die auch ahnten, welche wilden Tänze der machtbesessene Bürger Ubu feiern würde, wenn er nur erst den König gestürzt, die Rüpel-Armee übernommen und die Steuern erhöht hätte. Es kam so. Und nicht anders. Und es kam nirgendwo anders. Und es war schlicht egal, welcher Ubu mit welcher Legende die Macht übernahm, egal wo, ob in China, Deutschland, Chile oder Simbabwe.



Die Langweiler in Uniform ähneln sich nicht nur alle im Geiste, in ihrer panischen Angst vor dem Volk und in der Schnoddrigkeit ihrer Mordanweisungen. Sie waren und sind und werden immer sein - Galgenstricke mit einem infantilen Kunst- und Weltverständnis. Und: Sie sind allgegenwärtig. Polen war für Jarry zwar ein Synonym für das Weit-weit-fort.


Aber schon sein Publikum wusste, dass er seine Vorbilder in nächster Nachbarschaft fand. Wer das Drama im Jahr 2006 bearbeitete, brauchte kein fernes Polen (oder Böhmen am Meer) mehr vorzutäuschen, der verpflanzte seinen unzufriedenen Pantoffelhelden gleich dahin, wo er zu Hause ist. Ins Königreich Sachsen, das weiland wieder auferstandene, nachdem die ganze Sache mit der Demokratie nicht so recht gelingen wollte. Rein theoretisch.

2010 wurde also per Volksabstimmung die Monarchie wieder eingeführt in Sachsen, König Kazimir regiert mehr schlecht als recht. Wie gewohnt. Und die Ubus murren. Madame Ubu wettert. Mit Andreas Mannkopff und Marie Gruber sind diese beiden Rollen besetzt - schon das ein Geniestreich.

Die beiden sind ein Pärchen, dem man in den hellsten Sommertagen nicht begegnen möchte. Sie sind überzeugend, durchdringend und wie aus dem Leben gegriffen. Und in aller Kleinkariertheit machen sie natürlich genau das, was zur Zeit passt: Sie verwandeln den Freistaat in eine Freihandelszone, erhöhen die Steuern - und der Laden geht den Bach runter. Nebenbei schafft es Ubu auch noch, dem russischen Zaren Boris Nikolajewitsch den Krieg zu erklären. Es hagelt Sächsisch und es hagelt Anspielungen an eine Gegenwart, die ohne Ubu-ismen gar nicht denkbar ist.

Das Ganze: Ein 147-Minuten-Spaß für jeden, der keine Angst davor hat, sein schönes Sachsen mal wieder durch den Kakao gezogen zu hören. Aber zu diesem Königsverhältnis ("Macht doch euren Dreck alleene!") haben es in deutschsprachigen Landen leider wirklich nur die Sachsen geschafft, während Österreicher, Bayern und Preußen allesamt noch in einer Anhimmelung ihrer Königshäuser verharren, die neben dem Zuckersüßen auch noch das fatal Inbrünstige in sich trägt.

So gesehen, war die Residenzstadt Dresden ein idealer Theaterplatz - was dem Ubu-ismus zumindest immer wieder die Ernsthaftigkeit eines Gottesgnadentums nimmt. In Sachsen ist man auch mit eher täppischen Königen zufrieden. An verlorene Schlachten ist man eh gewohnt. Und daran, dass die Herrschenden sowieso nicht wissen, wie richtig regiert wird, auch. Deswegen ist es sogar ein fast liebenswerter "Ubu" geworden, den Reichel in Sachsen platziert hat. Ein ebensolcher in Berlin oder München - das könnte schon wieder empörte Bräuhaus-Aufstände provozieren.

So bleibt es bei nach Strich und Faden ausgeplünderten Coiffeuren in einem kleinen Möchtegern-Königreich ("Was Friseure können, können nur Friseure!"), die schon ganz froh sind, dass sie "Wir sind das Volk!" intonieren dürfen und den greulichen Herrn Ubu und seine Madame durch Prinz Bogdan ersetzen dürfen.

Ähnlichkeiten mit Zeitgenossen sind rein zufällig und sagen nichts über den Charakter des königsfreundlichen Volkes im eierscheckigen Dämmer der Königsresidenz.

"Ubu Rex Saxonia", Hörspiel von Peter Eckhart Reichel frei nach dem Bühnenstück "Ubu Roi" von Alfred Jarry, Hörbuchedition Words & Music, Berlin 2007, 17,90 Euro


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