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Eine Luftreise über eine (beinah) verschwundenen Stadt: Über den Dächern von Dresden

Redaktion
Es gibt Menschen, die haben eine Passion. Die setzen sich etwa, wie der1889 geborene Tischlersohn Walter Hahn, so oft es geht in einen Fliegerund fotografieren ihre Stadt. Dresden in diesem Fall. Und nichtirgendein Dresden, sondern das Dresden zwischen 1919 und 1943. EinGlücksfall für die Stadt, die im Februar 1945 praktisch vom Erdbodengebombt wurde.

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Hahn liebte die Höhe. Bevor er mit dem Flugzeug über seiner Heimatstadt abhob, war er mit der Plattenkamera in der Sächsischen Schweiz unterwegs und fotografierte das gerade aufkommende Kletterparadies aus Perspektiven, wie sie bis heute nur mutige Kletterer zu sehen bekommen. Seine Bilder trugen dazu bei, die Sandsteinfelsen hinter Dresden berühmt zu machen. Nach dem ersten Weltkrieg und Hahns Selbständigkeit als Fotograf 1920 rückte Dresden ins Blickfeld des Mannes, der die Fliegerei genauso liebte wie den Anblick der Halbmillionenstadt, die sich links und rechts der Elbe erstreckte.


Unzerstört, in ihrer klassischen Schönheit, fotografiert an Tagen mit idealen Lichtverhältnissen. Und natürlich von einem Profi, der Motiv um Motiv auf Glasplatte bannte. Gestochen scharfe Bilder, nach denen man ab 1945 die ganze Stadt hätte wieder aufbauen können. Nur lässt sich eine Halbmillionenstadt leider viel leichter zerstören als wieder aufbauen. Da nutzten auch die 2.400 Aufnahmen aus Hahns Nachlass nicht viel, die sich allein dem Thema Dresden widmeten.

Der gesamte Fundus mit über 15.000 Bildern kam 1970 in die Deutsche Fotothek, in deren Auftrag Jens Bove jetzt eine kleine, aber berauschende Auswahl im Bildband "Über den Dächern von Dresden" im Lehmstedt Verlag veröffentlichte: 115 ganzseitige Schwarz-Weiß-Fotografien, die das Kreisen eines kleinen Reklamefliegers aus den 1920er Jahren nachzeichnen, über der Altstadt beginnend in immer größeren Schleifen über Elbe, Neustadt, Ausflugsziele, neue Stadtteile, alte Dörfer bis in die Randlagen, wo die erste Industrie und die ersten Flugplätze sich ansiedelten.

Bilder, so gut austariert, dass man die Fußgänger auf den Straßen zählen kann, die Straßenbahnen, Dampfschiffe und erst recht die Autos. Die Altstadt mit ihren großen Prachtbauten hingestellt, als hätte sie ein Architekt gerade für sein Stadtmodell gebaut. Breite Straßen, markante Türme. Und erst beim tieferen Blick über die Dächer sieht man die Rauchfahnen über den Schornsteinen, verschlossenen Jalousien, reparierte Dächer. Die markante Kulisse von Semperoper, Schlosskirche, Frauenkirche, Albertinum und Ständehaus, die sieht man heute wieder.

Doch schon der weite Blick über Alt- und Neumarkt wird den Dresdnern die Tränen in die Augen treiben: Das alles ist verschwunden. Die beiden großen Märkte der Altstadt haben ihren Charakter völlig verloren, ihre barocke Würde, die sich in die Vorstädte fortsetzte. Manchmal reichte Hahn auch das Klettern auf den Rathausturm oder auf eines der neuen hohen Häuser, um den frappierenden Blick über die ausufernde Stadt zu gewinnen, das Häusermeer ins Bild zu bannen.

Und immer wieder, mittendrin – die Brücken über die Elbe und die Elbe selbst.

Zu jedem Bild gibt es ausführliche Erläuterungen, die nur zu oft notwendig sind, weil das Sichtbare in der Gegenwart verschwunden ist. Beim zweiten Blättern kann man auf die Texte schon verzichten, da erkennt man die markanten Bildpunkte schon und wünscht sich eigentlich einen Zoom, um noch mehr zu sehen. Denn mit Hahns Luftbildern hat man ein einmaliges Werk vor Augen: So detailliert wurde wohl keine deutsche Stadt vor den Zerstörungen des 2. Weltkrieges abgelichtet, wurde der Stolz einer Großstadt in ihrer Blüte festgehalten.

Das Ergebnis ist ein Buch, das nicht nur Dresdner faszinieren wird. So manch anderen wird es neidisch machen. Am Ende hat man auch Verständnis für Hahns Fliegerei in den 1930 und 1940er Jahren, die ohne Sondergenehmigung nicht möglich war. Aber ohne diese Passion gäbe es viele der Bilder nicht. Bilder, die ihren heftigsten Kommentar erst auf den Seiten 134/135 finden.

Walter Hahn "Über den Dächern von Dresden. Luftbildfotografien 1919 - 1934", Lehmstedt Verlag, Leipzig 2008, 19,90 Euro.


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