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Ein Schelmen-Roman mit Knalleffekt: Immo Sennewalds "Blick vom Turm"

Ralf Julke
Blick vom Turm.
Blick vom Turm.
Foto: Ralf Julke
Gefeiert haben ja in diesem Jahr etliche der üblichen verdächtigen Alt-68er. Ist ja immerhin 40 Jahre her, dass sie mal rebellisch waren. Auf ihre Art. Vage gab's auch Wortmeldungen aus Ostdeutschland. War da was? - Klar, fand Immo Sennewald. Er hat einen Roman geschrieben zu seinem Jahr 1968. Einen Schelmenroman.

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Der zum Glück nicht in Prag handelt, sondern in einem Nest namens Lauterberg, hinter dem sich ein real existierendes Nest namens Suhl verbirgt, gelegen im Tal der Lauter, Waffenschmiede der DDR, zeitweilig zur Bezirkshauptstadt aufgemotzt mit den üblichen brachialen Mitteln.

Dazu gehörte nicht nur des Planieren der Suhler Altstadt, um Platz für die übliche sozialistische Standardarchitektur zu schaffen. Dazu gehörte auch der Bau einer Bezirkszentrale des Ministeriums für Staatssicherheit an einer weithin sichtbaren Stelle: Hoch über der Stadt. Damit jeder Erbauer des Sozialismus gleich sah, dass die Partei und ihr Schildträger wachsam waren. Und allgegenwärtig. Schon längst Stoff genug für Räuberkamellen, bei denen die Autoren natürlich ein Problem haben: Die Wirklichkeit selbst war schon so grotesk, dass man kaum eine Chance hat, überhaupt noch eine glaubhafte Fabel daraus spinnen zu können. Es sei denn, man lernt aus den Erfahrungen der großen Brüder, die da entweder Hasek heißen oder Ilf und Petrow, Bulgakow und Sostschenko.

Immo Sennewald, geboren 1950 natürlich in Lauterberg, pardon: Suhl, erwähnt die großen Brüder nicht. Aber in ihre Schule ist er als Autor trotzdem gegangen. Neben all den anderen Umwegen seiner Karriere über ein Physikstudium in Berlin, ein Hochschulstudium als Schauspielregisseur ... Welcher DDR-Physiker hat überhaupt jemals in seinem studierten Beruf gearbeitet? – Bei aller Begeisterung: Es ist schon erstaunlich, dass auch Sennewald seine Karriere zum neuen Einstein hat sausen lassen, lieber bei Fernsehen und Hörfunk arbeitete und heute als Kommunikationstrainer in Baden-Baden lebt.

Immo Sennewalds erster Roman: Blick vom Turm.
Immo Sennewalds erster Roman: Blick vom Turm.
Foto: Ralf Julke
Im Salier Verlag veröffentlichte er 2006 sein Welt-Erklärungs-Buch "Der menschliche Kosmos. Gefühle - Konflikte - Strategien".

Jetzt ließ er seinen ersten Roman folgen, handelnd in besagtem Lauterberg im Jahr 1968. Held ist ein Abiturient namens Gustav Horbel, der vom Physikstudium in Berlin träumt und unverhofft in eine Geschichte hineingerät, in der es um einen seiner Vorfahren aus dem 19. Jahrhundert geht, genialer Waffenerfinder und emotional völlig durchgeknallt. Auf dem Dachboden findet Gustav die Tagebücher seiner Ururgroßmutter Anna. Aber nicht nur sie ziehen ihn ganz unverhofft in eine Geschichte, bei der es um eine alte, geniale Erfindung geht. So nebenbei auch um die ersten Erfahrungen mit der Liebe, der Freundschaft und den Turm, der als romantische Arabeske über der Stadt trohnt. Im Buch ist es Rossbergs Turm. Und auch im wirklichen Suhl kennt man ihn als Bornmüllers Turm. Er gehört zur Familiengeschichte des Autors, die für viele Teile des Buches als Blaupause diente, lustvoll ausgemalt, zitiert und teilweise in lukullischen Szenen inszeniert.

Man merkt, dass hier einer schon filmisch denkt, seine Kulissen zurechtschiebt und seine Charaktere zuspitzt, sie miteinander verbandelt und zusehends ein Gewebe schafft, in dem alle ihre Rollen spielen und so präzise auftreten und handeln wie Komparsen und Hauptdarsteller in einem gut organisierten Film. Selbst das Timing stimmt, die Geschichte nimmt zusehends an Fahrt auf, geht tatsächlich ab "wie eine Rakete". Denn das Jahr 1968 selbst im beschaulichen Lauterberg bietet natürlich genug Treibsätze, die man unterwegs gemächlich zünden kann. Die Ereignisse in Prag dabei eher beiläufig. Begleitmusik zum üblichen Innenleben der Arbeiter-und-Bauern-Republik, in der die einzelnen Klüngelgruppen gerade einmal wieder ausprobieren, ob sie den alten WU in Berlin oder im Pfiffergrund bei Lauterberg wegputschen oder einfach abknallen. Oder besser doch nicht. Natürlich ein weltbewegendes und aktenerzeugendes Thema für die Herren von Horch & Guck. Sie bekommen bei Sennewald kaum Profil, sind trotzdem allgegenwärtig und mit erstaunlicher Logik schildert der Autor dabei, wie aus simplen Zufallsbekanntschaften in einem überschaubaren Kaff ein hochbrisanter Fall von mutmaßlichem Staatsverrat gemacht wird. Es sind Stellen, an denen sich auch Bulgakow gekringelt hätte vor Freude: Ja, genau so sind sie, die Säcke!

Erstaunliche Akteure tauchen auf und entwickeln ein verblüffendes Interesse für die geniale Erfindung, den geheimnisvollen Turm, ein paar alte Familiengeschichten und den rastlosen Gustav, der ganz neue Welten entdecken darf, während sein bester Freund erfährt, wie warmherzig die Liebe der fettleibigen Staatsmacht sein kann.

Ein Schelmenroman mit Knalleffekt und einer kleinen, bebilderten Dokumentation im Anhang, die den Leser an die Originalplätze der Handlung führt. In gerastertem Grau-Weiß natürlich. Denn das alte Suhl, das hier noch die morbide Kulisse für eine flotte Handlung bietet, ist verschwunden. Das Türmchen steht noch oben auf dem Berg, von den Zeiten malträtiert, denkmalgeschützt mittlerweile. Ein guter Aufhänger für eine Geschichte wie diese, die sich jeder besorgen kann, der unterm Weihnachtsbaum nichts Spannendes gefunden hat.

Immo Sennewald "Blick vom Turm", Salier Verlag, Leipzig 2008, 22,90 Euro.


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