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Hemmanns neuester Leipzig-Krimi: "quod erat demonstrandum"

Redaktion
Foto: Ralf Julke
Tino Hemmann hat einen neuen Leipzig-Krimi vorgestellt. Den vierten aus seiner Serie um Kriminalkommissar Holger Hinrich, der diesmal nicht aus dem Urlaub gerissen wird. Aber irgendwie den Zipfel lüpfen darf zu etwas, was emotionsgeladene Medien wahrscheinlich mit "Sumpf" betiteln würden.

Gestalter im Handwerk
Gestalter im Handwerk Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang

Nicht ganz so emotionsgeladene Berichterstatter würden zwar trotzdem irgendwie an die große Themengeschichte des letzten Jahres erinnert, als der viel zitierte "Sachsen-Sumpf" sogar den Leipziger Rathausturm mit in den Abgrund zu ziehen drohte. War nix dran, hat die sächsische Landesregierung mittlerweile verkündet. Der Untersuchungsausschuss des Landtages versucht jetzt noch knapp vor Wahl und Toressschluss, den spät zugestandenen Aktenbergen etwas Verwertbares zu entnehmen. Die Staatsanwaltschaft ermittelt übrigens auch noch. Nicht in allen Fallkomplexen, weil einiges von dem emsig gesammelten Material augenscheinlich längst verjährt ist oder keine relevanten Ausgangspunkte ergibt, die neue Ermittlungen zuließen. Aber ein paar ungeklärte Vorgänge scheint es in dem ganzen Papierberg noch gegeben zu haben. Darüber steht der Abschlussbericht der Staatsanwaltschaft noch aus.

Die Leipzig betreffenden Fallkomplexe scheinen dabei ein ganz ähnliches Schicksal erlebt zu haben: Das Meiste wurde von der Staatsanwaltschaft abgehakt. Keine neuen verwertbaren Spuren zur Kinderprostitution, zu Parties im Rathaus oder gar Verstrickungen in Immobiliengeschäfte.

Die Berichte, die sich zum Höhepunkt der Kampagne fleißig überschlugen mit immer schlüpfrigeren Unterstellungen, schienen dabei tatsächlich etwas aufzuwühlen, was einigen Leipzigern vertraut schien. War da nicht etwas? Gab es da nicht ...? - Und dann auch noch Leute in Amt und Würden, die augenscheinlich tief verwickelt schienen.

Dass es diese gut betuchte Unterwelt in Leipzig auch gibt, keine Frage. Leipzig ist keine Insel der Glückseligen in einer globalisierten Welt. Von Glücksrittern und Geschäftemachern, die die Gunst der Stunde schon 1990 nutzten, wurde weidlich berichtet. Und auch mancher Leipziger nutzte die Gelegenheiten, mit neuen Netzwerken gewinnträchtige Geschäftchen aufzubauen. Und manchmal sind es halt recht finstere Geschäftchen. Wie sagt doch Tino Hemmann so schön? "Denn kein Mensch dieser Spezies ist unfehlbar."

Der neue Leipzig-Krimi von Tino Hemmann: "quod erat demonstrandum".
Der neue Leipzig-Krimi von Tino Hemmann: "quod erat demonstrandum".
Foto: Ralf Julke
Richtig schlimm für die Beteiligten wird's erst, wenn einer dieser "Unfehlbaren" sein Amt missbraucht, um einen eigenen Fehltritt zu verschleiern, Ermittlungen abzuwürgen oder gar Unbeteiligte zu Opfern zu machen. Bei Hemmann ist es ein Autounfall, der gleich zu Beginn seiner Geschichte die ganze Tragik dessen aufreißt, was nicht nur eine Familie zerstört, sondern auch eins der Opfer hinter Gitter bringt.

Das dröselt sich ganz langsam erst auf, je weiter die Ermittlungen fortschreiten, die mit einem augenscheinlichen Missbrauchsfall an einem Minderjährigen beginnen und mit jedem Puzzle-Stück an Dramatik und Geschwindigkeit beginnen. Blendet Hemmann anfangs noch zwischen den diversen Akteuren hin und her, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und sogar aus drei, vier verschiedenen Fällen zu stammen scheinen, wird die Erzählung richtig spannend, als so langsam klar wird, wer welche Rolle spielt. Wer zu den Guten gehört und wer zu den Finsterlingen.

Mit Pfeffer rast die Geschichte dann ihrem Höhepunkt entgegen mit einem Showdown samt Sondereinsatzkommando auf einem einsamen Grundstück mit Bauwagen in Wiederitzsch. Das ist dann auf Seite 244 der Fall. Da darf man dann das Buch zufrieden zuklappen. Die Gerechtigkeit hat gesiegt.

Danach kommt dann der kurze Satz "Vierzehn Monate sind vergangen". Vom Lesen dieses letzten Kapitels kann nur abgeraten werden. Hier tut der Autor nämlich das, was ein Krimiautor niemals, niemals tun darf: Er erklärt, wie alles zusammenhängt.

Kann man eigentlich nur ganz herzlich appellieren an den Autor und Verleger: Bitte nehmen Sie diese Einzugsparty aus dem Buch. Sie ist wie die Nadel in einen prallen Luftballon.

Krimi-Leser wissen mittlerweile, dass auch die tollsten Kommissare nie alles aufklären und nicht immer alles erklären können. Schon gar nicht, wenn sie es mit solchen "Sumpf"-Vorgängen zu tun haben. Verstanden hätte man, wenn ein paar amtliche Meldungen nachgereicht worden wären so nach dem Strickmuster "Verfahren wurde vom Gericht wegen mangelnder Beweislage eingestellt". - "Hoher Justizbeamter wurde auf eigenen Wunsch nach G. oder C. versetzt". - "Polizei dementiert: Bei den Vorwürfen gegen Person X. handelt es sich um reine Spekulationen der Medien". - Usw. Das wäre auch ein wenig so wie die Wirklichkeit, die die meisten erleben. An Märchen glauben Krimi-Freunde in der Regel nicht mehr.

Die 244 Seiten davor aber haben Spritzigkeit, wie man sie von einem echten Leipzig-Krimi erwartet.

Tino Hemmann "Quod erat demonstrandum", Engelsdorfer Verlag, Leipzig 2008, 10 Euro.


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