Tschüss Deutschland: Abos Versuch, Connewitz zu befreien
Ralf Julke
15.01.2009
Tschüss, Deutschland.
Buchcover
Nach seinem ersten Buch "Wunschkinder" mit 19 "haarsträubenden Geschichten" hat sich Abo Alsleben, manchem bekannt als Moderator von "Trash'n'Kult" bei Radio Blau, hingesetzt und ein richtig dickes Werk verfasst. Unter Pseudonym, versteht sich. Denn "Tschüss Deutschland" ist kein Buch, das anständige Kinder lesen.
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Es geht nicht um Sex, aber es geht um Connewitz, jenen kleinen, zuweilen durch Polizeieinsätze, Silvesterfeiern und phantasievolle Medienberichte bekannten Stadtteil im Leipziger Süden, in dem ein selbstbewusstes Völkchen gern stolz verkündet, etwas Besonderes zu sein. Der Kiez ist bunt, schräg und beliebt. Nicht nur bei Alternativen, Autonomen, Ausgeflippten und Angetüterten. Aber bei denen natürlich auch. Was liegt da näher als ein in Paperback gebundener Hochgesang? Oder ein dicker Roman, der die bunte Enklave zum Schauplatz macht?
Abo als Leben hat's versucht, hat dicke 340 Seiten hingeschrubbt und einen namhaften Helden ins Rennen geschickt: Steingrimm Knaute, 33. Anfangs noch gestresster Student, ein paar Seiten später schon nicht mehr. Da hat ihn die Erkenntnis getroffen, dass Studium doch etwas zu trocken und wenig zielführend ist. Was dann die deutsche Mühle in Gang setzt, die aus einem stolzen Studenten schnell einen Fall für Hartz IV macht. Dumm nur, dass er so kurz vor der Disqualifizierung noch ein Traummädchen kennen lernt. Was ihm gar nichts nützt, denn die nächsten 130 Seiten zerrt ihn das Schicksal hinein in die bekannte Falle: kein Job, kein Geld, keine Liebe. Und nur noch Freunde, denen es genauso geht. Manche auch, die sich wohlfühlen dabei und ihren Frust nähren mit Alkohol und dem allseits beliebten Marihuana. Eine zuweilen recht frustrierende Milieu-Studie, die den Leser beim Einstieg in Teil 2 nicht unbedingt hoffen lässt, dass es jetzt besser wird.
"Die Praxis: ... von so was kommt", ist der betitelt. Die Fortsetzung also der moralischen Geschicht' um den Aussteiger, der natürlich auch nicht hoffen darf, dass es nun wieder "aufwärts" mit ihm geht, wenn er bei einem stadtbekannten Bürgerradio einmal an die Regler darf.
Ähnlichkeiten mit lebenden Zeitgenossen sind natürlich rein zufällig. Erst recht, als Steingrimms erste Aktion im Studio dazu führt, dass in Connewitz Barrikaden errichtet werden und das empörte Völkchen Autos anzündet und Straßenbahnen umkippt. Was dann der Aufgalopp zu einer fröhlich phantasierten Geschichte wird, die den Connewitzern bald die schönste aller Freiheiten gewährt: den Anschluss an das Königreich der Niederlande mit dem Glück der Coffeeshops und dem Lobgesang auf alle Sorten von Joints.
Abo als Leben: Tschüss, Deutschland.
Buchcover
Es ist der Teil der Geschichte, den der Verlag mit der schönen Warnung meinen könnte: "Eigentlich müsste dieses Buch vom Gesundheitsministerium, dem BKA und dem Verfassungsschutz verboten werden!" Denn hier wird nicht nur das Loblied gesungen auf die diversen Herkunftsländer des "Grases", hier wird auch fröhlich Marketing betrieben für Afghanen, Holländer, Perser und Russen, die Liste der diversen gerollten, getürkten, gestreckten Spezialitäten rauf und runter gesungen. Das sind Stellen, da steigt auch der fröhlichste Leser aus. Auch wenn's witzig sein soll: ein Otto-Katalog liest sich lustiger.
Hier wird das kiffende Milieu auch fröhlich vermengt mit einer speziellen Vermarktung entsprechend anarchistischer Musik, einer Diskussion der genauen Klassifizierung von Punks und einigen promillosofischen Erörtungen über den Staat, die Gesellschaft, Politiker und Polizei. Stellen, an denen man schmerzlich spürt, wie wenig Substanz der umtriebige Steingrimm eigentlich mitbekommen hat. So recht begreift man auch nicht, warum ihn die Aufständischen in Connewitz zu ihrem Sprecher gemacht haben. Und Maria verschwindet völlig, taucht erst ganz am Ende wieder auf.
Da muss dann auch der Autor gemerkt haben, dass ihm unterwegs ein paar Handlungsstränge verloren gegangen sind. Ein paar andere sind ihm aus dem Ruder gelaufen. Da darf dann der Leser miterleben, wie geflickt und ausgebessert wird. Leider, muss man sagen. Denn damit ging natürlich jede Chance verloren, Konflikte zu gestalten, Figuren eine Seele einzuhauchen und auch den bösen Widersachern in diesem Kampf um das arme Connewitz eine eigenen Charakter zu verpassen.
Das macht Geschichten in der Regel spannender und lebendiger.
So bleibt dann alles in keineswegs aufregendem Schwarz-Weiß. Was schade ist. Was aber einmal mehr bestätigt: Romane sind eigentlich harte Schinderei und brauchen einen strengen Lektor, der seine Autoren auch mal zum Sitzenbleiben zwingt. Damit sie sich quälen wie Jan Ulrich, gedopt oder ungedopt, das ist schnurzpiepegal, Hauptsache, sie schaffen den Berg. Und sie nehmen die Leser mit. Und wenn's nur bis Connewitz ist.
Abo als Leben "Tschüss Deutschland. Wir sind dann mal weg", Edition PaperOne, Leipzig 2008, 16,95 Euro.
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