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Eine Bahnhofskneipe, ihre Schatten und der Krieg: Bei Alberto

Ralf Julke
Velibor Colic: Bei Alberto.
Velibor Colic: Bei Alberto.
Buchcover
Osteuropäische Literatur hat es schwer. Wer will schon Romane lesen, deren Hauptdarsteller unaussprechliche slawische Namen tragen? Epen, die in Orten handeln, die man auf der Landkarte nicht findet? – Nennen wir den Ort doch einfach Narseille, beschloss Velibor Colic .

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Narseille ist der Schauplatz seines Buches, das die Edition Erata jetzt in Übersetzung von Alida Brenner verlegte. Die Originalausgabe erschien 2006 in Žagreb. Eigentlich hätte Paris näher gelegen. Aber da geht es dem 1964 geborenen Bosnier Colic nicht anders als vielen, vielen anderen Emigranten: Die Muttersprache lässt einen nicht los. Und die schönsten Geschichten erzählt man eben in der Muttersprache. Auch wenn man 1992 desertiert ist, weil man keinen Bock hatte in der Kroatisch-Bosnischen Armee an den diversen Metzeleien in Ex-Jugoslawien teilzunehmen. Colics Weg führte ihn ins Exil nach Frankreich, wenn auch nicht – wie zu vermuten ist – in den sonnigen Süden, sondern in die eher wilde Bretagne. Da lebt er auch heute noch. Und liest augenscheinlich eine Menge. Sein Buch ist eine trunkene Hommage an die Weltliteratur.

Der Schauplatz nicht ohne Bedacht eine uralte Hafenstadt mit vertraut klingendem Namen und vier Bahnhöfen. Einer davon – einfach so im Lauf der Zeit hinaus in die Vororte gewandert – heißt auch noch "Edgar Allen Poe". Dass man Flughäfen nach trinkfesten Politikern und Musikern benennt, ist bekannt. Dichter – und schon gar solche romantischen Saufnasen wie Poe – schaffen es nur in Büchern zum Namenspatron. Und sei's auch nur eines Bahnhofs, in dem eine von altem Talmi glänzende Kneipe ihren Platz findet: Albertos Kneipe, in der alle die kleinen Szenen spielen, die Colic schildert. Oder besser: in der all seine Schatten hausen.

Helden der Bahnhofsbar - Velibor Colics "Bei Alberto.
Helden der Bahnhofsbar - Velibor Colics "Bei Alberto.
Buchcover
Sie heißen Wolk, Swan und Hesekiel, Ekrem Boxer und Hadzib Löwin. Die Frauen nicht zu vergessen: Linda Lovelace und Lilly Felinni. Und noch ein paar andere skurrile Gestalten, die alle ihren stimmungsvollen Auftritt bekommen in Albertos Bar. Geschildert von einem allumfassenden Wir, das einem recht vertraut vorkommt, irgendwo schon oft und gern gelesen bei Joyce und Brecht, nicht zu vergessen Kerouac. Nur dass die Schatten in dieser Bar zwar schillern und mit coolen Sprüchen um sich werfen, aber nicht wirklich mehr unterwegs sind. Der nahe Bahnhof als ist Milieu, ein Ort, an dem man anderen zuschaut, wie sie abfahren. Oder in dessen Bauch man seinem Gewerbe nachgeht – als von der Zeit gebeutelte Hure, die trotzdem noch die jungen Seemänner verrückt machen kann, als Drogendealer, Gelegenheitsmusiker oder Dichter. Bei Alberto treffen sich sich alle, spielen ihre Rollen, strahlen im Glanz ihrer Schicksale. Und nicht ohne Grund widerscheint irgendwo der Film "Casablanca": Auch Albertos Bar ist ein Ort der uneingelösten Versprechen, des fließenden Transits – auch wenn dieses große, ominöse Wir so erzählt, als stelle er hier die Personage für eine große, dauerhafte Inszenierung vor.

Eine Inszenierung, die nur in ihrem Kommen und Gehen Bestand hat. Nicht nur, dass auch Albertos Tage gezählt sind. Das Buch beginnt mit einem Epilog. Und der handelt mitten in einem Krieg, in dem das scheinbar so weltenferne Narseille belagert wird. Und einige der so schillernd vorgestellten Akteure sterben auch ganz unverhofft in diesem Krieg. Einige machen auch ihre Karriere darin. Ein Krieg wie aus einer Geschichte Dino Buzzatis – fast mystisch, nicht fassbar. So irrational wie der Krieg, der Anfang der 1990er Jahre in die uralten Kulturlandschaften und Städte Jugoslawiens einfiel und die fröhlichen Bewohner der Bahnhofskneipen dezimierte.

Und so hat Narseille eher etwas vom halborientalischen Charme der bosnischen und kroatischen Städte. Auch von fleißig die großen Trinker der Weltliteratur zitiert und benannt werden, die Lobpreiser des schönen Verkommens. Ein Buch voller Ankünfte – hingeschmettert, als sei es ein Gesang von Walt Whitman. Nur dass der Captain am Ende nicht in See sticht. Die große Abfahrt findet nicht statt.

Velibor Colic "Bei Alberto. Ein Ansammlung von Schatten", Edition Erata, Leipzig 2009, 14,95 Euro.


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