Gedichte, die man in Blau einbinden sollte: Eine Geschichte vom Blau
Ralf Julke
28.02.2009

Eine Geschichte des Blau.
Buchcover
Soll keiner sagen, es gäbe in deutschen Landen keine Bücher mehr, die sich zu lesen lohnte. Auch wenn sie auf keiner Bestsellerliste und keiner hiesigen Preisträgerbühne auftauchen. Einige davon werden in der Brockhausstraße in Schleußig verlegt. Wie Jean-Michel Maulpoix' "Eine Geschichte vom Blau".
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Übersetzt von Margret Millischer, das muss vorweg gesagt werden. Ohne die Fleißarbeit begabter Übersetzer würde man zwischen Rhein und Oder nicht wirklich allzu viel erfahren über die großen literarischen Strömungen in der Welt. Und über die Begnadeten da in unseren Nachbarländern. Eine Tauchnitz-Edition, die die besten Stücke der aktuellen Weltliteratur auch in Deutschland zugänglich macht, gibt es ja nicht mehr. Und auch in der gern sich selbst ernennenden Elite ist ein gut Teil der Debattanten schon mit Denglisch überfordert – und streckt bei Französisch schon die Waffen. Griechisch und Latein gehören schon längst nicht mehr zum Repertoire.
Das Bildungsbürgertum ist mausetot. Es lebe: Rilke.
Der hat noch in zwei Sprachen gedichtet. Und er hat einst in einem hinsinnierten Nebensatz geäußert: "Es ließe sich denken, dass jemand eine Monographie des Blau schriebe."

Jean-Michel Maulpoix: Eine Geschichte des Blau.
Buchcover
Das steht denn auch als Motto im Buch. Aber der 1952 geborene Jean-Michel Maulpoix hat zum Glück nicht wirklich eine Monographie dieser Farbe geschrieben. Maulpoix ist nicht nur Literaturprofessor und gibt die quartalsweise erscheinende Literaturzeitschrift "Le Nouveau Recueil" (Die neue Sammlung, für Romantiker unter den Lesern: Die neue Blütenlese) heraus, er schreibt und veröffentlicht auch seit Jahren regelmäßig Essays und Lyrik.
Und da wäre man bei der Geschichte des Blau, mit der ein faszinierendes Stück französischer Gegenwartslyrik einmal wieder die Sprachschranke überspringen darf. Und siehe da: Baudelaire lebt. Oder besser: Der große Atem seiner Lyrik lebt fort, das, was er selbst nach den "Blumen des Bösen" dem Leser eigentlich vorenthielt – die Ernüchterung nach dem Rausch. Mancher kennt ja den 1821 Geborenen nur als alter ego zu Edgar Allen Poe mit seinem tiefen Pessimismus, seiner selbst im Foto unübersehbaren Melancholie und dem unerbittlichen Hang zu Drogen und Alkohol, den beiden Hauptgründen für seinen frühen Tod.
Seine Bildgewalt wirkt bis heute. Und wer eine Farbe nennen sollte für die Ertrunkenen und die die nassen Friedhöfe in seinen skurrilen Balladen, der wird schnell auf ein dunkles, fast schwarzes Blau kommen.
Melancholisch ist auch Maulpoix. Und auch bei ihm spielt das Meer eine unübersehbare Rolle. Auch über die Tode in den nassen Fluten schreibt er. Ein ganzes Kapitel widmet er den "Verschiedenen Todesarten", die fast sämtlich nass sind. Doch es ist das Vorletzte von insgesamt neun Kapiteln, von denen jedes einzelne eine neue Erkundung ist. Nicht nur der Farbe Blau, auch wenn sie i allen Schattierungen und Stimmungen die Texte durchzieht, die eine vage Balance halten zwischen Prosa und Gesang, manchmal den hymnischen Ton Walt Whitmans aufnehmen, manchmal an die kurzen Prosastücke von Ritsos erinnern. Und damit natürlich auch daran, das es auch in der Lyrik Strömungen gibt, die nicht einfach abbrechen, bloß weil in irgendeiner Pariser Kneipe ein paar junge Burschen ein Manifest schreiben und eine neue Mode deklarieren.
Trotzdem fallen Kritiker aller Fachrichtungen gern auf solche Manifeste herein und negieren fortan alles, was nicht in die erwählte Schule passt. Da vergisst man auch gern das Sensorium für gelungene Texte. Texte, die sich auftun wie kleine Aquarellbilder und in hingetuschten Strichen eine Landschaft zeigen – mal wolkenverhangen, mal herbstlich trübe, mal geschwängert von nahenden Unwetterfronten, mal auch klar und groß wie nach einem heftigen Sommerregen. Himmel und Meer spielen ihre Hauptrollen in Maulpoix Texten, in denen es nur nebenbei tatsächlich um die Farbe Blau geht, sondern so komplizierte Dinge wie Liebe, Trauer, Sehnsucht und Hoffnung. Den ganzen Gefühlsballast, mit dem sich jeder durch sein Leben schiebt. Die einen bedrücken oder auch daran erinnern, dass Leben tatsächlich ein Strandgut ist. Genauso vergänglich wie der heutige Tag.
Doch das letzte Kapitel heißt dann: "Letzte Nachrichten von der Liebe". Liebe, die natürlich vergänglich ist und zuweilen auch in Schiffbrüchen endet, in Trauer und Verlust. Oder in der Erinnerung an das Blau einer Schleife, eines Blickes, eines Himmels.
Der Verlag hat Hermine von Jandas "Himmel und Meer" als Coverbild gewählt. Es hätte auch Caspar David Friedrichs "Mönch am Meer" sein können oder Monets "Felspyramide von Port-Coton bei rauer See". Fast hätte man sich sogar einen festen Einband und ein blaues Lesebändchen gewünscht. Denn es ist tatsächlich Lyrik zum Eintauchen, zum Drinbaden und Treibenlassen. Eine fragmentarische Annäherung an das große Werden und Vergehen, wie es uns täglich umtost. Auch wenn sich nicht viele die Zeit und die Muße gönnen, dem großen Rauschen zuzuhören und zu widerstrebend zu akzeptieren, dass am Ende alles dem Meer gehört.
Uns Menschen gehören nur der Tag und das Blau.
Jean-Michel Maulpoix "Eine Geschiche vom Blau", Erata Literaturverlag, Leipzig 2009, 16,95 Euro.
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