Schreib nie für die Zeit, könnte man Dichtern mit auf den Weg geben. Aber manchmal können sie nicht anders. Und ihre Gedichte werden zu Zeugnissen einer Epoche. Spannend wird's, wenn man solche Epochenzeugnisse übersetzt. Etwa aus dem Serbischen ins Deutsche.
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Wie es Viktor Kalinke jetzt tat mit Gedichten vom Miloš Crnjanski. 1893 in Csongrad (heute Ungarn) geboren, war er für Jugoslawien so etwas wie ein Vater der Nationalliteratur, eine Art Johannes R. Becher und Majakowski in einem Avantgardedichter, Anarchist, Sozialist und – nach der erwungenen Teilnahme als k.u.k.-Offizier am ersten Weltkrieg – ab 1928 Kulturattaché in Berlin, Rom und Lissabon – für das Königreich Jugoslawien, bevor er nach London emigrierte, weil auch das Königreich unter die Raupenketten des Krieges kam.
Der Lyrikband erschien 2008: Hörbuch "Ithaka".
Foto: Ralf Julke
Sein lyrischer Ton erinnert sehr an den jungen, herausfordernden Ton, den junge Dichter auch in anderen Ländern der Zeit anschlugen – er ist pathetisch, elegisch, anklagend, fordernd. So, wie man eben Manifeste schreibt und die ganze Welt herausfordert. So, wie man die Gräuel des letzten Krieges mit blutigen Buchstaben an Hauswände malt – um den nächsten zu verhindern.
Das klingt durch in Crnjanskis Versen, trotzig hineingerufen in die gebirgigen Landschaften des Balkan. Sein Ton hat etwas von einer Predigt. Auch das kennt man: die Beschwörung de Zeit. Als wären blinde Mächte zu bändigen, zum Einhalten zu bewegen, wenn man ihnen nur all ihre Verbrechen vorwirft und ihnen entgegen brüllt: Mit mir nicht! – Um gleichzeitig andere Zeiten zu beschwören. Ganz in der Hoffnung, das hingeschleuderte Worte hätte die Kraft zur Beschwörung.
Miloš Crnjanski: Ithaka.
Foto: Ralf Julke
Da klingt dann mancher Hymnus hilflos im Nachhinein. Und erst recht gebrochen, wenn er nicht mit großer, tragender Stimme oder gar nachhallendem Bass gesprochen wird. Viktor Kalinkes Stimme klingt jungenhaft, wenn er Crnjanskis Verse vorträgt. 25 Texte insgesamt. Drei davon im Dialog mit alten Originalaufnahmen Crnjanskis. Aber leider nicht so alt, dass man den jungen Anarchisten heraushörte, der die Verse einst schrieb zwischen den Kriegen. Es ist der gealterte Dichter, der 1965 aus dem Exil zurückkehrte nach Jugoslawien, den Vielvölkerstaat, der die alten Völker- und Stammeskriege des Balkan aufzuheben schien.
Da fehlt dann das Pathos in der Stimme des alten Mannes. Zuweilen klingt der Vers müde, ein wenig kraftlos. Vielleicht auch, weil das Echo fehlte: Die bleiernen 40 Jahre nach 1945 bescherten auch dem Vielvölkerstaat Frieden. Oder zumindest die Atempause, sich vorzustellen, eine Welt wäre denkbar ohne Galgen, Schützengräben, zerschossene Städte und die Pest des Krieges.
Crnjanski hat es nicht mehr erlebt, dass die alten Fehden wieder aufbrachen und der Hass wieder zur Leitmelodie der Zeit wurde. Und "unser Gott" wieder der Gott des Krieges wurde, der die jungen Männer frisst und krächzenden Raben eine fette Mahlzeit beschert.
Neben den eingesprochenen Texten enthält die CD auch einen elfminütigen Clip mit schwarz-weißen Filmaufnahmen aus dem ersten Weltkrieg, unterlegt mit leichter Musik und Crnjanski-Gedichten. Leitthema: Ithaka. – Wer sich erinnert: Es ist die Heimatinsel des Odysseus, auf der ihn niemand wiedererkennt, als er nach 20-jähriger Irrfahrt und den Kriegserlebnissen vor Troja heimkehrt – ein Fremder im eigenen Haus. Symbol für den wurzel- und heimatlos gewordenen Krieger, der in fremder Kriegsherren Dienst das Grauen der Schlacht erlebt hat, die Verwüstung der Welt, das Sterben und Töten als alltägliches Werk.
Die Filmbilder machen schon nachdenklich. Man wartet beinah darauf, dass die Szenerie wechselt zu den Ruinen des 2. Weltkrieges und den Schlachtfeldern und Toten der jüngsten Balkankriege. Doch am Ende sieht man Crnjanski selbst in fröhlicher Runde mit Sektglas. Ein Prosit in sichtlich friedlicher Zeit. Ein echtes Happyend – das wirkt wie falsche Propaganda, wenn man weiß, dass das nächste große Schlachten noch ausstand.
"Ithaka", Hörbuch, gesprochen von Miloš Crnjanski und Viktor Kalinke, Erata Literaturverlag, Leipzig 2009, 12,95 Euro.
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