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Der zweite Ehrlicher-Krimi von Henner Kotte: Frederikes Höllenfahrt

Ralf Julke
Frederikes Höllenfahrt.
Frederikes Höllenfahrt.
Der erste Teil hat noch gewaltig gerumpelt. Im zweiten Teil von “Ehrlicher ermittelt weiter“ gibt Henner Kotte richtig Gas. Seniorenheim-Geschichten sind nicht so sein Ding. Er liebt die Geschwindigkeit. Auch wenn es seinen Helden dann eine Höllenfahrt beschert.

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Diesmal erwischt es nicht nur Frederike, der Kotte die Höllenfahrt widmet. Frederike – man erinnert sich – ist die Inhaberin des “Waschsalons“ in der Gottschedstraße und die Freundin von Bruno Ehrlicher, dem kauzigen Ex-Kommissar aus den “Tatort“-Folgen der jüngst (aus Altersgründen) in den Ruhestand verabschiedet wurde.

Sehr zum Ärger nicht nur seiner Anhänger, sondern auch Henner Kottes, der den Mann herüberholte in seine eigene Leipziger Krimi-Welt (nachlesbar in “Abbruch Leipzig“) und auch seinem eigenen Figurenensemble begegnen ließ. Wie gesagt: Beim ersten Mal rumpelte das noch gewaltig. Man merkte auch, dass es gar nicht so leicht ist, einen Film-Typ in eine lebendige literarische Gestalt zu verwandeln.

Das kostet Zeit, Schweiß und wahrscheinlich auch ein paar zerbissene Taschentücher. Kottes Vortei: Ihm ist auch das Filmische nicht fremd. Und seine flotteren Arbeiten lassen ahnen, dass der Autor bei jeder Szene auch schon die Kamera im Kopf hat. Die Schnitte sitzen, die Szenenbilder sind überzeugend. Die Handlung ist auf einige wenige markante Akteure zugeschnitten. Selbst die Dialoge lassen ahnen, wo der Autor einen Kameraschwenk vorgesehen hat, einen Zoom hinein ins Geschehen, eine Totale oder eine Stakkato-Folge von Bildern.

Henner Kotte: Frederikes Höllenfahrt.
Henner Kotte: Frederikes Höllenfahrt.
Buchcover
Und was im ersten Band noch nicht aufging – im zweiten zieht es Kotte durch und lässt ohne Federlesens und Pausen an einem schönen Abend in der Kneipenmeile eine rasante Alptraum-Bilder-Serie entstehen. Beginnend mit einem noch fast beschaulichen Moment am Freitag, 21:45 Uhr. Einem Moment, in dem noch nicht zu ahnen ist, dass nur wenig später die ersten Schüsse fallen und ausgerechnet Frederike und Kain, der sich nach Ehrlichers Verabschiedung ebenfalls aus dem Polizeidienst abgemeldet hat, zum Opfer zweier Kidnapper werden.

Dass Ehrlicher dann seinem Ex-Kollegen mitten in den Einsatz stolpert, ist schon fast zwangsläufig. Weniger zu erwarten war, dass sie dramatischen Entwicklungen der nächsten Stunden auch die die Puppen zum Tanzen bringen und die anfangs fast hölzern wirkenden Film-Stereotype sich verlieren in klugen, sehr genau beobachteten Szenen, Dialogen und Begegnungen.

Da kommt der vertraute Kotte wieder durch, der zwar sehr kritische Worte findet über diverse Medien, Politiker und andere kurzsichtige Zeitgenossen. Aber wenn er in seine Heldinnen und Helden hineingeschlüpft ist, dann kann man zusehen, wie ihre haut Farbe bekommt, ihre Handlungen selbstverständlicher und die Dialoge herzlicher werden.

Er kann nicht anders.

Und das ist gut so.

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Das Ergebnis ist freilich, dass der Leser das Buch dann nicht einfach wieder weglegen kann, sondern hineingezogen wird in die wilde Jagd der Bilder und Gefühle. Irgendwann ahnend, dass das Ganze in einer schrecklichen Katastrophe enden könnte. Aber eine Serie, die “Ehrlicher ermittelt weiter“ heißt, die kann natürlich nicht so enden. Und schon gar nicht nach dem zweiten Band.

Es ist – zum Glück – nicht das Leipzig der Postkarten und Werbeprospekte, in dem Kotte seine Krimis handeln lässt. Aber es ist ein vertrautes Leipzig, eines, in dem Henner Kotte auch echte Polizeipräsidenten zitieren könnte. Denn es ist genau jene Stadt der Schatten und Risse, in der “Discokriege“, Kindermorde, Diebstahl, Rache und Gewalt ihren Platz finden. Genauso wie die hysterische Presseberichterstattung darüber, das Jagt-den-Dieb! Der Immer-Gerechten. Und die zumeist quälend langwierige Arbeit der Polizei.

Dass die Ursachen für menschliche Katastrophen oft ganz unerwartete sind – auch das ist für Henner Kotte ein Grundkonsens.

Er legt den Finger in die Wunde. – Natürlich ist auch Ehrlicher nicht derjenige, der das ändern könnte. Das ist dann die Brisanz eines guten sozialkritischen Kriminalromans, wie sie Henner Kotte pflegt.

Zumindest eines ist sicher: Der Stoff wird ihm in Leipzig nicht ausgehen. Dafür ist gesorgt.

Henner Kotte “Frederikes Höllenfahrt. Ehrlicher ermittelt weiter“, Verlag Das neue Berlin, Berlin 2009, 12,90 Euro.


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