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Leonid Aronson: Gedichte aus Gottes Garten – so klar, so rein, so schwer übersetzbar

Ralf Julke
Innenfläche der Hand.
Innenfläche der Hand.
In den meisten Lexika steht er noch nicht, obwohl Leonid Aronson, 1939 geboren, zu den wichtigsten russischen Dichtern der 1960er Jahre gehört. Ob er der repräsentativste ist, wie Richard McKane meint, sei dahingestellt. Fest steht: Bisher war er auf dem deutschen Buchmarkt nicht präsent.

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Das hat Gründe. Er war weder Dissident noch anerkannter Staatsdichter. So hat sich denn auch kein Verleger bislang nennenswerte Verkaufszahlen erhofft, gar noch mit einem Dichter, der selbst nach seinem Selbstmord 1970 in Russland keine Furore machte. Als Sohn jüdischer Eltern in Leningrad geboren, war seine Lyrik tief religiös geprägt. Gottes Wirken kommt in seinen Texten so selbstverständlich vor wie bei Rilke, eher noch verhaltener, stets verbunden mit einer innigen Freude an der der Schöpfung, wie sie in Insekten, Wäldern, sprudelnden Wassern zu finden ist. Im Grunde sind all seine Gedichte ein großes Staunen, Dankbarsein – doch allgegenwärtig sind auch die Zeichen der Depression, die Aronsons letzte Lebensjahre überschattete.

Leonid Aronson: Innenfläche der Hand.
Leonid Aronson: Innenfläche der Hand.
Buchcover
Gisela Schulte und Marina Bordne haben sich jetzt der Aufgabe angenommen, Aronsons Gedichte ins Deutsche zu übersetzen und den noch gar nicht Entdeckten für hiesige Leser zu erschließen. Sie haben sich viel vorgenommen. ... An diesen Texten werden sich noch Viele abarbeiten müssen, denn auf die russischen Verse trifft tatsächlich zu, was die russische Autorin Olga Martynowa betont: Sie beeindrucken "den Leser mit ihrer wunderbaren 'Tonreinheit' und der erstaunlich sanften Intonation."

Aber auch mit einer genauen Intonation. Da wird kein lyrischer Ballast angehäuft, nicht geschwelgt in Poesie – die Dinge geschehen so klar und einfach, dass Raum bleibt für das Staunen und den intensiven Blick in die Welt. Deswegen erinnern viele Gedichte an die Arbeiten Jessenins oder Pasternaks, die beide das Glück hatten, von den begabtesten deutschen Lyrikern des 20. Jahrhunderts übersetzt zu werden. Drunter geht es wahrscheinlich nicht.

...

Denn Aronson ist eigentlich kein Romantiker, auch wenn seine zuweilen stark durchbrechende Trauer an die deutsch-romantische Wehmut zu erinnern scheint. Doch wehmütig ist er nicht. Eher traurig voll Zuversicht, zerrissen wie sein großes Vorbild Puschkin, der nur um einem ihm völlig fremden Standesdünkel zu genügen, riskierte, so elend erschossen zu werden, wie es tatsächlich geschah.

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Erata bietet zu den deutschen Übersetzungen auch die russischen Originaltexte. Dazu ein kleines Vorwort von Rita Aronson-Purischinskaja, die ihren Mann nur um wenige Jahre überlebte, aber seine Gedichte sammelte und bewahrte. Deutlich ausführlicher ist das Nachwort der Übersetzerinnen, die versuchen, Aronsons Lyrik auch in den Strömungen der Zeit zu verorten und den religiösen Aspekt zu betonen. Möglich, dass das vor dem Hintergrund der russischen Literaturströmungen wichtig ist: Die Präsenz von Glauben und Gottvertrauen, wie sie in Aronsons Gedichten aufscheint, ist nicht aufgesetzt und auch selten vordergründig. Manches erinnert tatsächlich an den "Mystiker" Rilke: Es ist Dichtung, die dem Staunen Raum gibt über die Welt, wie sie ist, und über die Größe dessen, was man sieht, wenn man sich dem "Lavastrom der Blüten", dem "raunenden Schilfrohr" und "der Schöpfung Mühsal" aussetzt. Die Welt als Garten Gottes, als gefährdetes Paradies, in dem den Menschen nur Wohnrecht gewährt ist.

Das sind dann die leisen, aber deutlichen Töne, die so schwer zu übersetzen sind.

Leonid Aronson "Innenfläche der Hand", Erata Literaturverlag, Leipzig 2009, 19,95 Euro.


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