Erleuchtung der Welt: Ein gewichtiger Vorgeschmack auf eine opulente Ausstellung
Ralf Julke
05.05.2009
Reich bebildert beleuchtet der Band die Aufklärungszeit in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Noch muss man sich zwei Monate gedulden, bis die Jubiläumsausstellung der Universität Leipzig im Alten Rathaus eröffnet: "Erleuchtung der Welt". Die Exponate sind geordert, das Ausstellungskonzept steht. Und wer will, kann sich jetzt schon großformatig ins Thema einlesen. Und erleuchtet werden.
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Fast 400 Seiten stark in der Dimension eines gut gefütterten Katalogs liegt der Essayband zur Ausstellung schon vor, in dem 35 Autoren versuchen, den Umbruch zu beschreiben, den die europaweite Bewegung der Aufklärung im alten scholastischen Gefüge der Leipziger Universität auslöste. Die – das braucht nach einigen Seiten nicht einmal mehr wiederholt zu werden – von Anfang an mittendrin stand in den Diskussionen, Strömungen und Veränderungen, die das "siècle de la lumière" noch gegen Ende des 17. Jahrhunderts einläutete und mit Namen wie Wolff, Leibniz und Thomasius verbunden ist.
Es sollte noch rund 100 Jahre dauern, bis der Königsberger Professor Immanuel Kant formulieren sollte, was man unter "Aufklärung" verstehen könnte. Den Satz "Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit" hat schon fast jeder irgendwann gehört. Wie das bei Zitaten so ist: Die Fortsetzung wird dann meist weggelassen. Selbst schon der Folgesatz: "Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen." Und noch einem Moment später der Aufruf: "Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist der Wahlspruch der Aufklärung."
Das hätte keiner der Männer so formuliert, der um 1700 in Leipzig ein Magisteramt inne hatte. Und keiner hätte wohl zugestimmt, wenn jemand gefordert hätte, diese Universität müsse sich ändern. Und zwar möglichst bald und ziemlich umfassend. Höchstens der Kurfürst und König hätte das befehlen können. Aber er befahl es nicht. Niemand stellte sich hin und rief: "Es werde Licht." Wenn man von jenem 30. Oktober 1687 absieht, als der Jurist Christian Thomasius am "Schwarzen Brett" die erste Leipziger Vorlesung in deutscher Sprache ankündigte. Ein Sakrileg: An diesem hochheiligen Schwarzen Brett waren bis dato nur Vorlesungen in Latein angekündigt worden. "Ich musste damals in Gefahr stehen", schrieb Thomasius später, "daß man nicht gar solemni processione das löbliche schwarze Brett mit Weihwasser besprengte." Das tat man zwar nicht, vergraulte den kritischen Kopf 1690 aber aus Leipzig – und verschaffte der 1694 gegründeten (preußischen) Universität in Halle ihren wichtigsten Gründer – und frühzeitig den Ruf, die Universität der Aufklärung zu sein.
Das bekam dem Ruf der Leipziger Universität als ebensolcher nicht besonders gut, vor allem, weil Thomasius gerade in seiner Leipziger Zeit fleißig Streitschriften gegen Pedantismus, Scholastik, Orthodoxie, Buchstabenwissen und Geisteserstarrung veröffentlicht hatte. So etwas färbt ab. Und bleibt kleben. Über Jahrhunderte.
So gesehen ist die Fokussierung der Ausstellung zum 600-jährigen Universitätsjubiläum auf das "Zeitalter der Erleuchtung" auch ein Versuch, das immer wieder rezipierte Bild der erstarrten, verstaubten, erneuerungsunwilligen Universität zu hinterfragen. So wie die Ausstellung, die ab Juli zu sehen sein wird, tut's auch der opulent mit Porträts und Zeitzeugnissen bebilderte Essayband, den man am besten liest, wie die Mönche einst die Bibel lasen: auf einem hölzernen Lesepult. Der Band hat Gewicht, widmet sich auf knapp 60 Seiten der Vor-Geschichte der Aufklärung – beiläufig also auch der Gründung der Universität und dem Lehrbetrieb in den ersten 250 Jahren.
Doch der Hauptteil des Bandes bringt dann kurze und übersichtliche Mosaiksteinchen, die so nach und nach das Bild einer Universität zeigen, in der die Veränderungen des 18. Jahrhunderts Fuß fassen. Zwangsläufig zuweilen – immer in engster Resonanz mit der Messestadt, die sich im 17. Jahrhundert zur führenden Buchstadt des Heiligen Römischen Reiches mauserte. Auch und gerade weil die Professoren fleißig veröffentlichten, per Buch in Diskurs traten mit ihren Standesgenossen und den Gelehrten da draußen in der lateinisch sprechenden Welt.
Nicht ohne Grund erschien ab 1682 in Leipzig die erste wissenschaftliche Zeitschrift Deutschlands, die "Acta Eruditorum", ein Sammelwerk der verschiedensten Wissensgebiete und Themen mit europaweiter Ausstrahlung. Die Magister in Leipzig waren mittendrin in den Diskursen der gelehrten Welt, die drauf und dran war, sich zur Gelehrtenrepublik des Aufklärungszeitalters zu entwickeln. Ein Prozess, der Anfang des 18. Jahrhunderts auch die Universität Leipzig erfasste und sie Mitte des Jahrhunderts wohl zum wichtigsten Brennpunkt der deutschen Aufklärung machte. Die selbst nie eine statische Erscheinung war – dafür streitbar von Anfang an. Wer aus der Puste kam und die Geschwindigkeit der "Erleuchtung" nicht mithalten konnte, wurde selbst zur Zielscheibe, wie es dem wichtigsten Vertreter der mittleren Aufklärung geschah – dem Leipziger Literaturprofessor Gottsched.
Persönlichkeiten prägten die Zeit und die Veränderungen ....
Foto: Ralf Julke
Eines brauchten sich die wichtigsten Köpfe in Leipzig nicht vorwerfen lassen, was Kant später ebenfalls in seiner Aufklärungs-Definition benennt: "Faulheit und Feigheit sind die Ursachen, warum ein so großer Teil der Menschen, nachdem sie die Natur längst von fremder Leitung frei gesprochen (naturaliter maiorennes), dennoch gerne zeitlebens unmündig bleiben; und warum es Anderen so leicht wird, sich zu deren Vormündern aufzuwerfen."
Im Gegenteil: In Leipzig studierte so mancher helle Kopf, der dann andernorts für neues Feuer sorgte. Und nicht nur in den Debatten der Zeit spielte Leipzig eine Rolle. Im scheinbar so dogmatischen Gerüst der vier klassischen Fakultäten tauchten im späten 17. und im 18. Jahrhundert all jene Wissenschaften zum ersten Mal auf, die dann nach 1800 die neue, die naturwissenschaftlich geprägte Universität ausmachen sollten.
So konzentriert wie in den allein 17 Kapiteln zu diesen (Keim-)Disziplinen wurde bislang noch nicht erzählt, wie die Neugier und die wissenschaftliche Pragmatik eines sich aufklärenden Jahrhunderts dazu führten, dass sich der Studienbetrieb änderte und die so hübsch in Perücke posierenden Professoren ihren Studenten immer häufiger Vorlesungen anboten, die dem Neuen Rechnung trugen und selbst wieder Neugier weckten.
... und aus skurrilen Sammlungen wurde systematische Forschung.
Foto: Ralf Julke
Und so hörte denn auch ein so oft zitierter Student Goethe in Leipzig lieber Literatur und Geschichte als die juristischen Vorlesungen, die ihn unterforderten. Ob nun Physik, Chemie, Botanik, Anthropologie, Archäologie oder Ökonomie – das, was in Paris die Enzyklopädisten umtrieb, zeigt sich auch im Leipziger Lehrbetrieb: die Hinwendung zu immer umfassenderem und vor allem praktikablem Wissen.
Und so wundert es auch nicht, das in Leipzig zwei Lexikon-Projekte umgesetzt wurden, die sich durchaus mit dem Pariser Mammutwerk der "Enzyklopädie" messen konnten: das Zedlersche Lexikon, das es in 22 Jahren allein auf 68 Bände brachte, und das Jöchersche Allgemeine Gelehrtenlexikon.
Dass so nebenbei die Gründung von Bibliotheken, Naturalien- und Kunstsammlungen, Gelehrten-Societäten, Akademien und auch musikalischen Ensembles die großen Veränderungen im 18. Jahrhundert begleiten, das wird ebenfalls beleuchtet. Recht wissenschaftlich nüchtern. Was der Sache nicht abträglich ist. So erkunden Wissenschaftler – und solche haben Detlef Döring und Cecilie Hollberg für diese erste Spurensuche um Beiträge gebeten – nun einmal ihr Terrain. Sie sichern Fundstellen ab, benennen Quellen und Personen und versuchen, Entwicklungslinien zu skizzieren. In der Gesamtheit dann ein sehr heller Lichtstrahl in ein frühes (Puppen-)Stadium der heutigen Universität, das natürlich "verzopft" wirkt. Wie auch anders? Mit diesem Wort versuchte ja dann das noch viel pragmatischere 19. Jahrhundert sich wieder vom 18. abzugrenzen – man war ja nun "erleuchtet". Oder etwa nicht?
Wer genauer liest, merkt: Was da zuweilen ganz unscheinbar in einem Nischenfach des 18. Jahrhunderts begann, ist auch im 21. Jahrhundert oft noch nicht abgearbeitet, ausgesessen und zu Ende erforscht. Manche Fragestellung wirkt so frisch wie damals. Übrigens auch die nach der Benutzung des eigenen Kopfes.
"Erleuchtung der Welt. Sachsen und der Beginn der modernen Wissenschaften", Sandstein Verlag, Dresden 2009, Subskiptionspreis bei Bestellung bis 20. Mai: 40 Euro.
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