Spurensuche im Leipziger Barock: Zwischen Endzeiterwartung und Repräsentation
Ralf Julke
22.06.2009
Zwischen Endzeiterwartung und Präsentation.
Es gibt Bücher, die bekommt der Leser in der Regel nur zu Gesicht, wenn er sich in Spezialbibliotheken begibt oder im Programm wissenschaftlicher Verlage blättert. Dabei gibt es darunter kleine Entdeckungen, die ein Stück Zeitgeschichte lebendig machen. In diesem Fall ein Stück Barock.
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Zuweilen hat man ja das Gefühl, das Barock habe einen "Umbogen" um die Stadt an der Pleiße gemacht. Zu wenig ist übrig geblieben von der Stadt, die zwischen der markanten Prägung in der Renaissance (Altes Rathaus) und dem Klassizismus des 18. Jahrhunderts auch irgendwann einmal barock gewesen sein muss. Und es auch war. Nicht nur in den Sitten. Doch während die meisten Bürgerhäuser, die in dieser Zeit entstanden, in all den folgenden Abbruch- und Umbauperioden verschwanden, blieb da und dort zumindest ein kleines Stück Kunst erhalten. Wie das Epitaph des früh verstorbenen Juristen Heinrich Heideck, geboren 1570, gestorben 1603. Damals praktisch gerade am Beginn einer wirklich einträglichen Karriere im Staatsdienst. Ein Zeugnis auch für bürgerliches Standesdenken, das wohl vor allem seine Mutter Anna Heideck initiierte. Bis 1968 hing es im Nordchor der Paulinerkirche.
In den letzten Jahren wurde es restauriert und wurde in seiner wiedererstehenden Schönheit zum Untersuchungsobjekt für den 1980 geborenen Kunsthistoriker Moritz Lampe, der sich mit der Vorgeschichte des Epitaphs im Mittelalter genauso beschäftigte wie mit der möglichen Verbindung des Kunstwerks mit der Werkstatt eines bestimmten Leipziger Bildhauers. Eine Spurensuche in mehrerlei Beziehung.
Sie führte Lampe nicht nur auf die Spur des Leipziger Bildhauers Valentin Silbermann und einiger der von ihm geschaffenen Kunstwerke, die vor allem in Kirchen der Region überdauert haben. Viel mehr weiß man über den Mann nicht, der aber weit über Leipzig einen guten Ruf besessen haben muss. Von dem dann auch – wenn es seinen Platz im neuen Paulinum der Universität finden wird – auch das Epitaph zeugen kann, das wohl seine Mutter Anna auch bezahlte. Sie spielt im Thema, das für das Epitaph gewählt wurde, auch die Hauptrolle, nicht Heinrichs Frau Esther und auch nicht seine beiden Töchter Helena und Anna.
Lampe geht auch auf die Herkunft der Motive ein und auf die sehr spezielle Wahl der Elias-Auferweckung, die für den Kunsthistoriker durchaus ein Hinweis auf ein anderes Epitaph im Raum sein könnte, in dem das Leipziger Luthertum gepriesen wird und die Bevorzugung eines Begräbnisses auf "freiem Feld".
Moritz Lampe untersucht die Entstehung des Epitaphs von Heinrich Heideck.
Mit der Reformation war der Johannisfriedhof vor der Stadt zum Hauptbegräbnisplatz der Lutheraner geworden. Sogar noch vor Einführung der Reformation in Leipzig 1539 hatte die Stadt 1536 eine Bestattungsverordnung erlassen, die ein Begräbnis innerhalb der Stadtmauern künftig untersagte. Womit auch die herausgehobene Bestattung von Standespersonen in Leipziger Kirchen ein Ende fand. Einzige Ausnahme bis ins 18. Jahrhundert war die Paulinerkirche, die eine Sondergenehmigung des Kurfürsten bekam und fortan zum Begräbnisort nicht nur der Leipziger Professoren, sondern auch des gutbetuchten Bürgertums wurde.
Auch so ein Aspekt, der in den Diskussionen um die Paulinerkirche oft vergessen wurde. Der aber den Staatsorganen, die 1968 die Sprengung organisierten, sehr wohl bewusst war: Sie ließen nicht nur die Grüfte räumen, sie griffen möglicherweise auch tüchtig bei den Grabbeigaben zu und machten damit in der Dunkelzone der Kunstmärkte noch ein bisschen Kasse.
Das Motiv der Elias-Auferweckung, die den Anspruch einer Aufbahrung im Innenraum (einer Kirche) impliziert, setzt das Epitaph also auch ein stolzes Zeichen: Man hat nicht nur eine bestimmte gesellschaftliche Stellung erreicht, man kann es sich auch leisten, in der privilegierten Paulinerkirche beerdigt zu werden.
Moritz Lampe: Zwischen Endzeiterwartung und Präsentation.
Ein erstaunliches Werk also, das auf ganz eigene Weise die Hoffnung auf Auferstehung verbindet mit bürgerlichem Prestigedenken. Fast wünscht man sich eine paar Zeitungen der Zeit, die ein bisschen mehr ausplaudern über die Familie Heideck und die Werkstatt Valentin Silbermanns. Aber wie das so ist: Im Dezember 1603 gab's leider noch keine Tageszeitung in Leipzig. Und hätten eifrige Helfer nicht 1968 noch gerettet, was irgend zu retten war aus der zur Sprengung vorbereiteten Kirche – wir würden nicht einmal das noch erfahren können, was Moritz Lampe mit ein bisschen wissenschaftlicher Neugier über Heinrich Heideck, sein Epitaph und dessen Entstehung herausfand. Mit einer Reihe offener Fragen natürlich – Forschungsfelder für weiterhin neugierige Kunsthistoriker.
Moritz Lampe "Zwischen Endzeiterwartung und Repräsentation. Das Epitaph des Heinrich Heideck (1570 - 1603) aus der Leipziger Universitätskirche St. Pauli", Plöttner Verlag, Leipzig 2009, 16,90 Euro.
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