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Ein Schelmenstreich zur Deutschen Einheit: Good bye Bismarck

Ralf Julke
Goodbye Bismarck.
Goodbye Bismarck.
Als Leipziger fragt man sich schon beim Aufschlagen von S. U. Barts Roman "Goodbye Bismarck": Will die Autorin den Leser veräppeln? Wo steht denn heute noch ein Bismarck-Denkmal? – Die Leipziger haben ihres schon 1946 abgerissen. Es war ein Aufwasch damals.

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Und der Eiserne Kanzler mit seiner Dogge Tyrass passte wahrhaftig nicht mehr in die Zeit. Eine Zeit, in der die Leipziger lieber ein Väterchen Stalin aus Gips formten. Ohne Hund.

Und auch 1990 kümmerte keinen Leipziger wirklich, ob da in Hamburg noch ein Bismarck in Roland-Pose umherstand. 32 Meter hoch. Ein Mordstrumm, der dem Leipziger Völkerschlachtdenkmal durchaus Konkurrenz machen könnte. 1906 errichtet, sieben Jahre vor Fertigstellung des Völkerschlachtdenkmals. Wie man hört, ist auch das Bismarck-Denkmal reif für eine 2 Millionen Euro teure Sanierung. Dass es 1990 gar Mittelpunkt eines Schelmenstreiches war, das erfährt man nun ebenfalls aus dem ersten Roman, den die 1965 geborene Autorin im Plöttner Verlag vorgelegt hat.

In Esslingen am Neckar ist sie geboren, ist gelernte Sparkassenkauffrau, hat dann aber doch lieber Ethnologie und Politische Wissenschaften studiert, wie das Fach in Hamburg heißt. Und arbeitet – wie man der Biographie entnehmen kann – derzeit als Rikscha-Fahrerin in Berlin.

Die Fabel rankt sich um jenen zeremoniell zum Tag der Deutschen Einheit gekürten 3. Oktober 1990, den augenscheinlich eine Menge Leute auf Plätzen und vor Fernsehern feierte, noch voller Euphorie und Weihnachtshoffnung auf eine hübsche Bescherung. Der Tag jährt sich im Oktober das 20. Mal. Die Feiern sind längst organisiert. Und es wird gewiss noch ein paar Leute mehr geben als im Jahr 1990, denen das Brimborium ein wenig zu viel des Guten ist und die sich mehr wirklich Arbeit in Sachen Einheit wünschen. Nicht bloß Gelaber.

S. U. Bart: Goodbye Bismarck.
S. U. Bart: Goodbye Bismarck.
Barts Helden Ulrich Held und Jens Dikupp haben sich gründlich vorbereitet auf ihren 3. Oktober 1990: Sie haben sich Stoff besorgt und eine riesige Kohl-Karikatur drauf gemalt. Sie haben den Aufstieg aufs Denkmal trainiert und sie haben sich die selige Nacht der Einheit auserkoren, um dem Hamburger Bismarck-Denkmal das Gesicht des weiland regierenden Kanzlers überzustülpen. Ihr Beitrag zu einer Einheit, die zwar mächtig-gewaltig gefeiert wurde, aber irgendwie doch wie eine große Verkohlung daherkam.

Viel Pomp, wenig Selbstkritik. Denn wirklich zuversichtlich war auch die alte Hälfte der werdenden Republik im Jahre 1990 nicht. Man vergisst es so gern bei all den bunten Bildern mit Feiernden auf der Berliner Mauer, frisch produzierten Deutschlandfähnchen aus Thailand und honorigen Rednern. Die Kohlsche Wende war im seichten Wasser gelandet, die Republik dümpelte in Ratlosigkeit einer um sich greifenden Trostlosigkeit und der Umsturz im Osten wirkte wie ein Geschenk des Himmels.

Das alles klingt mit in den kurzen und flott erzählten Kapiteln, mit denen sich S. U. Bart dem Höhepunkt ihrer Geschichte nähert. Von beiden Seiten – dem Vorher, in dem Held und Dikupp so langsam ihre Idee umsetzen – und dem Nachher, in dem das Kohl-Gesicht zehn Tage lang hinausschaut auf die trägen Wasser der Elbe und ein paar Leute Sorgen haben, dass die "Birne" wieder runterkommt vom Denkmal – und andere sich sorgen, dass sie zu schnell wieder herunterkommt. Denn das Ganze gefällt nicht nur dem obersten Denkmalschützer der Hansestadt, Erich Huld, irgendwie. Auch ein paar verlässliche Beamte sehen keinen wirklichen Grund zur Eile.

Der Bürgermeister zeigt sich besorgt, die Presse lästert ein bisschen. Aber zum Skandal wird das Ganze nicht wirklich. Und zur Attraktion eigentlich auch erst an dem Tag, an dem das Fahrzeug mit der Hebebühne anrollt und eine gewaltige Eiche gefällt werden muss, damit man überhaupt ans Denkmal heranfahren kann.

Emsig blendet die Autorin hin und her zwischen all ihren Akteuren, leuchtet in winzige, bühnenreife Szenen hinein, zoomt wieder aufs Denkmal und lässt in knappen Dialogen neue Verwicklungen ahnen. Könnte ja sein, die beiden Denkmalkletterer werden erwischt und aus der Aktion wird nichts.

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Das Ganze beinah unterkühlt erzählt, trocken und mit einem guten Schuss hanseatischen Humors. Zumindest empfindet man das so beim Lesen. Vielleicht liest es ein Hamburger anders und ärgert sich. Vielleicht auch nicht, denn man spürt, dass die Berichterstatterin diese Art Welthaltung mag. Und vielleicht ist diese Geschichte, deren Szenen zuweilen wirken wie bestes Ohnesorg-Theater ohne Theater, auch wirklich nur in Hamburg denkbar. Andernorts hätte die beleidigte Provinzialität gequiekt und per Presse zu einer Hatz auf die Täter geblasen.

Achja: Eine Liebesgeschichte ist es auch noch. So ganz nebenbei.

Es ist ein Buch, das man bei einem kühlen Alsterwasser trinken kann oder – wenn die Tage der großen Reden wieder kommen, mit einem heißen Grog. Ein echter Schelmenroman, so richtig gegen den Strich des üblichen deutschen Roman-Lamentos geschrieben. Frisch wie eine Brise am Hamburger Hafen. Man müsste glatt mal wieder hinfahren. Mit dem ICE Otto von Bismarck. Aber mit dem kommt man nicht nach Berlin. Der verkehrt zwischen München und Berlin, also irgendwie verkehrt.

S. U. Bart "Goodbye Bismarck", Plöttner Verlag, Leipzig 2009, 17,90 Euro.


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