Ein skurriles Stück aus einem kafkaesken Land: Reinhard Bernhofs "Die Sitzer"
Ralf Julke
16.08.2009
Die Sitzer.
Da sitzen sie nun, schauen sich gegenseitig ins Fenster, kommen sich näher, als es der Eine anfangs will – und am Ende wird die Geschichte eines Leipziger Autors und seines ganz persönlichen Beobachters zu einer "authentischen Skurrilität". Reinhard Bernhof hat sie aufgeschrieben.
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Der 1940 in Breslau geborene, im Westen aufgewachsene und seit 1963 in Leipzig heimische Autor hat schon mehrere Titel im Plöttner Verlag veröffentlicht. Im September folgt der nächste: "Wegen Schweigen zeige ich mich an". Eine Neuauflage seines 2005 in Halle erschienenen Sammelbandes mit verbotenen Texten aus der Zeit von 1976 bis 1992. Wobei natürlich die späten Jahre keine Verbotstexte mehr sind – dafür recht authentische Erinnerungen an die letzten Jahre vor dem, was da im Herbst 1989 geschah. Was der Hallenser Psychotherapeut Hans-Joachim Maaz auch 20 Jahre danach nicht bereit ist, als Revolution zu bezeichnen.
Aus seiner Sicht eine nachvollziehbare Interpretation. "Von einer Revolution sollte man lieber nicht sprechen. Es hat keine Revolution in der DDR gegeben. Wir Ostdeutschen sind zum Westen übergelaufen, in der Hoffnung, dass wir uns überhaupt nicht verändern müssen und den Wohlstand und die Freiheit einfach geschenkt bekommen. Deshalb mussten viele Ostdeutsche gar nicht über sich nachdenken. Auch aus diesem Grund sind sie nicht geheilt", sagt er in einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin “Der Spiegel“ zum Thema.
Immer wieder hat er kritisiert, dass eine Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte nicht wirklich stattgefunden hat. Was dann die Basis schuf für neue Verdrängungen, Kränkungen und Verletzungen.
Bernhof hat sich nun hingesetzt und eine ganz persönliche Verletzung versucht, mit literarischen Mitteln aufzuarbeiten. Gestaltet als kleines Drama mit zwei Hauptprotagonisten: dem Schriftsteller Bernstein, in dem unschwer ein Eigenbild des Autors zu erkennen ist, und dem behinderten Mathematiklehrer Arthur Nißky. Der Schauplatz: ein begrünter Platz irgendwo in Leipzig. Peter Franke hat fürs Umschlagbild einen solchen abgelichtet – in winterlichem Grau-Weiß, die Häuser unsaniert und trist. Rechts stehen zwei sehr amtlich wirkende Autos der Marke Lada, links schleicht sich eine seltsame Gestalt in Mantel und Jägerhut aus dem Bild. Schon die Szenerie scheußlich und lange, lange her.
Reinhard Bernhof: Die Sitzer.
Kaum vorstellbar, beim Einziehen in so eine Wohnlandschaft so etwas wie Lebensfreude, Schaffenseifer und gar gutnachbarschaftliche Verhältnisse herzustellen. Vor allem auch, weil "Berni" schon beim Einzug in die zugewiesene (oder glücklich ergatterte?) Wohnung feststellt, dass er da augenscheinlich in ein Wohnviertel der Staatsdiener geraten ist. Einzige Ausnahme wohl die männerliebende (und verschlingende) Frau Nürdel nebenan. Und dieser skurrile Mathematiklehrer, der den ganzen Tag an seiner alten Schreibmaschine sitzt und dabei über den Platz herüberschaut.
Was schreibt er da nur? – Nicht nur freundliche Rezensionen über ein Kinderbuch von "Berni". Sondern auch eine Menge Dinge, die der Schriftsteller dann nach 1989 in seinen Stasi-Unterlagen zu lesen bekommt, detailliert und linientreu. Was freilich nur die Hälfte des Dramas ist, denn nachher stellt nicht nur "Bernis" Frau Leonore immer wieder die Frage: Hast du schon mit ihm gesprochen?
Denn auch in Bernsteins kurzen Diskursen wird deutlich: Er fragt sich schon, wie einer wie Nißky, mit dem ihn dann sogar noch eine Art Freundschaft verband, trotzdem so eifrig zum Zuträger und Diener der sammelwütigen Sicherheit werden konnte. Eine Frage, die sich auch für Bernstein schon kurze Zeit später in anderem Licht zeigt. Da ist dann auch der schöne Glanz des Herbstes 1989 erblasst. "Zu wenig Geistiges in der Revolution ... Waren wohl mehr Auflauf? – Zum Kotzen alles. Kämpften wir etwa für Avocados und vierlagiges Toilettenpapier?"
"Erwarte ich Zerknirschung oder mannhaftes Geständnis des Beteiligtgewesenseins?" fragt Bernstein. "Wer hat ihn dazu angestiftet? Waren es die Verhältnisse? Stand er auf der falschen Seite? Wir auf der richtigen?"
Die Geldprämien, die Nißky für seine genauen und ausführlichen Berichte erhielt, sprechen eine eigene Sprache. Nur: Er hat sie nie in Anspruch genommen. Was dann ahnen lässt: Es gab auch die ganz von kortschaginschem Eifer Erfüllten, die auch als die Häuser begannen in sich zusammenzufallen noch überzeugt waren, sie kämpften für "eine Sache", eine "Gesellschaft der Zukunft" gar.
Man ahnt, warum Bernstein den Anruf meidet und den Weg über den Platz erst recht. Er gesteht dem emsig tippenden Mathematiklehrer zumindest hehre Motive zu. "Wollte mich nicht morden, brachte mich nicht um, aber er hatte mich eingezirkelt ..."
Die Tragik steckt in den 150 beschriebenen Aktenseiten. Dann und wann hatte Bernstein rebelliert. Doch für Vieles hatte er mit Depressionen bezahlt. "Zirkels" Berichte machten es möglich: Die Allmächtigen wussten, was sie wissen wollten über den nicht ganz angepassten Schriftsteller und Lebemann. "... dabei hatte er für mich einen sanften und administrativen Tod eingeleitet ..." Die Aussprache kommt nicht zustande. Am Ende holt ein schwarzes Auto den verstummten "Zirkel" ab.
Reinhart Bernhof "Die Sitzer. Eine athentische Skurrilität", Plöttner Verlag, Leipzig 2009, 14,90 Euro.
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