Der Versuch, ein rastloses Leben in Worte zu fassen: Das Wunder Mendelssohn
Ralf Julke
13.09.2009
Das Wunder Mendelssohn.
Er gehört zu den erfolgreichen Autoren im Verlag Fabe & Faber: Johannes Forner. Er hat über Brahms geschrieben, Beethoven und Wagner. – Jetzt hat er ein Buch über das Geburtstagskind des Jahres vorgelegt: Felix Mendelssohn Bartholdy. Ein Porträt, wie er versichert, keine Biographie.
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Aber so manche Biographie kann sich hinter diesem Porträt verstecken, in dem der 1936 geborene Autor versucht, sich dem "Wunder Mendelssohn" zu nähern. Ganz ähnlich, wie es einst Stefan Zweig mit seinen historischen Gestalten tat, bewusst polarisierend, zuspitzend und subjektiv. Das Leben der geschilderten Personen wird zum Drama, die Sichtweise des Autors gibt dem, was selbst bei Berühmtheiten in der Welt meist nur eine vom Zufall dominierte Jagd durch die Zeit ist, einen Sinn. Das, wonach sich so mancher sehnt, wenn er sein Leben bilanziert. Und was eigentlich nie gelingt.
Der Trugschluss ist, dass "seriöse" Biographen es besser machen. Denn erzählbar wird auch ihnen meist nur, was zur "Geschichte" wird, was die Person, die sie sich zum Helden erwählen, begreifbar macht in ihren Welt- und Zeitzusammenhängen. Da ist auch für den 1847 in Leipzig gerade einmal 38-jährig gestorbenen Felix Mendelssohn Bartholdy noch längst nicht alles gesagt. So richtig in Gang gekommen ist die Mendelssohn-Forschung erst in den letzten 12 Jahren, auch wenn seit den 1950er Jahren immer wieder Versuche unternommen wurden, das Mendelssohn-Bild zu korrigieren und zu bereichern.
Das hat lange genug gedauert. Nicht nur Forner grübelt über das plötzliche Schwinden des Ruhmes nach Mendelssohns Tod und die Rolle, die Wagners Schrift über das "Judenthum in der Musik" dabei spielte. Nicht zu vergessen der tiefsitzende Antisemitismus, in dem sich Groß- und Kleinbürgertum des verkorksten Deutschen Reiches so einig waren. Doch da spielte augenscheinlich 1835, als Leipzig dem begabten Musiker und Komponisten das dritte Stellenangebot offerierte, keine Rolle. Man himmelte den 26-Jährigen an, man applaudierte seinen Konzerten, man feierte seine Kompositionen – und man kämpfte um ihn, als Berlin ihn in den 1840er Jahren für sich gewinnen wollte.
Viele von Mendelssohns Wegbegleitern kommen ins Bild. Forner kennt sich aus in der (Musik-)Geschichte, war lange Jahre Professor für Musikwissenschaft an der Hochschule für Musik und Theater, die heute den Namen Felix Mendelssohn Bartholdy trägt. Und die Mendelssohn 1843 mit aus der Taufe gehoben hatte. Forner kann aus dem Vollen schöpfen – und er tut es auch. Sein Buch ist durchzogen mit Analysen und Verweisen auf die Kompositionen, die Mendelssohn schuf – er bringt die Rezeptionsgeschichte in Erinnerung, zitiert oft und gern den ein Jahr jüngeren Robert Schumann, der Mendelssohns Wirken in Leipzig mit enthusiastischen Kritiken in der "Neuen Zeitschrift für Musik" begleitet hat. Er zitiert auch Zelter und andere Wegbegleiter, versucht das Umfeld zu reflektieren, in dem der talentierte Sohn von Abraham Mendelssohn, Enkel von Moses Mendelssohn, aufwuchs und früh schon zum Wunderknaben wurde.
Johannes Forner: Das Wunder Mendelssohn.
Doch ganz ähnlich wie beim Wunderknaben Mozart war auch ihm das nicht "geschenkt", auch wenn sein Vater kein "Tyrann" war. Aber schon die wenigen Einblicke, die Forner sich gönnt in die Berliner Kindheitsjahre, lassen ahnen, wie sehr diese erfolgreiche Familie schon die Kinder anhielt zu Leistung, Fleiß und Meisterschaft. Zu ahnen ist, dass Felix' Schwester Fanny genauso talentiert ist – doch eine Künstlerkarriere hat ihre Umgebung für sie nicht vorgesehen. Und nicht nur der Vater, auch die Mutter hält den Jungen früh zum Nimmermüdesein an. Es klingt so mütterlich, wenn sie fragt: "Felix, tust du nichts?"
Aber das ist ein Programm, das Müßiggang, Träumen und Entspannung ausschließt. Ein Programm, wie es auch heutige "Wunderkinder" noch kennen. Und Felix hat Glück: Er zerbricht nicht schon früh daran. Er hat nicht nur das Talent – er identifiziert sich mit dem Leistungsanspruch. Für manchen seiner Wegbegleiter – Schumann und Wagner etwa – kommt das auch als Abweisung, Herablassung, Arroganz herüber. Es erklärt so manches in Wagners wildem sich Verbeißen in den Unnahbaren und seine "gefühllose" Musik. Ab und an gönnt sich Forner auch einen Blick in die Wagnerschen Kompositionen, die da und dort erstaunlich nah sind am verabscheuten Vorbild.
In den letzten Lebensjahren mehren sich bei Mendelssohn die Seufzer, kommen die ersten Warnzeichen auf, dass er mit seinem Arbeitspensum nicht mehr lange durchhalten wird. Sein Leben ist eine Hatz – wenn er nicht komponiert, Programme einstudiert, musiziert oder organisiert, ist er unterwegs, reist er nach England, Berlin, zu den Festivals am Rhein. Er kennt keine Ruhepausen. Und würde einer dieses Leben verfilmen, er könnte es im Tempo der Eisenbahn verfilmen, unterbrochen von Sturmszenen, Applaus, Zerwürfnissen mit Orchestern und Chören, die Mendelssohns Qualitätsansprüchen nicht genügen.
Den Leipzigern hat er mit dem von ihm geformten Gewandhausorchester und dem Konservatorium die Grundlagen gegeben für Qualitätsmusik. Das zählt bis heute. Und alle, die diese strenge Schule durchlaufen haben, schätzen Leipzig dafür. Es ist die mendelssohnsche Seele der Stadt, die auch lebte, als sich das großmäulige Bürgertum 1897 einen Juden in der Thomaskirche verbat oder das Kleinbürgertum 1936 das Mendelssohn-Denkmal abriss.
Forner schwärmt – wie so viele – von der Weltgeltung der Musikstadt Leipzig unter dem Gewandhauskapellmeister Mendelssohn. Doch nur vage lässt er anklingen, wie ähnlich sich die beiden waren: der ruhelose Dirigent und Komponist und die junge, erfolgshungrige Industriestadt, die gerade ihre Kessel feuerte. Es ist ein bewunderndes Porträt, das Forner über den Jubilar schreibt – ein Porträt, das nicht umhin kommt, an diesem Workaholic auch ein bisschen zu verzweifeln. Weil spätestens 1844 klar ist, das der junge Familienvater das nicht lange mehr durchhalten wird. Er ist erschöpft und wird sich in keinem der Folgejahre tatsächlich erholen. Drei Schlaganfälle beenden 1847 ein Leben, das sich vielleicht erst mit der Mendelssohn-Briefausgabe erschließen wird, die die Universität Leipzig erarbeitet. Ein Mammutwerk, denn trotz aller Eile und Zeitknappheit schrieb Mendelssohn auch noch 5.000 überlieferte Briefe. 7.000, die er erhielt, ergänzen die Ausgabe. Ein Werk, das in die Zukunft weist, wie Forner schreibt.
Und das wohl so manchen Späteren animieren wird, sich des Themas Mendelssohn auf ein Neues anzunehmen, erneut das Rätsel zu lösen um diese Ruhelosigkeit. Und der sich dann auch die Kompositionen – wie Forner – auf ein Neues anhören wird, ahnend, dass darin viel aufklingt von dem, was Mendelssohn – anders als Schumann – nicht ausgesprochen und nicht ausgelebt hat.
Und so kann man zum Lesen des Buches natürlich empfehlen, sich die jeweils zitierten Musikstücke aufzulegen und hineinzuhören in die Klangwelt, die die Zeitgenossen oft genug von den Stühlen riss. Und die seit dem unaufhaltsamen Comeback seit 1947 immer neue Generationen in ihren Bann zieht, verzaubert, aufwühlt, mitreißt. Mancher versteht das als ein Wunder.
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