Umschlagfoto von "Leipzig 1989": Montagsdemonstration 6. November 1989.
Foto: Thomas Härtrich / transit / Lehmstedt Verlag
Wie bereitet man die Ereignisse im Herbst 1989 so auf, dass der Besucher der "Heldenstadt" einen Eindruck bekommt von dem, was wichtig ist, von Orten, Stimmungen, Persönlichkeiten? Denn mancher Tourist kommt ja deswegen nach Leipzig. Eine handliche Chronik hilft jetzt weiter.
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Geschrieben hat sie Doris Mundus, herausgebracht der Lehmstedt Verlag. Eine übersichtliche Ergänzung zu den Büchern, die dieser Tage zur "Friedlichen Revolution" erscheinen und versuchen, die Ereignisse in möglichst umfassender Form aufzubereiten. Die Schwierigkeit auch 20 Jahre danach: Es gibt zu viele Quellen. Was zu ergänzen ist: Es gibt zu wenige Quellen.
Denn während das offizielle Bild der Bürgerbewegung auch schon vor dem 9. Oktober immer wieder dokumentiert ist, eine wesentliche Rolle auch in der Berichterstattung der westdeutschen Medien spielte und in der wissenschaftlichen Aufarbeitung seitdem größtes Gewicht erhielt, fehlen die "Gegenspieler" fast völlig. Doris Mundus bringt sie überall dort, wo sie für kurze Momente aus dem Grau der Anonymität hervortreten, natürlich auch im Kalendarium unter – den Stasi-General Manfred Hummitzsch zum Beispiel, den mancher nur von einem einzigen Bild kennt: dem Bild der Besetzung der Stasi-Zentrale, als er – von Reporten umlagert – am Tisch sitzt und seine Hand beteuernd an die Brust hält.
Andere Akteure der staatlichen Seite tauchen nur kurz auf wie der damalige Oberbürgermeister Bernd Seidel. Gar nicht ins Bild kommen der so wichtige Leipziger Polizeichef Gerhard Straßenburg oder Helmut Hackenberg, der als Stellvertreter des erkrankten SED-Bezirkschefs Horst Schumann an jenem so wichtigen 9. Oktober verantwortlich war für die Einsatzkräfte. Er war es ja, der in Berlin bei Egon Krenz anrief und nach Weisungen fragte.
Martin Jankowski hat das in seinem Buch "Der Tag, der Deutschland veränderte", minutiös herausgearbeitet, wie die in Leipzig Verantwortlichen keineswegs bereit waren, die Verantwortung für eine gewalttätige Eskalation auf sich zu nehmen – und wie sich Egon Krenz so lange Zeit ließ mit dem Rückruf, dass der eigentlich brisante Punkt – der Hauptbahnhof – von den 70.000 Mutigen schon längst passiert war. Am Hauptbahnhof waren die Einsatzkräfte konzentriert. Und als Berlin sich ausschwieg, forderte Straßenburg vom DDR-Innenminister Dickel dann doch lieber die Erlaubnis ein, die Eigensicherung der Einsatzkräfte einzuleiten.
Auch die Vor-Geschichte kommt ins Bild: Straßenmusikfest und Stattkirchentag.
Auch das Engagement dreier SED-Funktionäre im Aufruf der "Leipziger Sechs" ist bekannt. Doch wer sorgte für all die jämmerlichen Leserbriefe, die die LVZ vor diesem 9. Oktober veröffentlichte? Wer sorgte für die Verbreitung der Gerüchte, in den Krankenhäusern würden Blutkonserven gelagert? Was geschah in den Zimmern der Mächtigen?
Dass sie offiziell nicht reagierten, den Diskurs verweigerten – ist bekannt. Aber das führt auch dazu, dass offizielle Quellen zu ihrem Agieren nicht existieren. Keine Zeitung, kein Fernsehbeitrag gibt darüber Auskunft. Und Propaganda ist kein verwertbares historisches Material. Das ist im Zusammenhang mit der DDR den Forschern recht bewusst – im Unterschied zum Umgang mit dem Propaganda-Archiv des Dritten Reiches.
Was auch im Fall des 1989er Herbstes Konsequenzen hat. Die auch deshalb gravierend sind, weil sich nach 1990 viel zu wenige Medien trauten, auch die Seite der nun zu "Gegnern" mutierten einst Mächtigen zu beleuchten, Zeitzeugen zu befragen, die Menschen zu suchen hinter der Propaganda. Und so erfährt man aus der von Doris Mundus akribisch zusammengetragenen Chronik so ziemlich alles, was mittlerweile bekannt ist über den Weg zur Friedlichen Revolution – vom 1. Februar 1988 beginnend, denn natürlich hat der Herbst eine lange Vorgeschichte. Und gerade Leipzig kam in den beiden Jahren vor ultimo nie richtig zur Ruhe.
Aber die andere Seite fehlt weiterhin. Jeder Filmregisseur wird das monieren: Wann gingen die Einsatzbefehle raus? Wer gab sie? Welche Truppen waren in Bereitschaft? Wer befahl die Polizisten am 7. Oktober? Woher kam auf einmal die Sonderausrüstung, die man vor 1989 bei Polizeieinsätzen in der DDR nicht gesehen hatte? Was tat der Oberbürgermeister vor den Herbstdemonstrationen?
Auch gleich auf Englisch: "Leipzig 1989. A Chronicle".
Je näher man diesem 20. Jubiläum eines berauschenden Herbstes kommt, umso auffälliger wird, dass viele Fragen bis heute nicht beantwortet sind. Fragen, die eine der Ursachen für deutsch-deutsche Missverständnisse sind, die bis heute fortwirken – angefangen vom Beschluss der SPD, keine ehemaligen SED-Mitglieder aufzunehmen, bis hin zu den Rote-Socken-Kampagnen der CDU, die schon begannen, als man mit Leuten wie Hans Modrow noch verhandelte. Es wirkt bis in die "Blockflöten"-Diskussion der letzten Monate hinein.
Und es hat viel damit zu tun, dass die wichtigsten Akteure des Herbstes heute keine Rolle mehr in der großen Politik spielen, auch schon bei den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 im Grunde keine Rolle mehr spielten. Da gehen sie als Bündnis 90 mit 5,26 % der Stimmen selbst in der "Heldenstadt" Leipzig fast unter. Den Löwenanteil der Stimmen holen sich – bis heute – CDU, SPD und damals noch die PDS.
Die handliche Chronik bringt übersichtlich und mit eindrucksvollen Fotos bebildert das Wichtigste, was zum Herbst 1989 bekannt ist, lässt in der gedrängten Fülle auch ahnen, dass am 9. Oktober noch nicht wirklich alles entschieden war – bis in den November hinein versuchen die noch Mächtigen hinter den Kulissen, die Massenproteste irgendwie in den Griff zu bekommen. Eine Parallel-Geschichte, die man nur ahnen kann in ihren Konturen. Die Alarmbereitschaft in den Kasernen der Bereitschaftspolizei wurde erst am 27. Oktober aufgehoben. Da hatte man Honecker und Mielke längst gestürzt, Krenz hatte am 18. Oktober seinen Satz mit der "Wende" gesagt und seine Zeit lief auch schon wieder ab.
Die "Chronik" ist ein nützlicher und herrlich kompakter Begleiter durch die 1989er Ereignisse. Kurzbiographien am Seitenrand stellen die wichtigsten Akteure vor. Eine Karte in der Umschlaginnenseite zeigt die wichtigsten Schauplätze. Und weil das Leipziger Herbstphänomen auch weltweit für Furore sorgte und so manchen Revolutions-Touristen an die Pleiße zieht, gibt es die kleine Chronik – von Susanne Mundus übersetzt – auch gleich noch in einer englischen Version. Da bekommt der Text dann natürlich mediale Wucht. Das hat das Englische so an sich: "7.30 p.m: The demonstration reaches the 'Runde Ecke' ('round corner'), the headquarter of the district administration of the state security service."
Das war der Moment, als Egon Krenz sich endlich traut, wieder in Leipzig anzurufen. Aber da waren sie, wie Hackenberg 20 Minuten vorher gesagt hatte, "schon rum". Da war nichts mehr zu machen. Aus, vorbei, finito. 20 Minuten, die die Welt veränderten. Einfach durch Untätigkeit.
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