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Im Herbst 1989 gab's mehr als Demo, Mauer und Protest: East - Zu Protokoll

Ralf Julke
EAST - Zu Protokoll.
EAST - Zu Protokoll.
Ein bisschen klettern muss man schon. Oder den behäbigen Aufzug benutzen. Die Foto-Installation "EAST - For the Recor/Zu Protokoll" ist seit Samstag im 1. Geschoss des Bildermuseums zu sehen. Das Englisch klingt abgehoben, deutet aber nur auf die Zwei-Sprachigkeit von Ausstellung und Buch.

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"EAST" ist eine Ausstellung in der Ausstellung – nämlich der großen Jubiläums-Ausstellung "60 40 20", die versucht, die Entwicklung der Leipziger Künste in den letzten 60 Jahren in ihrer ganzen Widersprüchlichkeit zu zeigen. Ob sie es schafft, muss der Besucher für sich entscheiden. Angebote gibt es genug – bis hin zum Darstellen der neuen Anfänge 1949.

Mit EAST hat die Verbundnetz Gas AG (VNG) ein Projekt weiterentwickelt, das sie zuvor schon in der Galerie für zeitgenössische Kunst gezeigt hat. Das Unternehmen widmet sich gezielt der Förderung moderner Fotografie.

3. Oktober: Die Flüchtlinge in der Prager Botschaft dürfen ausreisen.
3. Oktober: Die Flüchtlinge in der Prager Botschaft dürfen ausreisen.
Kurator – und damit natürlich auch Erfinder von EAST – ist der 1962 geborene Fotograf Frank-Heinrich Müller. Seine Idee: Fotografen vor allem der eigenen Generation um Fotos zu bitten, die zwischen August 1989 und Januar 1990 entstanden sind. Keine "Propagandafotos", keine "Auftragsbilder", sondern persönliche Erinnerungen. Er kennt eine Menge Leute in seinem Metier. 75 Fotografinnen und Fotografen machten – manche nach anfänglichem Zögern – mit, sandten 220 Fotografien ein und viele der Einsender schickten auch die Geschichten mit, die hinter den Bildern steckten, ihre persönlichen Gedanken und Erinnerungen.

Der "Zeit"-Autor Christoph Dieckmann verweist in seinem Vorwort auf den eigentlichen Kern des Ganzen – die schlichte Tatsache, dass zwischen "historischer Wahrheit" und individueller Erfahrung meistens ein großer Unterschied besteht. Die individuelle Wahrheit unterscheidet sich oft prägnant von dem, was dann als "klassifizierte Chronologie" und damit gültige Interpretation in den Lehrbüchern steht. Pech nur für alle, die es anders erlebt haben.

7. Oktober in Leipzig: Thilo Kühne fotografiert den Polizeieinsatz.
7. Oktober in Leipzig: Thilo Kühne fotografiert den Polizeieinsatz.
Etwa weil sie gerade mit der Kamera in Italien, der Schweiz, Südfrankreich, den Niederlanden oder England unterwegs waren. Auch das gab es. So mancher Künstler der DDR bekam 1989 noch Reisen genehmigt, die vorher undenkbar waren – der in Bedrängnis geratene Staat versuchte so viel Druck aus dem Kessel abzulassen, wie irgend möglich. "Sich durchwurschteln", nennt man das wohl. Dafür nach drinnen einfach weitermachen mit der Realitätsverweigerung und alles unterdrücken, was nicht genehmigt und nicht erwünscht ist. Und so sammeln sich in den mehrheitlich zufällig entstandenen Bildern die Widersprüche, scheint genau das auf, was Frank-Heinrich Müller bei Kempowski gefunden hat: der "Schock von der Gleichzeitigkeit des Unvereinbaren".

Und das sind dann nicht nur Wiebke Loepers Bilder von den geparkten Staatskarossen in der Berliner Mollstraße am 7. Oktober 1989 und Ulrich Wüsts Bilder von der Parade in der Straße Unter den Linden, die rein chonologisch aufeinander treffen. Es sind auch die betrunkenen Gäste des Weinfestes in Freyburg, die Marion Wenzel einfing, und die Fotos von Polizeieinsätzen in Leipzig und Berlin, festgehalten von Thilo Kühne und Merit Schambach.

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Ein echter Antipoden-Beitrag: Wim Wenders' Fotos aus Australien, wo er für seinen nächsten Film recherchierte und – mitten in der Landschaft – unverhofft einen Engel entdeckt.

Die Ausstellung im Museum de bildenden Künste bietet auf 110 Meter Wandlänge kompakt, was da von Fotografinnen und Fotografen eingesandt und "Zu Protokoll" gegeben wurde. Eine Ausstellung, die im Grunde den Extra-Besuch erfordert, damit man Fotos und Texte in sich aufnehmen kann.

Das Buch dazu bietet ebenfalls beides – den chronologisch angelegten Bilderteil, der einen zuweilen von Staunen zu Verblüffung führt. Die Texte der Fotografen sind im Anhang gebündelt – deutsch und englisch. Manche Text nur eine lakonische Bildbeschreibung, mancher ein Dokument der Zeit – Briefe, Zeitschriftenartikel, Buchausschnitte, Erinnerungen. Manchmal sind es nur noch die Fotos, die von den Tagen damals erzählen – und die Erinnerung ist fort. Manchmal kommen die Gefühle auch wieder hoch – Beklemmung, Heimweh, Freude, Betroffensein. Auch da gibt es in dieser Bilder-Geschichte: Momente menschlicher Nähe, Schwangerschaft und Verlust.

Frank-Heinrich Müller (Herausgeber) "EAST - Zu Prokoll", Steidl Verlag 2009, 38 Euro.


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