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Michael Schweßinger – ganz unten: Aufzeichnungen eines Tagelöhners

Ralf Julke
Aufzeichnungen eines Tagelöhners.
Aufzeichnungen eines Tagelöhners.
Was für einen gestandenen Journalisten wie Günter Wallraff (67) harte Undercover-Arbeit ist, ist für so manchen Leipziger Studenten die erlebte Realität: das Geldverdienen in miesen Nebenjobs. Sie erzählen nur nicht so gern davon. Und wenn, dann ziemlich desillusioniert – wie Michael Schweßinger (32).

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Es sind dann freilich keine offiziellen Reportagen, die er abliefert. Da säße er in derselben Klemme wie Wallraff und stünde in der Beweispflicht, müsste Ross und Reiter nennen und wahrscheinlich auch einen teuren Rechtsanwalt bezahlen. Was ja nicht nur Studenten davon abhält, sich mit den Leuteschindern der Nation vor Gericht auseinander zu setzen, sondern mittlerweile ein Millionenheer von Frauen und Männern, denen ein paar gut betuchte Volksvertreter gern erzählen, dass jeder Job, und sei er auch noch so mies bezahlt, besser sei als gar kein Job.

Mittlerweile weiß man, dass das nicht einmal für die strapazierten Sozialkassen besser ist. Es öffnet nur den Abzockern, Schwarzauftragsgebern und Billigheimern Tür und Tor. Leute, die gern auch mal auf Verbandstagungen und Kongressen das große Wort führen und sich als Retter eines Arbeitsmarktes aufführen, den sie erst zur Vorhölle der Knickerei gemacht haben. Ebeneezer Scrooge lässt grüßen.

Und Michael Schweßinger, der in Leipzig und Halle zwei so exotische Fächer wie Afrikanistik und Ethnologie studiert hat, schreibt darüber – launig, abgebrüht und ohne Illusionen. Studenten, so scheint es, sind das angenehmste Arbeitsvieh, das heuer auf dem Markt zu bekommen ist. Sie brauchen die Knete meist dringend, weil Bafög und Elternzuschuss nicht ausreichen und der Ablauf der Regelstudienzeit droht. Und weil Unternehmen, in denen man vielleicht einmal eine Karriere starten kann, oft nur noch unbezahlte Praktika anbieten, bleibt bei Ebbe in der Kasse eigentlich nur eines: das nächstbeste Job-Angebot, das auch nur ein paar Euro verspricht, anzunehmen.

Michael Schweßinger: Aufzeichnungen eines Tagelöhners.
Michael Schweßinger: Aufzeichnungen eines Tagelöhners.
Und so wird ein Michael S. flugs zum Tagelöhner, landet in grüner Unterwäsche in der Schrubberkolonne eines Kernkraftwerkes, lernt als Solaranlagen-Monteur im wilden Bayern eine bezaubernde Blondine kennen, schiebt Nachtschichten in einer obskuren Bäckerei oder verdingt sich – von der Not getrieben – als Behindertenzähler bei den Verkehrsbetrieben. Alles Jobs, bei denen man nicht wirklich etwas für die Selbstachtung tut, dafür umso schneller die keineswegs ungefährlichen Niederungen der Gesellschaft kennen lernt.

Oder die kernigen Sprüche von Bauunternehmern, die aus bester Erfahrung sagen können: Studenten sind die billigsten Arbeitskräfte. Fast so billig wie die "Fidschis" in der Flaschensortierung, an denen sich deutsche Arbeitsmentalität noch einmal richtig austoben kann. Dass der Held der Geschichten da auch mal an Platon denkt oder sich eine herrliche Parabel mit Bauern und Eseln ausdenkt, mit denen er – "moralinsauer" – erklärt, wie das funktioniert mit der Steigerung der Arbeitsproduktivität durch Abbau des Personals – das ist dann wieder ganz der studierte Ethnologe, der auch seinen Kiez Lindenau schon mit wissenschaftlicher Neugier beschrieben hat. Nachlesbar in "In darkest Leipzig" und "Von Seemännern und anderen Gestrandeten".

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Fast wünscht man sich von dem Burschen tatsächlich ein "Ganz unten in Leipzig" oder eine richtige ethonologische Untersuchung in den etwas abgelegeneren Leipziger Landschaften. Aber wer finanziert so etwas? Wer will in den Bewilligungsgremien tatsächlich wissen, wie es sich lebt, wenn der Job nicht das Geld zum Leben einspielt, und das, was sonst so übrigbleibt, nicht mal das Wörtchen "Job" mehr verdient?

Klar: Einer wie Schweßinger macht aus so üblen Lebenslagen immer noch eine witzige Geschichte mit richtig schönen philosophischen Gedanken drin. Noch nicht so viel, dass er dafür den Hegel-Preis bekäme. Aber bei Lesungen und Auftritten mit der Lesebühne "Schkeuditzer Kreuz" gehört er zu den Leipziger Stars. Er kann aus Ecken der vielgeliebten Stadt erzählen, in denen die meisten anderen Miteinwohner noch niemals waren. Und natürlich von Gestalten, die mittlerweile durch manches Viertel der Stadt wie Marsianer torkeln, die sich verlaufen haben.

Seine Brötchen verdient der gelernte Bäcker längst wieder in einer Bäckerei. Die Bücher, die er veröffentlicht, sollen trotzdem gefragt sein wie frische Semmeln. Und wer wissen will, wovon Studenten leben, wenn sie keinen reichen Papi haben, der kann's hier nachlesen. Vielleicht nicht immer ganz objektiv und auch ohne Firmenname und Adresse. Aber irgendwie dicht an einer Wirklichkeit, die man im "Bildungsland" Deutschland eher ausblendet, wenn man nicht gerade Student ist.

Michael Schweßinger "Aufzeichnungen eines Tagelöhners", Edition PaperOne, Leipzig 2009, 8,95 Euro.


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