Nachgedruckt: Umfeldblätter, eine kleine Samisdat-Zeitschrift aus dem Leipzig der Jahre 1988/89
Ralf Julke
21.10.2009
Umfeldblätter.
Der 20. Jahrestag der Friedlichen Revolution kehrt so manches wieder an die Oberfläche, das zumeist in Archiven und Schubladen schlummert, weil es nicht so gut passt in das Bild der Revolution. Jedenfalls nicht in das eindimensionale, das zumeist angepriesen wird. Die "Umfeldblätter" sind dafür so ein Beispiel.
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Ein kleines, seinerzeit per Hand abgeptipptes und im Samisdat vertriebenes Beispiel, hergestellt von Leipziger Autoren, die in Zeiten, da im Lande längst heftig über politische Erstarrung und Umweltvergiftung debattiert wurde, gern öffentlich diskutieren wollten.
So weit das möglich war. Und ein paar Briefe im Anhang des jetzt im Leipziger Literaturverlag erschienenen Sammelbandes belegen, dass einer wie der Leipziger Dichter Reinhard Bernhof (69) schon 1985 gern einen Sammelband zur Umweltproblematik in der DDR veranstaltet hätte. Und freundlich ließ ihn die Lektorin Sigrid Töpelmann aus dem Verlag Neues Leben wissen, dass man sich so viel Arbeit nun wirklich nicht machen wolle.
Alle drei Ausgaben jetzt im Reprint: Umfeldblätter.
Und da sich daran bis 1988 - dem "Sputnik"-Jahr - nichts änderte, initiierte Bernhof (später gemeinsam mit Sylvia Kabus) die "Umfeldblätter", die in einer (nicht genehmigungspflichtigen) Auflage von 99 Exemplaren erschienen und eine geballte Ladung von Gedichten vor allem Leipziger Dichter zum Thema Umweltverschmutzung enthielten. Nicht zu vergessen eine Todesanzeige für den Wald. Und da die Autoren wie Thomas Böhme, Dieter Mucke oder Kristian Pech diesmal kein Blatt vor den Mund nahmen und ziemlich deutlich ihre Frustration spüren ließen über vergiftete Flüsse, kranke Kinder, verheerte Landschaften, geriet das Projekt natürlich auch in den Fokus des Geheimdienstes.
Also taucht im Anhang auch ein wenig Material aus den Stasi-Akten auf, in denen man einen alten Bekannten wiederfindet: IMS "Ernst Zirkel". War das nicht der? - Na klar: Das war der Bursche aus Bernhofs skurrilem Stück "Die Sitzer". Den gab's also wirklich. Und es reichte tatsächlich, Themen, die wie der rieselnde Ruß allzu offenkundig waren, in einem literarischem Blatt zu thematisieren, und die Genossen von"Horch & Guck" standen auf der Matte, ließen sich für 20 Mark der DDR ein Heft besorgen - und taten dennoch nichts. Was auch? Am Ende hätten sie das ganze Volk wegen Subversion einsperren müssen.
Und so erschien 1989 "Umfeldblätter" Nummer 2, schon gar nicht mehr nur auf Umwelt fokussiert. Jetzt rückte auch die langsam verfallende Stadt ins Bild, die falschen Glücksverheißungen der Zeitung und - na hoppla: der "Geheimnisträger". Natürlich bei Bernhof, während Sylvia Kabus die soziale Katastrophensituation in einer Geschichte beschreibt.
Die dritte Ausgabe der "Umfeldblätter" erschien dann schon im Herbst 1989 - wesentlich dicker und mit aktuellen Texten zu den Ereignissen etwa am 7. Oktober 1989 oder einer Rede, die Winfried Völlger schon im Mai über die "Maßlose Gesellschaft" hielt - oder besser das, was entsteht, wenn eine Gesellschaft von Bürokratie, "Beziehungen" und Schlendrian geprägt wird. Eine Rede, die irgendwie schon wieder höchst aktuell klingt. "...wenn die Gesellschaft immer weniger ihren sozialen Aufgaben gerecht wird, wenn also der Einzelne auch weiterhin immer häufiger auf sich selbst zurückgeworfen wird - dann droht die totale Vereinzelung. Das aber würde das Ende bedeuten, die Auflösung dieser Gesellschaft."
So hat man bei den Texten, die im ersten Heft der "Umfeldblätter" noch allesamt wie die Beschreibung einer Dystopie wirken, im Jahr 1989 immer spürbarer das Gefühl, dass da nicht nur die alte, gescheiterte Gesellschaft beschrieben wird, sondern schon die Kinderkrankheiten der neuen alten Gesellschaft.
Der Leipziger Literaturverlag hat alle drei Ausgaben der "Umfeldblätter" jetzt gebündelt als Broschur im A4-Format vorgelegt, ergänzt um Textdokumente aus dem Umfeld der Blätter. Ein Zeitdokument, das auch ein wenig die pessimistische Stimmung wieder aufleben lässt, die die letzten Jahre der DDR dominierte - und die zunehmend mutigere Renitenz der Autoren, die durchaus gewillt waren, Wirklichkeit zu beschreiben. Auch wenn ihre Bücher auf den Tischen der Genehmigungsinstanzen schmorten. - Die "Umfeldblätter" sind ein kleiner, aber wichtiger Aspekt all der kleinen Rinnsale und Bäche, die in den Herbst 1989 mündeten.
Sylvia Kabus / Reinhard Bernhof (Herausgeber) "Umfeldblätter. Reprint einer illegalen Kleinzeitschrift, erschienen im Samisdat 1988/89", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009, 16,95 Euro
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