Vom Privileg des Vergleichs: Von der Freude am kritischen Denken vor und nach 1989
Ralf Julke
27.10.2009
Vom Privileg des Vergleichs.
Was weiß man nach 20 Jahren über ein Ereignis von Weltbedeutung wie die Friedliche Revolution im Herbst 1989? Was kann man wirklich wissen? Oder trügt die Überlieferung schon wieder: Adelheid Wedel und Heike Schneider haben 22 Leute gefragt, die es wissen könnten. Ganz subjektiv.
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Von November 2008 bis Juni 2009 sind die beiden Journalistinnen herumgereist im Osten des Landes und haben Prominente zum Gespräch gebeten. Schön ausführlich, wie man das heutzutage nur noch für wenige dicke Magazine macht. Sie haben auch die meisten üblichen Prominenten gemieden, die aller Jahre wieder dieselben Ansichten zu den Ereignissen der "Friedlichen Revolution" verkünden. Dürfen oder sollen. Manchmal ist es ja nur die Einfallslosigkeit der Redaktionen, die immer wieder dieselben Leute zum Sprachrohr für ein Ereignis macht, das innerhalb eines Jahres das Leben von 17 Millionen Menschen umgekrempelt hat.
Nicht alle 21 Interviews haben ins Buch gefunden. Aber auch die Fehlenden lassen ahnen, dass sich die beiden Journalistinnen, die vorwiegend für DeutschlandRadio Kultur unterwegs sind, Gedanken gemacht haben über ein möglichst breites Spektrum, innerhalb dessen auch Persönlichkeiten zu Wort kommen, die auch schon in der DDR als Prominente galten. Kritische zumeist, Leute mit Kopf und eigenen Ansichten.
Und so fehlen am Ende Eva Strittmatter, Toni Krahl, Jutta Wachowiak, Joochen Laabs und Jutta Voigt. Dafür ist der Schriftsteller Ingo Schulze mit reingerutscht in das Buch, das nun 17 Interviews enthält mit Leuten, die durchaus unterschiedlicher nicht sein können. Nur eines ist wie eine Klammer: Ihre Kritik an den "Betonköpfen", die die DDR haben erstarren und ausbluten lassen und die sich selbst im Sommer 1989 noch hinstellten und sagten, es sei nicht schade um alle, die da das Land fluchtartig verließen.
Man fühlt sich an einen kleinen Satz erinnert, den die Nobelpreisträgerin Herta Müller über die Machthaber in Rumänien gesagt hat: Sie haben ihr eigenes Volk zum Feind gemacht. Und sie haben es so behandelt.
Kein Satz war 1989 wahrer als der, den Bertolt Brecht 1953 in den Buckower Elegien formulierte: "Das Volk hat das Vertrauen der Regierung verscherzt. Wäre es da nicht doch einfacher, die Regierung löste das Volk auf und wählte ein anderes?" (Die Lösung) - Da Wedel und Schneider (beide Jahrgang 1944) eben diesmal nicht die so genannten Helden des Herbstes besuchen, sondern auch Leute fragen, die als Künstler, Wissenschaftler oder Psychotherapeut schon vor 1989 Kritik äußerten und Änderungen versuchten oder anmahnten, entsteht ein durchaus buntes Bild des Vorher und Nachher.
Und eine sehr differenzierte Sicht auf die Verwerfungen beider Gesellschaften. Etwa beim Hallenser Psychotherapeuten Hans Joachim Maaz, der mit dem "Gefühlsstau" einen der großen Bestseller der "Wende" schrieb und darin sehr profund die Folgen schilderte, die ein "vormundschaftlicher Staat" im Gefühlsleben seiner Bürger auslöste. Ein Buch, das so gut passte zum großen Fingerzeigen auf den "Ossi" - und trotzdem folgenlos blieb. Aus gutem Grund: Auch das neue Paradies ist vollgepackt mit Ängsten, Aggressionen und unterdrückten Emotionen. Und das Thema Neofaschismus gehört für Maaz genauso in diesen - unverstandenen - Gefühlsballast wie die wilde Jagd auf Renditen. Und fast immer steckt ein erlebtes Defizit dahinter, wenn Menschen sich - mit den obskursten Mitteln - Anerkennung verschaffen.
Heike Schneider / Adelheid Wedel: Vom Privileg des Vergleichs.
Das ging natürlich in DDR-Zeiten schief, schrecklich schief. Denn es machte missbrauchbar, wie die sonst so kesse und selbstbewusste Gisela Oechelhäuser zu erzählen weiß. Selbst Gisela Steineckert weiß von den nervenden Anbiederungen der Staatswächter zu erzählen - und von der Erstarrung des Honecker-Kabinetts, das sie aus eigener Anschauung 7 Minuten lang erleben durfte. Christa Luft, unter Hans Modrow vorletzte Wirtschaftsministerin der DDR, schildert, wie sich die "Betonköpfe" den Ratschlag und die Einmischung der eigenen Wirtschaftswissenschaftler verbaten. Ein symptomatischer Vorgang: Wie überzeugte Kommunisten den Regierenden all ihre Kreativität und ihre Lust, Dinge zu verändern, anboten - und abgewiesen wurden.
So kommt auch nicht nur Friedrich Schorlemmer zu dem Fazit, dass die Gesellschaftsform durchaus ihre Chancen hatte - sichtbar geworden für ihn im Erlebnis des Prager Frühlings 1968. Doch jede Abweichung wurde im Keim erstickt oder - wie in den 1950er Jahren auch in der DDR - mit stalinistischen Methoden "ausgemerzt". Was dann natürlich Folgen hatte für den elementarsten Bereich, wie Kurt Pätzold, der sich bis heute als marxistischer Geschichtsforscher begreift, erzählt: die wirtschaftliche Erstarrung des gesamten Ostblocks und das völlige Fehlen von Konzepten für einen wirtschaftlichen Neubeginn, als Gorbatschow Glasnost und Perestroika verkündete.
Ingo Schulze und der Regisseur Andreas Dresen sind mit 47 und 46 Jahren die Jüngsten in diesem Buch, die vergleichend über ihr Leben vor und nach 1989 erzählen können. Beide haben auch in den 20 Jahren danach Erfolg gehabt - stehen aber auch für einen neugierigen, sehr individuellen Ton in ihren Metiers. Und beide lassen sich die kritische Sicht auf die Gegenwart auch keineswegs nehmen. Denn was da 1990 wie ein großer Kotau zelebriert wurde, sah nur scheinbar wie "ein Ende der Geschichte" aus. Mancher fühlt sich beim heutigen Palaver um die Finanzkrise und alle anderen Krisen in der Welt durchaus an sozialistische Zeiten erinnert: eine Wirklichkeitsverweigerung, die sich um die notwendigen Reformen, die immer drängender werden wie in der Klimakrise, herumzumogeln versucht.
Ingo Schulze sagt es, aber es taucht auch in den Betrachtungen vieler anderer auf: Auch die heutige Gesellschaft muss sich verändern. Auch die Demokratie ist nicht gefeit gegen Opportunismus und Verkrustungen. Schorlemmer: "Dieses Maß an Opportunismus im Journalismus, wie ich es heute beobachte, hatte ich nicht für möglich gehalten."
Opportunismus, der manche Exzesse nicht nur möglich macht, sondern sogar befeuert. "Der Zusammenhang von seelischen Defiziten und dem Verhalten wird nicht offen diskutiert. Damit müssten eben auch Manager und Politiker sich nach ihrem Narzissmus befragen, der viele ihrer Entscheidungen motiviert", sagt Maaz. Und so überrascht es nicht, dass die meisten Interviews voller kritischer Töne stecken. Bei Christoph Dieckmann genauso wie bei Peter Sodann, der 2007 als Kommissar Ehrlicher beim MDR weggelobt wurde und der - ganz unpräsidial - erzählt, wie das ist, wenn so nach und nach ein politisches Klima entsteht, in dem ein bisschen Bespitzelung hier und ein bisschen Krieg da wieder salonfähig werden.
Ein Buch, das sicher Vieles enthält, was überhaupt nicht "political correct" ist. Aber warum soll ein Volk auch aufhören, kritisch zu hinterfragen, bloß weil es 1990 die D-Mark gab? Schon gar, wenn jede Talkshow beweist, dass die großen Wortführer selbst keine Rezepte haben und schon gar keine Ahnung, wo sie überhaupt hin wollen? - Gerade im Schorlemmer-Interview steckt schon Vieles von dem, was jetzt gerade die SPD-Basis zum Kochen bringt. Da brodelt eine Wut gegen arrogante, machtbesessene alte Männer, die über Jahre unterdrückt wurde. Und der dumme Wähler hat das all die Jahre immer sehr genau registriert. Man staunt schon, wie sensibel das so gern gescholtene Volk ist - und welche Tugenden immer wieder gesellschaftliche Erstarrungen erzeugen.
Die Mühe für diese Interviews hat sich gelohnt. Wer Futter braucht zum Nachdenken, der kann hier nachlesen.
Heike Schneider / Adelheid Wedel "Vom Privileg des Vergleichs. Erfahrungen ostdeutscher Prominenter vor und nach 1989", Militzke Verlag, Leipzig 2009, 22,90 Euro
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