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Reportagen aus der Welt hinter den Nachrichten: Die Einsamkeit des Grenzlandreiters

Ralf Julke
Die Einsamkeit des Grenzlandreiters.
Die Einsamkeit des Grenzlandreiters.
Reporter waren früher einmal Leute, die haben sich den Rucksack aufgepackt und sind dort hingefahren, wo die Dinge geschahen. Man hat es fast vergessen. Doch es gibt sie noch. Einer hat jetzt ein paar Texte aus seiner Auslandsarbeit als Buch vorgelegt: Friedrich Schütze-Quest.

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Er gehört nicht zu den Hotel-Berichterstattern, die man von diversen Nachrichten-Sendern kennt, auch nicht zu den Nah- und Fernost- und sonstigen "Spezialisten", die zu jeder Nachricht aus der Welt einen Kommentar abgeben können und so tun, als ließe sich die Welt aus der Warte des Spezialisten erklären.

Besonders Hörern ist der Name des 1943 Geborenen bekannt. Seine Reportagen aus rund 60 Ländern der Erde waren in den letzten Jahrzehnten im öffentlichen Rundfunk zu hören. Reportagen abseits der täglichen Schlagzeilen. Er hat seine Hörer mitgenommen auf Reisen abseits der üblichen Schau-Plätze, nahm sie mit in die ärmlichsten Winkel Chinas, dort, wo die Supermacht noch heute ein Dritte-Welt-Land ist und sich die Bauern so armselig ernähren wie vor 100 Jahren. Er war in Afghanistan - und hat sich das Leben der Menschen angeschaut abseits der offiziellen Auftritte, ihre ärmlichen Hütten, den Kampf ums tägliche Essen. Er war in Indien und hat die Krisenregion Kaschmir selbst besucht - und macht sich sehr irdische Gedanken über das gewaltige Land, das ein Drittel seiner Einnahmen in die Rüstung steckt. Ein Bild, das ja nicht nur Indien prägt und das benachbarte Pakistan - Militäreinheiten hocken in weltabgeschiedenen Gegenden des Himalaya, wo nicht einmal Bodenschätze locken - aber jedes Land sichert mit teuerstem Militärgerät ihr Besitzrecht auf ein Stück Einöde, viel größer als die Bundesrepublik Deutschland.

Und die Menschen, die da leben: Sie bezahlen mehrfach - ihre Behausungen werden zerstört, die Felder abgeriegelt, Granaten töten Zivilisten.

Mit jeder Reportage taucht Schütze-Quest tiefer in die Zeit. Er kann auf Radio-Reportagen zurückgreifen, die in den 1970er und 1980er Jahren entstanden sind. Und der Leser muss erst das Kleingedruckte am Ende der (zumeist etwas gekürzten Hörreportage) lesen, um einzuordnen, was er da las. Denn im Grunde alle der von Schütze-Quest geschilderten Krisenherde brodeln schon seit Jahrzehnten. Der Konflikt um Kaschmir ist 60 Jahre alt. Der in Palästina ganz genau so, auch wenn sich das Drama zwischen Israel und seinen Nachbarn seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 politisch verschärft hat und Hardliner bis heute verhindern, dass auch nur kleinste Schritte zu einer friedlichen Lösung führen.

Spätestens bei Schütze-Quests Berichten aus Israel und Palästina fragt man sich: Wer hat denn eigentlich ein Interesse an diesen Kriegen? Wer verdient so gut daran, dass es so lukrativ ist, solche Kriege Jahrzehnte lang am Kochen zu halten?

Dasselbe Bild in einer Gegend, die in den Nachrichten der Welt so gut wie nie erscheint: das Grenzgebiet von Burma, Laos und Thailand, Zuflucht für die seltsamsten Armeen, ein schwer erreichbares Bergland, in dem trotzdem einer der wichtigsten Orte zur Produktion von Rohopium liegt. Es sind - wen verwundert es - immer wieder Weltgegenden, in denen der Krieg tobt, aus denen auch die großen Rauschgiftladungen kommen. Sie ernähren eine in Armut verstrickte Bevölkerung - wie in Afghanistan, das Schütze-Quest natürlich auch besucht hat - und die Kriegsparteien. Waffenschmuggel geht überall mit Rauschgiftschmuggel Hand in Hand. Und der Beitrag "So ist Afghanistan" lässt sehr wohl daran zweifeln, ob die ach so sendungsbewussten US-Amerikaner und Europäer überhaupt wissen, wie man die wirtschaftlichen Probleme eines Landes löst - und damit erst die politischen.

Friedrich Schütze-Quest: Die Einsamkeit des Grenzlandreiters.
Friedrich Schütze-Quest: Die Einsamkeit des Grenzlandreiters.
Denn andersherum scheint es nirgendwo zu funktionieren. Und die seltsamen Partner, die sie sich dabei suchen, sind zumeist alles andere als "demokratisch". Oder gar darauf bedacht, in ihrem Land mehr zu pflegen als eine käufliche "Demokratie". Weiter ins Grübeln kommt man, wenn der Reporter über die Nachrichtenlage in solchen Ländern berichtet. Nicht nur China veröffentlicht ja mittlerweile Weltkarten, auf denen das "Reich der Mitte" tatsächlich die Mitte der Welt ausfüllt - sowohl Europa als auch die USA sind da lediglich kleine Länder am Rand.

Noch nachdenklicher macht, wenn Schütze-Quest beiläufig erwähnt, wie sich die Nachrichten in den Zeitungen vor Ort ausnehmen aus Sicht eines Europäers - da tauchen dann Nachrichten aus Europa nur noch als kleine Meldung irgendwo hinten im Blatt auf. Und das, was in Europa nicht einmal eine Schlagzeile wert ist - hier beherrscht es die Titelseiten. Die meisten Menschen dort in den armen und tatsächlich fernen Gegenden der Welt wissen wenig bis nichts über die scheinbar so allgemein gültigen christlichen und demokratischen Werte des Abendlandes.

Doch wie es dort aussieht in diesen Ländern, das erfahren auch wir Europäer eher selten bis nie. Mit den Meldungen, mit denen Agenturen wie Reuters den Welt-Nachrichtenmarkt überschwemmen, hat das, was Reporter wie Schütze-Quest zu sehen bekommen, wenig bis nichts zu tun. Und mit den auf Action getrimmten Kurz-Beiträgen in den News-Kanälen auch nicht. Da scheint die Welt ein farbenfrohes Paradies voller Kuriositäten zu sein.

Doch wenn einer wie Schütze-Quest nach Australien reist, dann will er die entlegensten Landstriche und ihre Bewohner selbst kennen lernen - auch wenn das wochenlange Fahrten mitten durchs verlassene Outback bedeutet. Und der Anfang der 1990er Jahre viel diskutierte Zaun zwischen den USA und Mexiko interessiert ihn auch zehn Jahre später noch - und nichts ist mehr Sensation. Dafür kommen die Grenzlandbewohner und Grenzgänger mit ihren Sorgen ins Bild. Genauso, wie ihn an der russischen Exklave Kaliningrad nicht (schon wieder) der alte Ruhm des zerstörten Königsberg interessiert, sondern das armselige und trotzdem erfinderische Leben der Kaliningrader heute.

Er schaut einfach hin, unterhält sich mit den Leuten. Oder fährt auch einmal mutig drei Kilometer in die Erde, um ein Goldbergwerk in Südafrika zu besuchen - eine der ältesten im Band enthaltenen Geschichten. Aber genauso gültig bis heute. Südafrika ist immernoch der größte Goldproduzent der Erde - und die Goldförderung lohnt sich nur, weil die Löhne für die Bergleute auf afrikanischem Niveau sind.

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Selbst auf den "paradiesischen Inseln" des Stillen Ozeans war Schütze-Quest - und kann nur berichten, wie das Paradies von Menschen in eine Kloake verwandelt wird. Es trieb ihn sogar in die Antarktis. Und selbst mit dem Kosmos hat er sich beschäftigt. Nicht ohne Grund. Denn erst aus der kosmischen Sicht wird erkennbar, wie winzig, verletzlich und einmalig die Erde ist. Eine Erde, auf der immer noch von Allmacht berauschte Männer tagtäglich dafür sorgen, dass das Leben für ihre Untertanen zur Hölle - und die Erde selbst geschunden, vergiftet und verseucht wird. Nicht nur auf Generationen hinaus.

Nach jedem Kapitel versteht man ein wenig besser, warum Menschen in den Krisenregionen dort, jenseits unseres Wahrnehmungshorizontes, so denken und handeln, wie sie es tun. Schütze-Quest ist dabei beinah eine Art Relikt in der journalistischen Zunft, einer, der noch den Mumm hatte, sich selbst auf die Berg-, Wüsten- und Urwaldpfade zu begeben und aus eigener Anschauung zu berichten. Diese Spezies wird immer seltener, doch immer notwendiger. Denn wo diese Leute aussterben, bleiben bloß noch die offiziösen Erklärungen von Politikern und Militärs. Oder der reinweg naive Versuch, einen militärischen Vorgang in Afghanistan vor einem deutschen Gericht klären zu wollen.

Wir glauben uns über all die ach so investigativen Kanäle so gut über Alles in der Welt informiert. Solche Reportagen, wie sie dieses Buch versammelt, zeigen, dass wir uns selbst betrügen in diesem Glauben. Wir wissen wenig bis nichts. Und sollten vielleicht weniger Soldaten in die Welt schicken, dafür mehr Reporter.

Friedrich Schütze-Quest "Die Einsamkeit des Grenzlandreiters. Unterwegs als Auslandskorrespondent", Militzke Verlag, Leipzig 2009, 18.90 Euro


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