Reportagen aus der Welt hinter den Nachrichten: Die Einsamkeit des Grenzlandreiters
Ralf Julke
07.11.2009
Die Einsamkeit des Grenzlandreiters.
Reporter waren früher einmal Leute, die haben sich den Rucksack aufgepackt und sind dort hingefahren, wo die Dinge geschahen. Man hat es fast vergessen. Doch es gibt sie noch. Einer hat jetzt ein paar Texte aus seiner Auslandsarbeit als Buch vorgelegt: Friedrich Schütze-Quest.
Anzeige
Er gehört nicht zu den Hotel-Berichterstattern, die man von diversen Nachrichten-Sendern kennt, auch nicht zu den Nah- und Fernost- und sonstigen "Spezialisten", die zu jeder Nachricht aus der Welt einen Kommentar abgeben können und so tun, als ließe sich die Welt aus der Warte des Spezialisten erklären.
Besonders Hörern ist der Name des 1943 Geborenen bekannt. Seine Reportagen aus rund 60 Ländern der Erde waren in den letzten Jahrzehnten im öffentlichen Rundfunk zu hören. Reportagen abseits der täglichen Schlagzeilen. Er hat seine Hörer mitgenommen auf Reisen abseits der üblichen Schau-Plätze, nahm sie mit in die ärmlichsten Winkel Chinas, dort, wo die Supermacht noch heute ein Dritte-Welt-Land ist und sich die Bauern so armselig ernähren wie vor 100 Jahren. Er war in Afghanistan - und hat sich das Leben der Menschen angeschaut abseits der offiziellen Auftritte, ihre ärmlichen Hütten, den Kampf ums tägliche Essen. Er war in Indien und hat die Krisenregion Kaschmir selbst besucht - und macht sich sehr irdische Gedanken über das gewaltige Land, das ein Drittel seiner Einnahmen in die Rüstung steckt. Ein Bild, das ja nicht nur Indien prägt und das benachbarte Pakistan - Militäreinheiten hocken in weltabgeschiedenen Gegenden des Himalaya, wo nicht einmal Bodenschätze locken - aber jedes Land sichert mit teuerstem Militärgerät ihr Besitzrecht auf ein Stück Einöde, viel größer als die Bundesrepublik Deutschland.
Und die Menschen, die da leben: Sie bezahlen mehrfach - ihre Behausungen werden zerstört, die Felder abgeriegelt, Granaten töten Zivilisten.
Mit jeder Reportage taucht Schütze-Quest tiefer in die Zeit. Er kann auf Radio-Reportagen zurückgreifen, die in den 1970er und 1980er Jahren entstanden sind. Und der Leser muss erst das Kleingedruckte am Ende der (zumeist etwas gekürzten Hörreportage) lesen, um einzuordnen, was er da las. Denn im Grunde alle der von Schütze-Quest geschilderten Krisenherde brodeln schon seit Jahrzehnten. Der Konflikt um Kaschmir ist 60 Jahre alt. Der in Palästina ganz genau so, auch wenn sich das Drama zwischen Israel und seinen Nachbarn seit dem Sechs-Tage-Krieg 1967 politisch verschärft hat und Hardliner bis heute verhindern, dass auch nur kleinste Schritte zu einer friedlichen Lösung führen.
Spätestens bei Schütze-Quests Berichten aus Israel und Palästina fragt man sich: Wer hat denn eigentlich ein Interesse an diesen Kriegen? Wer verdient so gut daran, dass es so lukrativ ist, solche Kriege Jahrzehnte lang am Kochen zu halten?
Dasselbe Bild in einer Gegend, die in den Nachrichten der Welt so gut wie nie erscheint: das Grenzgebiet von Burma, Laos und Thailand, Zuflucht für die seltsamsten Armeen, ein schwer erreichbares Bergland, in dem trotzdem einer der wichtigsten Orte zur Produktion von Rohopium liegt. Es sind - wen verwundert es - immer wieder Weltgegenden, in denen der Krieg tobt, aus denen auch die großen Rauschgiftladungen kommen. Sie ernähren eine in Armut verstrickte Bevölkerung - wie in Afghanistan, das Schütze-Quest natürlich auch besucht hat - und die Kriegsparteien. Waffenschmuggel geht überall mit Rauschgiftschmuggel Hand in Hand. Und der Beitrag "So ist Afghanistan" lässt sehr wohl daran zweifeln, ob die ach so sendungsbewussten US-Amerikaner und Europäer überhaupt wissen, wie man die wirtschaftlichen Probleme eines Landes löst - und damit erst die politischen.
Friedrich Schütze-Quest: Die Einsamkeit des Grenzlandreiters.
Denn andersherum scheint es nirgendwo zu funktionieren. Und die seltsamen Partner, die sie sich dabei suchen, sind zumeist alles andere als "demokratisch". Oder gar darauf bedacht, in ihrem Land mehr zu pflegen als eine käufliche "Demokratie". Weiter ins Grübeln kommt man, wenn der Reporter über die Nachrichtenlage in solchen Ländern berichtet. Nicht nur China veröffentlicht ja mittlerweile Weltkarten, auf denen das "Reich der Mitte" tatsächlich die Mitte der Welt ausfüllt - sowohl Europa als auch die USA sind da lediglich kleine Länder am Rand.
Noch nachdenklicher macht, wenn Schütze-Quest beiläufig erwähnt, wie sich die Nachrichten in den Zeitungen vor Ort ausnehmen aus Sicht eines Europäers - da tauchen dann Nachrichten aus Europa nur noch als kleine Meldung irgendwo hinten im Blatt auf. Und das, was in Europa nicht einmal eine Schlagzeile wert ist - hier beherrscht es die Titelseiten. Die meisten Menschen dort in den armen und tatsächlich fernen Gegenden der Welt wissen wenig bis nichts über die scheinbar so allgemein gültigen christlichen und demokratischen Werte des Abendlandes.
Doch wie es dort aussieht in diesen Ländern, das erfahren auch wir Europäer eher selten bis nie. Mit den Meldungen, mit denen Agenturen wie Reuters den Welt-Nachrichtenmarkt überschwemmen, hat das, was Reporter wie Schütze-Quest zu sehen bekommen, wenig bis nichts zu tun. Und mit den auf Action getrimmten Kurz-Beiträgen in den News-Kanälen auch nicht. Da scheint die Welt ein farbenfrohes Paradies voller Kuriositäten zu sein.
Doch wenn einer wie Schütze-Quest nach Australien reist, dann will er die entlegensten Landstriche und ihre Bewohner selbst kennen lernen - auch wenn das wochenlange Fahrten mitten durchs verlassene Outback bedeutet. Und der Anfang der 1990er Jahre viel diskutierte Zaun zwischen den USA und Mexiko interessiert ihn auch zehn Jahre später noch - und nichts ist mehr Sensation. Dafür kommen die Grenzlandbewohner und Grenzgänger mit ihren Sorgen ins Bild. Genauso, wie ihn an der russischen Exklave Kaliningrad nicht (schon wieder) der alte Ruhm des zerstörten Königsberg interessiert, sondern das armselige und trotzdem erfinderische Leben der Kaliningrader heute.
Er schaut einfach hin, unterhält sich mit den Leuten. Oder fährt auch einmal mutig drei Kilometer in die Erde, um ein Goldbergwerk in Südafrika zu besuchen - eine der ältesten im Band enthaltenen Geschichten. Aber genauso gültig bis heute. Südafrika ist immernoch der größte Goldproduzent der Erde - und die Goldförderung lohnt sich nur, weil die Löhne für die Bergleute auf afrikanischem Niveau sind.
Selbst auf den "paradiesischen Inseln" des Stillen Ozeans war Schütze-Quest - und kann nur berichten, wie das Paradies von Menschen in eine Kloake verwandelt wird. Es trieb ihn sogar in die Antarktis. Und selbst mit dem Kosmos hat er sich beschäftigt. Nicht ohne Grund. Denn erst aus der kosmischen Sicht wird erkennbar, wie winzig, verletzlich und einmalig die Erde ist. Eine Erde, auf der immer noch von Allmacht berauschte Männer tagtäglich dafür sorgen, dass das Leben für ihre Untertanen zur Hölle - und die Erde selbst geschunden, vergiftet und verseucht wird. Nicht nur auf Generationen hinaus.
Nach jedem Kapitel versteht man ein wenig besser, warum Menschen in den Krisenregionen dort, jenseits unseres Wahrnehmungshorizontes, so denken und handeln, wie sie es tun. Schütze-Quest ist dabei beinah eine Art Relikt in der journalistischen Zunft, einer, der noch den Mumm hatte, sich selbst auf die Berg-, Wüsten- und Urwaldpfade zu begeben und aus eigener Anschauung zu berichten. Diese Spezies wird immer seltener, doch immer notwendiger. Denn wo diese Leute aussterben, bleiben bloß noch die offiziösen Erklärungen von Politikern und Militärs. Oder der reinweg naive Versuch, einen militärischen Vorgang in Afghanistan vor einem deutschen Gericht klären zu wollen.
Wir glauben uns über all die ach so investigativen Kanäle so gut über Alles in der Welt informiert. Solche Reportagen, wie sie dieses Buch versammelt, zeigen, dass wir uns selbst betrügen in diesem Glauben. Wir wissen wenig bis nichts. Und sollten vielleicht weniger Soldaten in die Welt schicken, dafür mehr Reporter.
Friedrich Schütze-Quest "Die Einsamkeit des Grenzlandreiters. Unterwegs als Auslandskorrespondent", Militzke Verlag, Leipzig 2009, 18.90 Euro
Wer mit der Diagnose Krebs konfrontiert wird, will alles Menschenmögliche tun, um die Krankheit zu besiegen. Ergänzend zur schulmedizinischen Therapie geistern in den Medien immer wieder Heilsbotschaften, die Hoffnungen wecken sollen. Dabei stehen Nahrungsergänzungsmittel oftmals im Mittelpunkt. Doch ob diese Hoffnungen berechtigt sind, was wissenschaftlich geprüft oder gar sinnvoll ist, bleibt offen. mehr…
Freudige Nachrichten verkündeten Kulturdezernent Michael Faber und Leipzigs Kulturamtsleiterin Susanne Kucharsky-Huniat am 16. Mai. Der Kulturetat der freien Szene wird bis 2015 aufgestockt. Doch woher das Geld kommen soll, ist nicht bekannt und umgehend folgen kritische Töne von der Freien Szene. Denn die neue Vorlage hebelt ihrer Meinung nach den alten Ratsbeschluss "5 Prozent für die Freie Szene" von 2008 aus. mehr…
Die Causa Citytunnel ist mal wieder auf dem Plan der heutigen Ratsversammlung gelandet. Diesmal ging es rund um die Werbung bzw. Nicht-Werbung für die Röhre unter Leipzig. Denn nach Meinung der CDU-Fraktion „schaffen es Beteiligte und Unbeteiligte noch immer, dieses Projekt in denkbar schlechtestem Licht erscheinen zu lassen.“ mehr…
Das Konzept zum Umbau der im Leipziger Norden gelegenen Georg-Schumann-Straße ist schon längst verabschiedet. Nun soll die Bevölkerung – wie bei den Planungen zur Karl-Liebknecht-Straße – intensiver einbezogen werden. Der Antrag der Linksfraktion ist heute vom Stadtrat mehrheitlich angenommen worden. mehr…
Die Grüne-Fraktion im Leipziger Stadtrat setzt auch weiterhin auf Transparenz und Nachvollziehbarkeit. Sie hat heute einen Antrag zur Veröffentlichung der gesamten Stadtratsbeschlüsse im Amtsblatt gestellt. Doch die Verwaltung sieht das als nicht zielführend an und geht einen Schritt weiter: Künftig sollen die Beschlüsse auf der Stadt-Homepage online verfügbar sein. mehr…
Krankhaftes Übergewicht ist nicht allein das Resultat aus übermäßiger Lust am Essen und mangelnder Bewegung. Dass diese Schlussfolgerung zu einfach wäre, gilt in der Forschung seit einiger Zeit als gesichert. Wie kommt es also, dass inzwischen die Hälfte der Deutschen übergewichtig und etwa 20 Prozent bereits fettleibig (adipös) sind? Ist Übergewicht Schuld oder Schicksal? mehr…
Dass Manager und leitende Angestellte durchaus mehr verdienen als andere Menschen, ist hinlänglich bekannt. Dass die Bezüge manchmal allerdings in keinem Verhältnis stehen, hat beispielsweise der Fall Hanss gezeigt. Der Ex-LVB-Chef wollte sich mit einer über 200.000 Euro teuren Pension einen schönen Lebensabend machen. Damit so etwas nicht mehr vorkommt, wollte die Fraktion Bündnis 90/ Die Grünen heute im Stadtrat mehr Transparenz und eine bessere Überprüfung fordern. mehr…
Die Brücke zwischen Gießerstraße und Engertstraße erstrahlt nun nächtens in Blau. Damit wollen die Leipziger Wissenschaftlerinnen Professor Sylke Nissen und Karin Lange „die Aufenthaltsqualität am Karl-Heine-Kanal auch in den Abendstunden verbessern“. Die Installation ist Schlussstein des REURIS-Projektes der EU zur Revitalisierung urbaner Fließgewässer. mehr…
Allen Gerüchten um die Schließung der Denkmalschmiede Höfgen zum Trotz: Die Leipziger Sommerakademie findet auch in diesem Jahr wieder statt! Die Anmeldung ist noch bis zum 30. Juni 2012 möglich. Wer in den Sommermonaten seine Kreativität ausleben möchte und darüber hinaus neue Impulse tanken will ist in der Leipziger Sommerakademie genau richtig. mehr…
Wenn der Mensch älter wird, braucht er allerlei Hilfsmittel. Es ist sozusagen der technische Kongress zur demografischen Entwicklung Europas, der am Dienstag, 15. Mai, auf dem Leipziger Messegelände begann. Bis Freitag, 18. Mai, präsentiert die "Orthopädie + Reha-Technik" auf dem Leipziger Messegelände sowohl alle Weltmarktführer als auch kleine, innovative Unternehmen aus den Bereichen Prothetik, Orthetik, Orthopädieschuhtechnik, Kompressionstherapie und Technische Rehabilitation. mehr…
Am Dienstag, 15. Mai, stellte die Thüringer Untersuchungskommission unter Führung des ehemaligen Bundesrichters Gerhard Schäfer in Erfurt ihren Abschlussbericht zur Arbeit der thüringischen Ermittlungsbehörden im Zusammenhang mit dem Jenaer Terror-Trio vor, das dann im sächsischen Zwickau unbehelligt untertauchen konnte. Und der Bericht wirft kein gutes Licht auf den Aufklärungswillen der sächsischen Behörden. mehr…
Die Leipziger Monsters of Funk von Schwarzkaffee haben es geschafft, sie haben die Funkikonen aus Israel nach Leipzig geholt: Funk'n'Stein, nach langer Zeit endlich wieder auf Europatour, spielen am Dienstag, den 22. Mai ihren einzigen Deutschland-Gig im Werk 2. mehr…
In Hitze und Öde des russischen Sommers spielt sich ein groteskes Drehen und Wenden und Streben nach dem ab, was unerreichbar scheint. So liebt der Lehrer Mascha, die wiederum Konstantin liebt, der sich jedoch nach Nina verzehrt, die ihrerseits nur Augen für Trigorin hat, welcher Arkadina liebt. mehr…
Am Mittwoch, 16. Mai, gibt es zur nächsten Sitzung des Stadtrates auch die nächste Einwohnerfragestunde zum Nachtfluglärm um den Flughafen Leipzig/Halle. Diesmal bezieht sich die Anfrage auf das Urteil des Bundesverwaltungsgericht zum Nachtflugverbot am Flughafen Frankfurt vom 4. April. Die Frankfurter haben es geschafft, ihre Gesundheitsinteressen auch vor Gericht in die Waagschale zu werfen. In Leipzig wird seit Jahren verschleppt und vertrödelt. mehr…
Am 7. Juni 2012, 20:30 Uhr feiert die diesjährige KAOS-Sommertheater-Inszenierung „Molières Misanthrope“ auf der Seebühne in der Wasserstraße 18 Premiere. In oft ausverkauften Vorstellungen von Brechts „Kleinbürgerhochzeit“, Tschechows „Die Möwe“ und 2011 Marivauxs „Die Unbeständigkeit der Liebe“ begeisterte die KAOS-Sommertheatergruppe bereits in den vergangenen Jahren ihr Publikum vor einer unvergleichlichen Kulisse. mehr…