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Gennadij Ajgis spröde Gedichte: Immer anders auf die Erde

Ralf Julke
Immer anders auf die Erde.
Immer anders auf die Erde.
Es hätte des Hinweises auf Kasimir Malewitsch im Anhang nicht bedurft, um mitzubekommen, dass Gennadij Ajgi nicht in ein Poesiealbum mit Puschkin oder Zwetajewa gehört. Eher in eines mit diversen Dichtern Westeuropas wie Alain Lance oder Eugenio Montale.

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Aber auch mit den minimalistischen Flächen des gebürtigen Ukrainers Kasimir Malewitsch (1878 – 1935) illustriert könnte man sich die Gedichtbände des tschuwaschischen Dichters Gennadij Ajgi vorstellen. Es gibt sie sogar. Sie helfen zu verstehen, was der Bursche da tut. Auf russisch, wie es ihm 1960 Boris Pasternak geraten haben soll.

1960, da war der 1934 in Schajmurshino in Tschuwaschien Geborene schon längst aus dem Moskauer Gorki-Institut geflogen: "für das Schreiben eines feindlichen Gedichtbuches, das die Grundlagen der Methode des sozialistischen Realismus untergräbt". Noch eine Schraube weiter, und aus dem Dichter wäre ein Terrorist geworden. Es steckt tief drin im Neu-Sprech der modernen Machthaber – diese bürokratische Lust, Menschen zu verurteilen, zu eleminieren, auszusortieren.

Klar: Mit "sozialistischen Realismus" hat das, was Ajgi schrieb, nichts zu tun. Genauso wenig wie die Gedichte Pasternaks, der ja deshalb den Nobelpreis bekam – und von Stalin Hausarrest. Aber selbst mit Majakowski ist Ajgi verbunden: Von 1961 bis 1971 arbeitete Ajgi als Archivar im Staatlichen Majakowski-Museum. Und manche Verszeile Ajgis hat durchaus das Gebrochene, Abgehackte der Gedichte Majakowskis.

Die meisten Hinweise hier stammen aus der Biographischen Notiz, die Walter Thümler, der Herausgeber und Übersetzer dem im Leipziger Literaturverlag erschienenen Auswahlband "Immer anders auf die Erde" beigegeben hat. Fast hätte man vermutet, auch dieser Dichter wäre in deutschen Buchhandlungen noch nicht aufgetaucht. Aber ein Blick in den großen Buchversand zeigt: Einige wichtige Verlage haben Ajgi schon gewürdigt. Der Suhrkamp Verlag 1992 in seiner ambitionierten "Bibliothek Suhrkamp" etwa mit "Beginn der Lichtung". Oder 2002 tatsächlich im direkten Vergleich: Ajgi und Malewitsch in "Aus Feldern Rußlands". Und 1993 hat der Insel-Verlag sogar "Veronikas Heft" in seiner hübschen Insel-Bücherei veröffentlicht.

Gennadij Ajgi: Immer anders auf die Erde.
Gennadij Ajgi: Immer anders auf die Erde.
Der Dichter, der 2006 in Moskau starb, fasziniert also die Verleger. Und die Übersetzer fordert er heraus. So wie minimalistische Maler ihre Betrachter herausfordern: Sätze werden nicht zu Bildern, Bildfolgen nicht zu Geschichten. Auch wenn das große weite Russland, in dessen Herzen Tschuwaschien liegt, natürlich drin vorkommt – mit Feldwegen, Pfahlzäunen, Schnee, Licht und – unbedingt – Birken. Alles Symbole für das unendlich große, fruchtbare und geplagte Land, die man kennt – von Mandelstam, Pasternak und Blok.

Aber bei Ajgi tauchen sie auf wie bei Malewitsch die schwarzen, weißen, grauen Flächen: Sie ziehen den Blick auf sich – und lösen sich gleich wieder auf in Wortfolgen, in denen der Dichter nachzusinnen scheint, halb wachend, halb träumend. Und immer wieder fasziniert von den eigentlich nicht wahrnehmbaren Bedeutungen, die der sinnende Mensch den Dingen, den Erscheinungen und den Worten unterlegt. Das Eigentliche, so scheint es, schwebt und webt hinter den Dingen – so wenig fassbar, dass dem Dichter oft gar nichts anderes übrig bleibt, als vorsichtig ins Unbenennbare zu deuten.

Da beschreibt er dann "jenes wogen der birken". Und meint doch dieses kleine Quentchen mehr, das auch mitten in der Weite Russlands die Atemlosigkeit erzeugen kann, die der Mensch zuweilen hat, wenn er inne hält und wahrzunehmen gewillt ist, wie kostbar der Moment ist, wie klein der Mensch und wie groß das Erleben. Bei Ajgi stets mit einem religiösen Wahrnehmen Gottes verbunden.

Fast ekstatisch koppelt er zuweilen die Worte aneinander, um irgendwie zu erfassen, was ihn da so aufregt, als käme er diesem Atemlossein damit näher. Oder diesem "denkend-still-und-einsam".

Klar. Das sind keine rezitierbaren Gedichte. Hier hat einer hart am Rand der Wahrnehmung gearbeitet. Und vielleicht ganz Ähnliches erreicht wie die Maler des Minimalismus. Eine Dichterschule des Minimalismus in der Art hat sich nicht konstituiert – wohl auch deshalb, weil Gedichtbände nicht auf Kunstauktionen verkauft werden und auch nicht hinter Panzerglas verschwinden, wenn die Preise erst einmal hochgehandelt sind.

Im Gegenteil: Sie liegen schwer in den Regalen der Buchhandlungen. Und die Leser bekommen Arbeit mit solchen Gedichten. Die sperren sich, geben sich spröde, unnahbar. Kaum taucht ein erkennbares Bild auf, wird es schon wieder aufgelöst. Selbst die "Birke am Mittag", wird – "niemanden / belästigend" – zum Evangelium.

In Russland wurde Ajgis erster Gedichtband erst 1991 veröffentlicht. Aus vier Bänden insgesamt hat Thümler ausgewählt. In chronologischer Folge begleitet der Leser den Dichter von 1965 bis 2004. Es gibt Entwicklungen. Manches klingt in späteren Versen nicht mehr ganz so abstrakt und distanziert. "und die räume werden immer ähnlicher der hohen ruhe", heißt es im titelgebenden Gedicht "Immer anders auf die Erde" von 2004.

Gennadij Aijgi "Immer anders auf die Erde. Gedichte", Leipziger Literaturverlag, Leipzig 2009, 19,95 Euro


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