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Völkerschlacht, Denkmal und Verleger: Leipziger Freimaurer in Wort und Stein

Ralf Julke
Leipziger Freimaurer in Wort und Stein.
Leipziger Freimaurer in Wort und Stein.
Das Leipziger Völkerschlachtdenkmal und die Freimaurer - das ist eine beliebte Geschichte voller vager Andeutungen, geheimnisvoller Zeichen, wabernder Vermutungen. Stoff für viele Bücher, die in den letzten Jahren den Leser beglückten. Nun hat auch der Salier Verlag eines vorgelegt.

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Geschrieben von Alexander Süß (34). Der gebürtige Münchener hat in Leipzig Museologie studiert und lebt und arbeitet als Kurator und Illustrator in Frankfurt am Main. Er geht das Thema nicht ganz so geheimnisvoll an wie etwa Rolf Affeldt und Frank Heinrich mit ihren Büchern "Das Völkerschlachtdenkmal gibt sein Geheimnis preis" (1993) und "Testament der Freimaurer. Das Völkerschlachtdenkmal zu Leipzig" (2000). Aber auch nicht ganz so nüchtern wie Otto Werner Förster, der die Leipziger Freimaurer-Szenerie schon in etlichen Fleißarbeiten beleuchtet und erläutert hat.

Wer Förster gelesen hat, weiß, dass es da nicht wirklich viele Geheimnisse gibt, auch wenn die alten Geschichten nicht nur aus der Frühzeit der Freimaurerei bis heute fortwirken. Auch Léo Taxils - erfundene - Enthüllungen aus dem 19. Jahrhundert wirken bis heute fort. Je moderner sich die Zeiten zeigen, umso mehr sind viele Menschen auf Geheimnisse versessen, seien es die der Templer, des Heiligen Grals oder eben der Freimaurer.

Mittlerweile gibt es ganze Verzeichnisse, die auflisten, wer alles einmal in den diversen Logen Europas und Amerikas Mitglied war. Ganz offiziell. Man traf sich ja auch nicht unbedingt in Katakomben, plante auch keine Verschwörungen. Auch Leipzigs bedeutende Logen hatten ihre Logenhäuser. Und fast jeder, der im vom Bürgertum geprägten und regierten Leipzig etwas - zumeist Gutes - bewirken wollte, trat einer Loge bei, wo er nicht nur seinen "Meister" fand, sondern in der Regel Gleichgesinnte, mit denen man gemeinsam Projekte anpacken konnte.

So wie das Völkerschlachtdenkmal, das die feudalen Herrscher der Zeit aus gutem Grund nie wollten und schon gar nicht förderten. Denn hier wurden tatsächlich bürgerliche Werte geehrt: Freiheitsliebe, Brüderlichkeit, Nationalstolz. In der ganzen Mischung, die so schwierig ist und die bürgerliche Parteien bis heute wie auf Eiern tanzen lässt. Aber ohne bürgerliche Nation keine erfolgreiche Wirtschaft, ohne Nation keine Demokratie, ohne Freiheit kein Handel. Und so steckt selbst der Internationalismus der Brüder Freimaurer mit in diesem Koloss. Auch die toten französischen Soldaten sind mit gemeint in dieser Erinnerungsstätte.

Alexander Süß: Leipziger Freimaurer in Wort und Stein.
Alexander Süß: Leipziger Freimaurer in Wort und Stein.
Die Leipziger, die den Koloss initiierten - allen voran der Freimaurer Wilhelm Clemens Thieme - wussten sehr genau, dass ihre Ideale in nationalistischer Verbohrtheit nicht zu verwirklichen waren. So wundert es nicht, dass in den Reihen der Alliierten vor Leipzig genauso Freimaurer das Kommando führten wie bei den Truppen Napoleons. Süß listet das alles einfach einmal auf, nennt Namen, Funktionen und Wirkung. Denn natürlich wirkten sie - jeder auf seinem Feld. Der Arzt bei der Organisation des Lazarettwesens, Beamte und Offiziere in der so dringenden Reformation des preußischen Staates.

Dass ein Reformierer auch ein Autor von Unterhaltungsromanen sein konnte, zeigt das Beispiel Carl Heun, der sich als Heinrich Clauren einen Namen machte. Er war sozusagen der Simmel des deutschen Biedermeier - von Heinrich Heine verschmäht, von Edgar Allen Poe zum Vorbild genommen.

Aber schon das Beispiel Völkerschlacht zeigt: Es ging den Freimaurern damals, wie heute so manchem tapferen Parteifunktionär - man ackert und versucht sein Bestes, doch man verändert nur ein kleines Stück von der Welt. Erst recht, wenn man es gar nicht anlegt auf eine absolutistische Macht. Nicht ohne Grund waren es Freimaurer, die die USA aus der Taufe hoben.

Freimaurer wirkten in allen Bereichen der Stadt Leipzig. Unter anderem auch im Verlagswesen. Auch da gibt es kein Geheimnis. Es hat vielleicht die Auswahl der verlegten Bücher bestimmt, die Kontakte verbessert, den Diskurs angeregt. Aber es ist kein Geheimnis in den Büchern, die Tauchnitz und Reclam herausbrachten. Nur in ihrem Ideal steckt die Freimaurerei: die Leser klüger zu machen, mit Wissen zu versorgen, Grenzen zu überspringen.

Welchen Einfluss hatten also die Logen auf die Verlagsstadt Leipzig? - Die nüchterne Antwort: keinen. Die vorsichtige Frage: Vielleicht doch eine Menge? - Süß schildert nur, was er gefunden hat. Doch darüber, was bei den Logentreffen besprochen wurde, darüber gibt es keine Protokolle. Nur Belege über Stimmungen und Tendenzen. Denn auch die Logen waren wie ihre Mitglieder - die einen stockkonservativ, die anderen so liberal, dass man sie gar nicht erwähnen mochte.

Wer die Geschichte der jeweiligen Freimaurerei vor Ort schreibt, der schreibt im Grunde die Geschichte des Bürgertums. Wer wirken wollte ganz im bürgerlichen Sinn, der trat einer Loge bei. Der vernetzte sich hier. Und der fand hier Mitstreiter, die mitzogen, wenn einer eine Idee hatte, die es sich lohnte umzusetzen - etwa die des Völkerschlachtdenkmales, das ursprünglich einmal Völkerschlacht-Nationaldenkmal heißen sollte.

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Süß schildert auch die diversen Interpretationen, die nahe legen, dass die ideengebenden Freimaurer in diesem Beton- und Steinkoloss auch ihre Zeichen hinterlassen haben, ein Stück ihrer Weltsicht. Sie spielen möglicherweise in der steingewordenen Art der Erinnerung auch eine Rolle. Es ist kein Siegesdenkmal geworden, kein Nationalkoloss. Es steckt mehr drin als in den üblichen Nationaldenkmalen der Zeit. Und das hat nicht nur den deutschen Kaiser verwirrt, den Thieme bei der Eröffnung 1913 noch zusätzlich düpierte.

So sind es eigentlich drei Linien, die Süß zu zeichnen versucht: die Schicksale der Freimaurer, die in der Völkerschlacht dabei waren, die der Initiatoren und Erbauer des Denkmals und die der Leipziger Verleger, die in den Listen der Logen auftauchen. Drei Linien, die sich da und dort berühren, aber sich nicht bedingen.

Aber man bekommt ein leichtes Gefühl dafür, wie wichtig dem Leipziger Bürgertum seit dem 18. Jahrhundert die Netzwerk- und Lobbyarbeit in den Logen war. Auch andere Projekte wurden hier "angeschoben". Man betrachte nur die Namen der Initiatoren der Leipzig-Dresdner-Eisenbahn. Am Ende viel nüchterner "Kram", der zuweilen gemeinsame Versuch, Dinge zu tun, die die Welt ein Stück weit besser machen. Aber Süß erwähnt nicht ohne Grund den französischen Journalisten Léo Taxil. Der hat eine Menge von den Legenden in Umlauf gebracht, die die Freimaurerei bis heute umwabern. War da nicht was ganz Verruchtes mit dem Völkerschlachtdenkmal? In den Betonkatakomben vielleicht?



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Leipziger Freimaurer in Wort
und Stein

Alexander Süß, Salier Verlag, 2009, 16,90 Euro
Auch Süß spielt ein wenig mit dem Geheimnis, erzählt aber eigentlich, wie gut bürgerlich Freimaurerei eigentlich war. Ein Stück davon wünscht man dem heutigen Bürgertum. Mindestens dieses innige Anliegen: Gutes zu tun und die Welt nach eigenen Kräften ein Stück besser zu machen.


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