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Leipzig und die Erforschung der Welt: Auf der Suche nach Vielfalt

Ralf Julke
Auf der Suche nach Vielfalt.
Auf der Suche nach Vielfalt.
Seit Dezember ist im Grassi Museum für Völkerkunde die Ausstellung "Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig" zu sehen, eine der Begleitausstellungen zum 600-jährigen Uni-Jubiläum. Aber auch eine, die etwas kritischer mit Forschungs- und Sammlungsgeschichte beschäftigt.

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Bis zum 14. Februar kann, wer will, sich damit in der Ausstellung auseinandersetzen. Die nimmt so nebenbei auch ein Jubiläum zum Aufhänger: 140 Jahre Museum für Völkerkunde. Auch wenn dahinter nur ein 1869 in der "Leipziger Zeitung" erschienener Aufruf zum Erwerb einer ersten Sammlung steht – der so genannten Sammlung Klemm. Auch 1871 ist wohl eher nicht das Gründungsdatum: Da wurde der Verein für "Das deutsche Zentralmuseum für Völkerkunde" gegründet, der sich die Einrichtung eines Museums erst auf die Fahnen schrieb. Die erfolgte dann ganz offiziell 1874 in einem Gebäude des ehemaligen Johannishospitals am Grimmaischen Steinweg.

Aber schon der erste Vereinsname machte den Anspruch geltend: ein Zentralmuseum sollte es werden, nicht weniger. Dabei steckten die einschlägigen universitären Forschungszweige noch in den Kinderschuhen – die Ethnographie genauso wie die Geographie, die Anthropologie genauso wie die Sprachforschung. Die Entstehung des Museums hängt eng zusammen mit dieser Etablierung der Welt-Wissenschaften. Und beides wieder hängt mit dem deutschen Spätstart unter den Forschungsnationen zusammen.

Was wieder seinen Grund hat in der späten deutschen Einheit und dem späten Aufstieg unter die Kolonialmächte. Das 540 Seiten dicke, reich bebilderte Begleitbuch zur Ausstellung ist mehr als eben das: Es ist eine Sammlung von über 30 Aufsätzen, in denen sich Wissenschaftler verschiedener Fachgebiete mit der Geschichte der Lehrstühle, der Sammlungen, den Expeditionen, Veröffentlichungen und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen beschäftigen. Und die sind zumindest recht eigen, wenn man aus der Distanz von über 100 Jahren zurückschaut.

Zahlreiche Illustrationen lassen die Forschungsgeschichte lebendig werden.
Zahlreiche Illustrationen lassen die Forschungsgeschichte lebendig werden.
Moderne Forschungsstandards waren noch nicht etabliert. Und selbst offiziell beauftragte Forscher gingen zuweilen recht rüde vor beim Sammeln all der Dinge, die heute wichtiger Bestandteil der Sammlung sind. Das 19. Jahrhundert war zwar ein Jahrhundert der Entdeckungen – es war aber auch eines des Kolonialismus und des Nationalismus. Ein Kapitel im Buch widmet sich auch den wichtigsten Forschern und Sammlern, die für Leipzig wichtig waren. Andere schildern die Rolle der Buchstadt für das Entstehen der Reise- und Forschungsliteratur. Mit Hans Meyer spielte auch ein Mitglied der wichtigen Verlegerfamilie, der das Bibliographische Institut gehörte, eine tragende Rolle in der Leipziger Forschungsgeschichte. Und bei der Gründung des Lehrstuhls für Kolonial-Geographie an der Uni Leipzig, der – recht symptomatisch – erst gegründet wurde, als Deutschland seine Kolonien schon wieder los war.

In mehreren Beiträgen wird die Rolle des jungen deutschen Kolonialismus für das rege Interesse an fremden Völkern und Kontinenten beschrieben. Auf einige Forschungsexpeditionen wird detailliert eingegangen. Und natürlich tauchen immer wieder die Fragen danach auf, welche Sackgassen sich da auftaten? – Welche Rolle spielte Friedrich Ratzels "Politische Geographie" und sein sehr philosophisch-mystischer Ansatz von Raum, Boden und Natürgefühl für die späteren NS-Theoretiker? Welche Rolle spielte Wilhelm Wundts "Völkerpsychologie" für die Etablierung europäischer Vor-Urteile über fremde Völker und ihre psychologische Entwicklungsstufe?

Der Streifzug in die gar nicht so ferne Geschichte der diversen Wissenschaften ist auch ein wenig Tiefenforschung in Sachen deutsche Welt-Wahrnehmung und Selbst-Reflexion. Denn der Ausstellungstitel trügt: Die meisten der großen Forschergestalten sind nicht ausgezogen nach "Vielfalt" zu suchen. Etliche hatten ihr eurozentristisches Weltbild im Kopf. Für die meisten standen die erforschten Völker auf einer niedrigeren, wenn nicht gar primitiven Entwicklungsstufe.

Noch in den 1920er Jahren zogen "Völkerschauen" die Leipziger scharenweise in den Zoo (auch diese Geschichte wird aufgearbeitet). Man ergötzte sich an den "Wilden". Erst im Ergebnis der Forschungen entstand ein differenziertes Bild der Kulturen und Völker der Welt. Und ein Bewusstsein für deren kulturellen Reichtum ebenso für wie die Gefährdung vieler Kulturen.

Da und dort schimmert auch der zweite Horizont auf, vor dem sich die Forschung entwickelt: die zunehmenden Handelsverflechtungen rund um den Globus – Zwischenstadium für das, was heute gern so lax als "Globalisierung" bezeichnet wird. Das ist nicht neu. Im Gegenteil: Auch Leipziger Forscher berichten frühzeitig aus Ländern, die mit Reformen den Anschluss suchen an die weltweite Entwicklung und Vernetzung.

Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig.
Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig.
Neue gesellschaftliche Entwicklungen haben auch immer neue Ansätze in der Forschung mit sich gebracht. Und harsche Kritik erntet dabei auch die moderne Überheblichkeit der neuen Interpretatoren, die noch viel schneller dabei waren eine einstmals hochqualitative Nordamerikanistik an der Uni Leipzig zu disqualifizieren. Übrigens einer der Punkte, den mehrere Wissenschaftler am 600-jährigen Uni-Jubiläum kritisierten: die fehlende Aufarbeitung der Geschichte der Universität und ihrer Institute in der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Was war das für eine Universität, bei der man alles, was da 40 Jahre lang vermittelt wurde, einfach negieren kann? Ein einziges "Rotes Kloster"? – In einigen traditionellen Leipziger Fächern eben gerade nicht. – Aber so lange sich niemand die Arbeit macht, wenigstens erst einmal einen Überblick zu schaffen über das, was trotz aller Indoktrinierung und oft durch viel persönlichen Einsatz einzelner Dozenten trotzdem möglich war, so lange wird jede offizielle Äußerung über die Universität in DDR-Zeiten unwissenschaftliches Geschwätz bleiben.

Wer das Buch durchstudiert hat, geht etwas kritischer durch die Sammlung. Der sucht zwar nicht unbedingt nach den "Schrumpfköpfen" der Maori, aber der schaut genauer hin, wann und wie die ausgestellten Kostbarkeiten in die Sammlung kamen, wie sie sich in die Forschung ihrer Zeit einordnen und welche Rolle sie heute spielen, da Vieles von dem, was die diversen Expeditionen einst unter Schwierigkeiten erkundeten, heute schon verschwunden oder bedroht ist. Die vielen Herren mit den wallenden Bärten suchten die Vielfalt zwar nicht immer – aber sie schufen die Grundlagen dafür, dass die vorhandene Vielfalt der Welt sichtbar wurde.

Die Welt scheint durch moderne Transportmittel und Informationswege kleiner und "gleichzeitiger" geworden zu sein. Das trügt zumeist. Und es erzeugt ein recht uniformes Bild, wenn man die Völker in den diversen Medien erlebt. Als hätten sie sich alle schon an das euro-zentristische Bild von der Welt angepasst. Das ist vielleicht der größte Trugschluss unserer Gegenwart, eine Art informeller Kolonialismus.

So gesehen ist die "Suche nach Vielfalt" noch lange nicht beendet.

Claus Deimel, Sebastian Lentz, Bernhard Streck (Hrsg.) "Auf der Suche nach Vielfalt. Ethnographie und Geographie in Leipzig", Leibniz-Institut für Länderkunde, Leipzig 2009, 19,90 Euro

www.mvl-grassimuseum.de


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