Einen Dichter aus Bosnien entdecken: Land, das es nicht gibt
Ralf Julke
26.02.2010
Land, das es nicht gibt.
Wie wäre das eigentlich, wenn alle Menschen dieselbe Sprache sprächen? Wäre ihnen dann bewusst, dass die Fremden da unten, da hinten oder da hinterm Berg ganz ähnlich denken, fühlen und leben? – möglicherweise nicht. Aber sie erführen zumindest schneller, dass auch Bosnien groß genug ist für eindrucksvolle Dichtung.
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Der Leipziger Literaturverlag hat jetzt – zeitgleich mit dem bosnischen Autor Zilhad Kljucanin – auch den bosnischen Dichter Hadzem Hajdarevic aufgelegt. 1956 geboren, gehört er zu den wichtigsten Dichtern des Landes, das als Teil der Republik Bosnien und Herzegowina seit 1992 auch ganz offiziell auf der Weltkarte steht. Auch wenn das eine nationalistische Heldenbrigade im benachbarten Serbien nicht wahrhaben wollte und das Land drei Jahre lang mit Krieg überzog und damit die schlimmsten Massaker auf europäischem Boden seit 1945 auslöste.
Natürlich leuchtet der Krieg mit seinen Verheerungen auch in die Gedichte Hajdarevics. Hier "haben die Kulturen jahrhundertelang die Klinge gekreuzt", heißt es im Waschzettel zum Buch. Vielleicht ist das so. Vielleicht auch nicht. Denn Bosnien ist einer von vielen Knotenpunkten Europas, an dem sich Kulturen, Einflusssphären und Religionen begegneten und überlappten. Es ist nie zwangsläufig, dass "Kulturen" übereinander herfallen. Es sind immer ein paar besondere "Strategen", die derart glauben, Politik machen zu müssen.
Die Kulturen sind ihre Opfer. Die Menschen, ihre Häuser. Noch so eine These aus dem Waschzettel: Blüht die Poesie nur zwischen den Kriegen? – Das darf bezweifelt werden. Auch wenn das Toben der Schlächter, das Dröhnen der Kanonen, der Tod und das Leid keine gute Begleitmusik sind für die Arbeit am Lied. Denn was Hajdarevic schreibt, sind eigentlich Lieder. Ein wenig verwandt mit Nerudas Balladen. Ein großer Gesang für ein kleines Land, das aber ein faszinierendes sein muss. Cornelia Marks, eine der Drei, die die Gedichte ins Deutsche übersetzt haben, schwärmt von der Landschaft, die Hajdarevic besingt.
Hadzem Hajdarevic: Land, das es nicht gibt.
Foto: Leipziger Literaturverlag
Der Krieg kommt bei ihm nicht als Hauptmotiv vor. Warum auch. Da gibt es nichts zu besingen. Die Akteure haben sich nicht erst im Nachhinein als uniformierte Spießbürger und Feiglinge entpuppt. Das sind solcherart Helden immer. Sie sind die Ausgeburten einer pathologischen Zeit. Was sie hinterlassen ist Abwesenheit, Leere und Schweigen. Zerstörte Häuser, verschwundene Menschen, das von Brennnesseln überwachsene Grab eines Jugendfreundes. Man ahnt, woher die tiefe Schwermut des Dichters kommt. Doch es ist eine Schwermut voller Farben. Seine Bilder sind plastisch. In ihnen atmet das Land. So singt einer, der tief verwurzelt ist und schaut – und nicht müde werden kann am Schauen.
Ein Land wieder anschauen als Ort, der überdauert. "Die Landschaft geht in dich ein wie uferloses Wasser ..." - Das kennt man aus dem deutschsprachigen Raum kaum noch: das ungebrochene, offene Verhältnis zu einer nicht verbauten Umwelt. "Dieser Frühling bläht die Kirschbäume auf. / In den Gärten sterben brummend goldflüglige Käfer."
Dazu muss man die Städte verlassen. Den Blick wieder öffnen für das Unbegrenzte, Nicht-Plakatierte. – Fünf Gedichtbände liegen der Auswahl zugrunde, der Älteste von 1995. Da ging der Krieg gerade zu Ende. Die Wunden waren noch frisch. Die Spuren des Krieges allgegenwärtig. Der jüngste Gedichtband trägt die Jahreszahl 2010. Astrid Philipsen, Cornelia Marks und André Schinkel, die drei Übersetzer, haben also schon vor-gearbeitet. Die jüngsten Gedichte tragen schon die Schwermut des Herbstes in sich. "Erst im späten Herbst wissen wir, dass der / Frühling, auf den wir warten, die Anderen erreicht ..."
Die Texte, die die drei aus dem Bosnischen herübergeholt haben in die so oft malträtierte deutsche Sprache, sind voller Lebensfreude, auch da, wo sie trauern, voller Schwermut gerade da, wo sie Berge und Flüsse und Meer besingen, ... die Abgründe der Gegenwart tun sich beinah wie zufällig auf, beiläufig in einem Gedicht über einen "lauteren Baum", der mitten in einem blühenden Mohnfeld steht. Das blüht nicht ohne Grund unbehelligt: die Linde steht im Minenfeld.
Hajdarevic ist ein Dichter, der nicht beeindrucken will. Seine Lieder leben von dichten, lebendigen Bildern. Und deswegen gibt es auch sichtlich Probleme, Hajdarevic auch dann zu übersetzen, wenn er die strengste aller Versformen wählt: das Sonett. "Auf den Inseln des Sonetts" heißt der Band, aus dem ebenfalls ein paar Stücke in dieses Buch gefunden haben. Doch sie wirken wie Fremdkörper, die sonst bei Hajdarevic so konkreten, folgerichtigen Bilder zerfasern, bekommen Unschärfen und die zuweilen unglücklichen deutschen Reime klappern zusätzlich mitten ins Bild.
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Vielleicht ist es sogar gut, dass es die Übersetzer trotzdem versucht haben: Der Kontrast zeigt, wie dicht und lebendig Hajdarevics Gedichte eigentlich sind, wenn er sich ganz den Bildern und Versen hingibt und die Bilder sich aus sich heraus entwickeln lässt, bis ein paar einfache, ruhige Zeilen genügen, das Bild abzurunden: "... und nirgendwo anders, / Meine Schöne, / Baue ich / Unser Haus!"
So einfach und so gültig kann Dichtung sein. Vielleicht ist das das Wohltuendste an diesem Band: In Bosnien traut sich noch einer, Gedichte ganz ohne Firlefanz und Attitude zu schreiben, das Bild aus sich heraus leben, fließen, leuchten zu lassen. Es ist das Einfache, das auf einmal wieder faszinieren darf. Der Moment entpuppt sich als vergängliches Geschenk. Und das "Land, das es nicht gibt", ist überall. Man muss es nur zu finden wissen. Und zu bewahren.
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