Countdown mit der schönsten aller Sprachen: Ein Buch voller Wörter
Ralf Julke
22.02.2010
Buchcover.
Er nennt sich selbst Zweifelschaftler und verortet seine Tagearbeit am Leipziger Institut für angewandte Entropologie. Da kann man zumindest Überraschendes erwarten, wenn Jörg Jauernig "Ein Buch voller Wörter" herausgibt.
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Er hat's tatsächlich getan. Das Bändchen ist in der Edition PaperOne erschienen, auch wenn es dort im Buchprogramm noch nicht auftaucht. Selbst in dieser eigenwilligen Leipziger Edition ist Jauernig ein exotischer Vogel, ein Ausprobierer und Grenzgänger. Er hat auch die Gestaltung seines Bändchens selbst vorgenommen. Ein liebevolles Unterfangen. Der Bursche mag sauber gestaltete Texte, klare Titelseiten und – Wörter. Klar. Es ist trotzdem kein Wörterbuch geworden, sondern ein "Gedichtband in zehn Zyklen".
Das steht auch nicht drin. Muss auch nicht. Der Leser merkt es beim Anlesen und Einlesen.
"Emotionen hinter Wörtern. Geheimnisvolle Welt hinter der Bananenschale – von Äffchen für Äffchen. Menschen hinter Uniformen, Krawatten, Armeestiefel, Badehosen. Wörter sind Zwangsjacken, Sätze Gummizellen und Bücher Irrenhäuser", erklärt er – in einem Beipackzettel, den er dem Rezensenten zuschickt. Könnte ja sein, der versucht, die Gedichte zu lesen wie etwa hübsche Reime von Mörike, Uhland oder Stengel. Er lässt sich ein auf das Wirrwarr der Welt, die "'gegebenen' Widrigkeiten der Kausalität".
Jörg Jauernig im Kampf mit lauter Luftballons.
Foto: privat
Eine hübsche Falle, diese Kausalität: Was passiert wann und warum? Und was stellt man mit dem Rest an, mit diesem Präsentsein des Zufälligen, Auch-Gegenwärtigen? – Etwa in einem winterlich vereisten Garten? Wie im ersten Gedicht: "erstens - Echo". Dem Einstieg in einen Countdown, mit dem sich Jauernig vom "zweitens - 009" auf "zehntens - 001" herunterzählt. Oder: heruntererzählt, aus Worten und Assoziationen seine Texte entstehen lässt wie Pilze im Zeitraffer, von Gedanke zu Gedanke, von Anklang zu Anklang. Denn die Wörter der deutschen Sprache sind voller Widerhaken. Sie ziehen immer noch eine kleine Schattierung, eine Assoziation, ein hübsches Aha! mit sich. Dem Dichter fällt so etwas auf. Und in klassischen Zeiten hat er es schnell im Papierkorb entsorgt.
Denn Sprache widerspricht – siehe oben – nicht nur der Kausalität, auch der bürgerlichen Ordnung. Auch Kinder wissen das. Eltern können verrückt werden über die närrischen Wortspiele ihrer Sprösslinge – wenn sie zu streng mit sich selbst sind. Die anderen haben ihre Freude daran. Und behalten sie sich, bewahren sich die Freude an dieser reichen, von Dichtern auch immer wieder freudig bereicherten Sprache. Wörter laden sich auf. Nicht nur in einem Leben, auch in einer ganzen Geschichte – von "Eiris sazun idisi" bis Jandl. Jauernig ist ganz gewiss in diesen Welten unterwegs. Sprache gehorcht ihm nicht – aber folgt ihm brav wie ein Hund, wenn er seine Gedichte malt. Und manche Worte sind Bilder, die eigentlich keinen Rahmen brauchen. Sie sind da und wedeln mit dem Schwanz. "Geheulrudelt" ist so ein Wort. Fast ein Gedicht im Gedicht.
Der ganze Vers: "Hymne - geheulrudelt vom Wir."
Da braucht es nur noch zwei kleine Schritte, und man ist beim "Wir sind Papst." Oder ähnlichem Blödsinn. Nur dass Jauernig in einige Verse so hübsch viel hineinpackt, dass man schon Gänsehaut bekommt, wenn man diese zwei Schritte denkt. Und dabei hat er in diesem Gedicht nur angefangen, über Identität nachzudenken. "Zugehörigkeiten verblassen. Abgrenzungen verwischen." – Stimmt schon: Wer anfängt, über die Grenzen seines Ich nachzudenken, bekommt Grenz-Probleme. Genau wie die Physiker, wenn sie die Auflösung ihrer Mikroskope erhöhen. Da verwandelt sich selbst eine Edelstahl-Oberfläche in einen diffusen Übergangsraum, in dem die Teilchen tanzen.
Nicht vorzustellen. Was ist dann noch ich? "Aus den Bullaugen der Fleischköstume blnzlt. / Identität."
Jörg Jauernig: Ein Buch voller Wörter.
Das ist deutlich. Dieses "blnzlt" kommt immer wieder vor in Jauernigs Texten. Es ist wie ein Synonym für das, was er tut: Hinschauen. Ohne Hin. Mit geschlossenen Augen – die Augen dabei weit aufgerissen. Das Unfassbare des Jetzt zu fassen versuchen. Und das mit dieser Sprache, die vollgestopft ist mit Beiklängen, Zitaten. Und – was zu ahnen war – immer wieder das Echo der Zeit, das mitten hinfunkt in die Bilderfolge und das Grenzerkunden.
"Alles ist zu spät: / Das Volk hat eine Meinung!" So deutet sich das an. Man hört beinah, wie der ergrimmte Dichter die Tageszeitung schnappt und aus dem Fenster schleudert. Die Verschreckung kommt dann gleich als Großdruck in den nächsten Zeilen: "DER PRACHTGEBURSCHTE ZWEIBEINER. / Zieht sich einen Müpfel aus dem Ramschladen."
Es sind richtig schöne Fallgruben mitten im scheinbar sorglos dahertrommelnden Text. Unverhofft öffnet sich der planierte Gehweg – und der Leser fällt in die wortfreudig aufgetane Falle. Ein hübscher Absturz. Man freut sich daran. Und weiß ja, dass Verse nichts ändern an der täglichen Gedankenlosigkeit. Wie sollten sie? – Dafür müssten sie auf der Titelseite der Zeitung stehen. Aber da kommen sie nie hin.
"Ergo: Alle Wahrheiten sind gleich im erblindenden Auge des Zyklopen."
Mehr muss eigentlich nicht gesagt werden. Man versteht ja, dass an dem Fallensteller eine "wahrhafte Poetin" verloren gegangen ist. Was rettet ihn für den Moment? - Der Kochtopf. Ab in die Küche, wenn das ein sicherer Ort ist.
"Doch in der Küche. / Warten bereits die Hunnen auf mich."
Fazit: Nirgendwo ist man mehr sicher. Und mit Wörtern kann man mehr erzählen, als in der klügsten Zeitung steht.
Jörg Jauernig "Ein Buch voller Wörter", Edition PaperOne, Leipzig 2009/2010, 45 Seiten + Platz für eigene Notizen. Vom Fachmann handkopiert und mit Liebe gebunden. 6,99 Euro
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