Lost Places: Verborgene Welten in Leipzig zum Entdecken in Schwarz-Weiß
Ralf Julke
28.02.2010
Lost Places.
Er sucht sie und er findet sie überall im Land: die verlorenen Orte, die "lost places". Der 1971 in Halle geborene Marc Mielzarjewicz hat sie auch in Leipzig gefunden und fotografiert. Man hört die Bretter knirschen und den Wind durch die Gemäuer pfeifen. Und dann das Klicken des Auslösers.
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Denn während andere Fotografen lieber die "Romantik der Verfalls" einfangen und die leeren Gemäuer lieber aus sicherer Distanz ablichten, geht Mielzarjewicz hinein, lässt sich die für gewöhnlich mit dicken Schlössern verhängten Tore und Türen öffnen und steigt die Treppen und Stiegen rauf und runter, auf denen oft genug vor 20 Jahren die letzte Betriebsamkeit herrschte.
Leipzig ist nicht seine erste "Forschungsstation". Ein erster Band "Lost Places" erschien schon im Mitteldeutschen Verlag: "Lost Places. Schönheit des Verfalls" mit Entdeckungen in Halle. Das Buch fand schon auf der Frankfurter Buchmesse große Resonanz. Es war der erste Versuch, die Erkundungen, die Mielzarjewicz auf seiner Website "marodes" dokumentiert, in einem Band zu vereinen. Da deuten sich schon jetzt die nächsten Bücher an. Geplant ist "Lost Places. Beelitz-Heilstätten".
In Schwarz/Weiß hat Marc Mielzarjewicz 19 "Lost Places" in Leipzig eingefangen.
Denn gerade der Osten der Bundesrepublik ist ja übersät mit diesen Orten, die nach dem großen Beitrittsgetümmel von 1990 aufgegeben wurden, ihrer alten Zwecke verlustig gingen oder einfach keine neue Investoren fanden. Manche stehen als Ruine in der Landschaft und warten eigentlich nur noch auf die Abrissbagger. Bei anderen gibt es immer wieder Hoffnungen und das lange Warten auf einen reichen Scheich, da ja der Onkel aus Amerika mittlerweile pleite ist.
Andere Projekte – wie der aufgegebene Flughafen Tempelhof in Berlin - sind nur für einen erwartbar kurzen Zeitabschnitt für streunende Architekturfotografen verfügbar. Andere Ruinen erinnern an Weichenstellungen der Vergangenheit, die dann mitten im Baugeschehen verändert wurden – wie beim Kernkraftwerksbau bei Stendal.
In Leipzig hätte Mielzarjewicz wahrscheinlich ganze Bibliotheken mit "lost places" füllen können. Im Band "Lost Places. Verborgene Welten" sind 19 versammelt, die meisten im Westen und Nordwesten des Stadtgebietes gelegen. Und die Mehrzahl natürlich verlassene Industriedenkmale, an denen Leipzig so reich ist und für die sich doch viel zu selten ein neuer Nutzer findet. Und so stehen sie da – ihre Schornsteine und Türme überragen das Stadtbild. Die Maschinen sind ausgeräumt und in breiten Bahnen fällt das Sonnenlicht in leere Werkhallen, Kontore und Lager. Nur in den Büros der Verwaltungen scheint es, als hätten die Nutzer den Raum eben mal für einen Kaffee verlassen und sind dann einfach nicht wiedergekommen. Das sind sogar die tristesten und beklemmendsten Bilder in diesem Band – die Schreibtische in den verlassenen Büros des Postbahnhofs zum Beispiel. Selbst die Blumentöpfe und ein alter Flaschenöffner liegen noch da. Natürlich waren auch die üblichen Vandalen dagewesen. Doch dieser Blick in Schwarz-Weiß lässt auch dieses Gefühl aufkommen: Man kann sich nur zu gut vorstellen, wie Menschen hier jahrzehntelang gearbeitet, Listen ausgefüllt und ihre Blumen gegossen haben.
Einer von 19 "Lost Places": der alte Postbahnhof.
Mielzarjewicz hat die Schönheit der alten Sternburg-Brauerei eingefangen, die in Lützschena den Schlaf der Vergessenen schläft. Er hat die alte Bleichertsche Drahtseilfabrik erkundet, für die zumindest derzeit neue Nutzungen gesucht werden. Hier springt einem der Klingelknopf ins Auge, über dem immer noch die Ausgabezeiten für Normteile, Kleineisenteile, Nägel, Ketten, Kugellager usw. zu lesen sind.
Marc Mielzarjewicz: Lost Places Leipzig. Verborgene Welten.
In Gohlis-Nord entdeckt er die alten Transportbänder und Rohre der einstigen Heeresbäckerei, die extra gebaut worden war, um die vier dort platzierten Regimenter jeden Tag mit Hunderten frischer Brote zu versorgen. Nahebei wirft er noch schnell einen Blick ins alte "Werk Motor", bevor hier die Umbauten für eine neue Nutzung beginnen. Denn so ganz "lost" sind ja die Orte nicht alle. Investoren und Architekten haben die Industriebaukunst der alten Werkstatt Leipzig sehr wohl schon entdeckt als dankbare Refugien für neue Lösungen.
So auch das Stadtbad Leipzig, in dem die Sanierungsarbeiten ja schon begonnen haben. Dasselbe gilt für das Gebäude des Graphischen Großbetriebes Interdruck im Grafischen Viertel. Der Leipziger Architekturhistoriker Stefan W. Krieg erzählt in kurzen Begleittexten die Geschichte jedes Ortes. Eine daneben stehende englische Variante macht das Buch natürlich auch für Touristen interessant, die an der etwas anderen, nicht ganz so hübsch restaurierten Geschichte der Stadt Leipzig interessiert sind. Oder an wirklich eindrucks- und stimmungsvollen Bildern von Orten, die durchaus ihren Reiz haben. Und möglicherweise irgendwann verschwinden, wie die Zickmantelsche Mühle in Großzschocher, deren Innenleben praktisch noch genauso ist wie vor über 60 Jahren. Hier wird nie wieder Mehl gemahlen. Doch die Zahnräder und Schüttrutschen erzählen vom Klappern und Stauben in der Zeit, als hier noch Korn zu Mehl gemahlen wurde.
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Mielzarjewicz sucht natürlich nicht den "objektiven Blickwinkel". Er lässt das von außen einfallende Licht wirken, rückt die rustikalen Details der verlassenen Orte möglichst wirkungsvoll ins Bild. Ob es verlassene Getreidespeicher sind, leere Labors oder der verglaste Lichthof der Maschinenfabrik Philipp Swiderski in Plagwitz – die Orte sind nicht tot, weil sie verlassen sind. Sie sind nur still. Und man kann sich gut vorstellen, dass mancher Architekt hier verzweifelt, weil er sieht, welche Möglichkeiten diese Orte bieten.
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