Berlin unterm Notdach: Fritz Eschens Fotos aus dem Nachkriegs-West-Berlin
Ralf Julke
09.03.2010
Berlin unterm Notdach.
Es ist schon Band 8 in einer Serie, mit der sich der Lehmstedt Verlag die Herzen der Foto-Freunde erobert. "Bilder und Zeiten" heißt die Serie, mit der einige ungewöhnliche Schwarz-Weiß-Fotografen des letzten Jahrhunderts (wieder-)entdeckt werden. In Nr. 8 etwa der Berliner Fritz Eschen.
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1900 wurde er als Sohn eines jüdischen Kaufmanns in Berlin geboren. Eigentlich eine sinnlose Phrase, mit der ein gut Teil des frühen 20. Jahrhunderts einmal als finster und recht abwegig in die Geschichtsbücher eingehen wird. Niemand hält es für notwendig, so explizit darauf hinzuweisen, dass jemand aus einem christlichen oder atheistischen Elternhaus stammt. Aber die durch die NS-Ideologie verzerrte deutsche Geschichte rückt immer wieder diese eher beiläufige Tatsache in den Mittelpunkt – die auch für Eschen lebensentscheidend wurde.
Ein fotografischer Blick ins Berlin der Nachkriegszeit.
Ende der 1920er Jahre begann er die Fotografie als Leidenschaft für sich zu entdecken, veröffentlichte bis 1933 in namhaften Zeitschriften des Landes eindrucksvolle Reportage-Fotografien. Und dann begann ja diese Hexenjagd der Mordsgewaltigen, die Eschen nur verschonte, weil er in "privilegierter Mischehe" mit Lipsy Thumm lebte. Was die Nationalsozialisten und ihre Helfershelfer nicht daran hinderte, seine Ex-Frau Rose und seinen Sohn Peter in Auschwitz zu ermorden. Eschen selbst hatte als Fotograf praktisch Berufsverbot, wurde ab 1941 zu diversen Zwangsarbeiten verpflichtet.
Das ist – wie man in der heutigen Hartz-VI-Debatte spürt – nicht vergessen.
Für Eschen ging es noch einmal glücklich aus. Auch einer eigenen Verschleppung ins Vernichtungslager entging er knapp und konnte nach Kriegsende seine alte Arbeit und Leidenschaft wieder aufnehmen: seine Heimatstadt Berlin zu fotografieren. Distanziert, wie so mancher Kommentator seiner Bilder es einschätzt. Was verständlich ist. Denn er war ja ein doppelt Überlebender. Aber auch einer, der seine alte Heimatstadt mit wachem Auge wieder lebendig werden sah. Doch es sind nicht die rauchenden Ruinen und emsigen Trümmerfrauen, die ihn interessierten. Es waren die neuen, alten Widersprüche.
Warten, Arbeiten, Leben - Eschen lichtet die Berliner ab mitten im Moment des Neubeginns.
Für die schon das erste Bild im großen Fotoband steht: das unzerstört gebliebene Lessing-Denkmal im planierten Tiergarten mit Blick auf die Ruine des Reichstages. Ein Bild, das den ganzen Widerspruch des 20. Jahrhunderts impliziert – Triumph und Debakel des aufgeklärten Zeitalters. Die Zerrissenheit des modernen Menschen zwischen wissender Einsicht und brutaler Verantwortungslosigkeit. Die Bilder, mit denen Eschen die Wiedergeburt seines Berlins – und das ist sichtlich der westliche Teil – nachzeichnet, lesen sich wie das Entstehen einer neuen Legende.
Eschen fotografiert die Notunterkünfte der Flüchtlinge, das Gewimmel auf dem Schwarzmarkt, die Menschenmenge, die dem regierenden Bürgermeister von Westberlin, Ernst Reuter, lauscht, englische Militärpatrouillen, Rosinenbomber und die medienwirksame Verteilung von Care-Paketen. Menschenschlangen sammeln sich auch vor den wiedereröffneten Kino-Palästen und "Frauen wehren sich gegen drohende Arbeitslosigkeit". So ist zumindest ein Foto aus dem Jahr 1949 betitelt. Aber wer ist der Herr im weißen Kittel, der da links aus dem Bild huscht? – Es ist keine neue Erfindung des 21. Jahrhunderts, dass das Personal zum Protest vorgeschickt wird, wenn der Chef etwas Politisches durchsetzen will.
Damals ging es um die "billige Konkurrenz" in Ostberlin, das mit der Währungsreform West auf einmal auf einer billigen Währung saß. Da wurde mancher Betrieb im Ostteil Berlins zum preiswerten Dienstleister für den Westen. Und das mit der S-Bahn einpendelnde Arbeitspersonal aus dem Osten wurde zur Bedrohung des Westberliner Arbeitsmarktes.
Fritz Eschen: Berlin unterm Notdach.
Eschen fotografiert zwar für die wichtigen Medien seiner Stadt. Aber seinen Bildern ist oft genug der Moment des Entstehens noch anzusehen. Manches Bild ist sogar unscharf, deutliches Zeichen dafür, dass Eschen sein "Personal" nicht wieder zurückbeordert hat, das Foto noch einmal zu stellen. Der echte Moment war ihm wichtiger, auch wenn einige seiner Fotos durchaus politisch sind – wie der Zeitung lesende Friseur in seinem Geschäft, in dem das Schild hängt "Unterstützt die Friseure Westberlins!"
Zuweilen bannt er seine Berliner in intimen oder versonnenen Momenten auf Zelluloid. Dann wieder genügt ein Blick in die Tauentzienstraße, die mittlerweile von Trümmern befreit ist (aber noch nicht von Ruinen) und sieht, wie diese Stadt wieder zum mondänen Pflaster wird. Das Bild der beiden Zeitungsverkäufer, die die neuesten Zeitungen ausrufen, die über den 17. Juni in Ostberlin berichten, wirkt dann schon wie aus einer anderen Welt: Dieser Teil der Welt war schon ein gut Stück vorangekommen bei der Sanierung und dem Gewinnen eines neuen Wohlstandes. 1957 lichtet Eschen auch einen von jenen ab, die dieses neue (West-)Berlin aufbauten: den Stadtbaurat Hans Scharoun. Er fotografiert den RIAS-Reporter bei der Arbeit und Gottfried Benn in seiner Bücherhöhle. Und wo die Berliner mit ihren nagelneuen Autos picknicken am Groß Glienicker See, steht auch das Schild: "Achtung! in 200 Meter Zonengrenze".
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