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Der nächste Krimi aus den Abgründen Leipzigs: Augen für den Fuchs

Ralf Julke
Augen für den Fuchs.
Augen für den Fuchs.
Wie entsorgt man unbeliebte Mitspieler? Das ist ja nicht nur ein Problem in Fernsehserien. Das geht auch Krimi-Schriftstellern so, deren Ermittler-Ensemble voller Konflikte steckt. Auch wenn Konstantin Miersch wohl eher nicht der Kandidat gewesen wäre, den Kotte-Leser in Band 4 der Abriss-Serie hinausgewählt hätten.

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Oder Band 6. Mit den beiden Ausflügen Henner Kottes in die neu etablierten Ehrlicher-Krimis, die im Buch fortsetzen, was im TV so abrupt beendet wurde, kommt man auf besagte sechs Bände, in denen Kottes recht kantiges Leipziger Ermittler-Team zu Arbeit kommt. Auch der Chef der Kriminalpolizei, Kommissar Miersch, muss dort zeigen, was er kann. Er leitet einen Einsatz, bei dem zwei Kidnapper durch halb Europa gejagt werden und der am Ende durch einen liegen gebliebenen Traktor recht heftig endet. Mit tragischen Folgen für die beiden jugendlichen Kidnapper.

Das sei noch einmal erwähnt, weil es den Hintergrund abgibt für die Kampagne, die eine Leipziger Boulevardzeitung im neuen Band gegen Miersch fährt, in der Miersch selbst zum Verfolgten wird. Was dem Buch – wieder einmal – sein Grundtempo verpasst. Es ist atemlos, stellenweise fast panisch. Kottes Helden sind keine abgebrühten Fernsehpolizisten. Wer sie kennt, weiß: Sie zweifeln allenthalben an sich, haben familiäre Probleme, ärgern sich mit Kraftmeiern wie Thorst Schmitt oder aufgeblasenen Wachdiensten herum, bekleckern sich Jacket und Kleid, irren sich, nerven, werden grob oder werden mitten beim Sex in der Gaststätten-Toilette von eifrigen Kollegen zurück in den Dienst geklingelt.

Henner Kotte: Augen für den Fuchs.
Henner Kotte: Augen für den Fuchs.
Kottes Polizisten sind nicht edel, nicht unfehlbar, sondern irgendwie so gründlich dem Leben abgeschrieben, dass sie einem schon Leid tun können. Denn ihre Arbeit tun sie trotzdem. Und verletzlich ist selbst der scheinbar unausstehliche Miersch, der Import aus Bayern, der auch nach zehn Jahren noch nicht warm geworden ist mit den Kollegen aus Leipzig und mit Leipzig auch nicht. Bei Kotte schwelt der Ost-West-Konflikt noch mit aller Abgründigkeit, leidet die Kommunikation der Ermittler sichtlich.

Man kann es nur vermuten: In der Wirklichkeit wird das ganz ähnlich sein. Nur gibt es dort keinen Autor, der in seine Figuren hineinschlüpft und ihre Ängste, Verklemmungen und Peinlichkeiten aus ihrer Sicht erzählt. So dass man diesmal Miersch besser kennen lernt und dabei sein darf, wie ein Beinah-Blackout den Mann in einen Gasthof bei Machern wanken lässt und damit in eine uralte Geschichte über einen Serienmörder, die dem Buch den Titel gab. Wer die Innensicht von Triebtätern nicht so mag, kann die ersten vier Seiten einfach überblättern – so finster und manisch sind Kottes Bücher denn doch nicht. Auch wenn er – wie es sich für einen guten Kriminalautoren gehört – die finsteren Seiten der Gesellschaft sehr deutlich ins Bild rückt.

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Und das sind eben eher nicht die auch statistisch seltenen Serienmörder, sondern es sind zumeist Typen wie der smarte Dr. Thomas Bornschein von "Time is money", über den die Ermittler aus der Mord II stolpern, als sie den unnatürlichen Tod eines krebskranken Patienten in Bennewitz untersuchen. Man lernt mit Kotte dabei ein recht perfides Stück neudeutscher Ausbeutermentalität kennen.

Dabei überschneiden sich die Handlungs- und Ermittlungsstränge, Miersch beschäftigt sich ernsthaft mit der Geschichte der Volkspolizei, Schmitt gibt sich alle Mühe, beim Leser noch unbeliebter zu werden. Und Miersch sucht und findet – während im Präsidium schon die Nachfolgerkür eingeleitet wird – ein Stück neue Heimat. So ganz zum Abriss freigegeben hat Kotte sein Leipzig also doch noch nicht, auch wenn er mit Schmitt durchaus noch einen Kandidaten im Rennen hat, der Schrecklichstes für einen der Folgebände vermuten lässt. Und wie die leidenschaftliche Liebe von Franziska Beetz zum Star-Reporter des Boulevardblatts ausgeht, ist auch noch höchst fraglich.



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Augen für den Fuchs
Henner Kotte, Rotbuch Verlag,
Berlin 2010, 9,95 Euro
Am Ende weiß man, wer der Serienmörder war und sieht Lars Kohlund in der Klemme, während Miersch auf eine fast romantische Weise aussteigt aus der Serie. Man gönnt es ihm und ist gespannt, wie seine Ex-Kollegen nun retten, was in Leipzig noch zu retten ist. Man hat ja mit dem Autoren noch Hoffnung, dass es sich lohnt, auch wenn die täglichen Nachrichten zumeist anderes verheißen. Aber wozu sind die Damen und Herren von der Mord II denn da, wenn nicht dazu, ab und zu einen Ganoven zur Strecke zu bringen? Wenigstens.

Mit den anderen lebt man dann halt weiter bis zum nächsten Kotte-Krimi.


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