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Was von der Buchstadt Leipzig übrig blieb – eine Spurensuche in den wilden 1990er Jahren

Ralf Julke
Was von der Buchstadt übrig blieb.
Was von der Buchstadt übrig blieb.
Foto: Ralf Julke
Was ist denn nun noch übrig von der Buchstadt Leipzig? Warum sorgte in den letzten Jahren jede Schließung eines Verlags-Ablegers für so viel Wirbel? War Leipzig denn vorher eine Buchstadt? Oder wird da über einen Mythos geheult? – Mario Gäbler wollte es wissen und ging recherchieren.

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Es muss staubtrocken gewesen sein, ermüdend und frustrierend. Kein Kapitel der Leipziger Verlagsgeschichte ist so verschattet wie die Jahre zwischen 1990 und 2000, als sich entschied, was von dem, was 1989 noch tapfer seine Flagge am Ort zeigte, übrig bleiben würde. Aber 2008/2009 lag die Idee in der Luft. Das bekam der Verlagskaufmann und Buchwissenschaftler mitten in der Arbeit zu spüren, denn mittendrin erschien in Berlin von Christoph Links das Buch "Das Schicksal der DDR-Verlage". Untertitel: "Die Privatisierung und ihre Konsequenzen". Auch Links hatte nachgeforscht, was mit den 78 offiziell registrierten Verlagen der DDR ab 1990 passiert war.

"Bei diesem Buch sind besonders die genaue Darstellung der Übernahmen, die Vergabepraktiken der Treuhandanstalt und die kaum vorhandene Kontrolle der Einhaltung der Verträge lehrreich", schrieb der "Tagesspiegel" in seiner Besprechung.

Und ganz ähnlich könnte man es auch zu Mario Gäblers Fleißarbeit schreiben. Er hat sich explizit mit den 32 offiziellen Verlagen der DDR beschäftigt, die in Leipzig ihren Sitz hatten, ergänzt um vier Verlage, die nicht in der offiziellen Liste mitgezählt wurden, aber trotzdem produzierten. Der Hauptunterschied zur Gesamtliste: In Leipzig hatten die meisten einst namhaften Verlage ihren Sitz, deren ehemalige Eigner im Westen Deutschlands ab 1945 unter dem bekannten alten Namen weiterproduzierten.

Die Weiterexistenz dieser großen alten Namen in Leipzig gab auch der einst wichtigsten Drehscheibe für den deutschen Buchmarkt über die 40 DDR-Jahre das Gefühl, dass die Tradition noch lebendig ist, dass die Stadt irgendwie noch das ist, was sie bis 1933 einmal war. Michael Faber, selbst Verleger und heute Kulturbürgermeister von Leipzig, hat die drei Zäsuren deutlich benannt, die dem einst unumgänglichen "Leipziger Platz" den Garaus machten: 1933 (als die neu inthronisierten Machthaber daran gingen, insbesondere die von jüdischen Verlegern betriebenen Verlage zu verdrängen oder zu "arisieren"), 1945 und 1989.

Auch schon wieder Geschichte: Was aus Leipzigs Verlagen nach 1989 wurde ...
Auch schon wieder Geschichte: Was aus Leipzigs Verlagen nach 1989 wurde ...
Foto: Ralf Julke

Gäbler versucht recht akribisch herauszuarbeiten, was aus den verbliebenen DDR-Verlagen wurde, die nun sämtlich privatisiert oder restituiert werden sollten und gleichzeitig spätestens mit der Währungsunion im Sommer 1990 mit einem Markt konfrontiert wurden, für den sie alle nicht gerüstet waren. Ihnen fehlte Kapital, ihnen fehlte der Zugang zu den großen Vertriebsnetzen. Oft genug waren sie noch mit einem hochqualifizierten Personalstamm ausgestattet, den sich vergleichbare Westverlage schon längst nicht mehr leisteten, Lizenzen verloren ihre Gültigkeit – und dann war da noch jener große, oft undurchschaubare Apparat der Treuhand, über deren Tisch alle Verträge gehen mussten und die auch zuweilen agierte wie der Elefant im Porzellan-Laden. Als Beispiel führt Gäbler die Kiepenheuer-Affäre an.

Am Ende ergibt sich ein durchaus differenziertes Bild. Etliche Verlage – vor allem Fachverlage – sind heute vom Markt verschwunden, wurden aufgekauft oder existieren nur noch als Imprint oder vergessenes Label im Bestand eines Verlags-Konzerns. Die alten Belletristik-Verlage sind alle aus der Stadt verschwunden. Das waren dann jeweils die großen Medien-Feuerwerke, als wieder ein "großer alter Name" verschwand. Aber selbst Insel, das nun mit Suhrkamp nach Berlin zog, ist ja eigentlich längst kein Verlag mehr, sondern ein Imprint, das mit Neuerscheinungen keine Furore mehr macht.

Reclam Ditzingen konnte mit einer selbstbestimmten Dependance Reclam Leipzig nicht wirklich etwas anfangen. Man wird es in Ditzingen wohl nie zugeben: Aber vor einem Erfolg eines eigenen Leipziger Reclam-Projektes hatte man dort all die Jahre eine stille Angst, die durch Erfolge wie "Schlafes Bruder" erst recht genährt wurde.

Andere Verlage erlebten Übernahmen und Konkurse und haben sich trotzdem behauptet. Und ein kleiner Blick in das, was Gäbler recherchiert hat, zeigt, dass es weder am großen alten Namen lag (der kann helfen, muss aber nicht), sondern an den Lektoren und Geschäftsführern vor Ort, die eben auch in DDR-Zeiten nicht ins Blaue hinein produzierten, sondern ihr Handwerk beherrschten und wussten, wie man Bücher macht und vor allem die richtigen Bücher, die dann auch verkauft werden können. Dazu zwei, drei Investoren, die zumeist eben nicht aus der westdeutschen Verlagsbranche kamen und ein gewisses Interesse daran hatten, ihr Verlagsprojekt voranzubringen.

Ein Punkt, der gern vernachlässigt wird in all dem Gejammer über die untergehende Buchstadt. Denn exemplarisch steht das, was den zu DDR-Zeiten in Leipzig existierenden Verlagen geschah, eben auch für den Umgang mit der gesamten Wirtschaft der DDR. Es wird immer nur auf die zu großen Teilen marode Werkssubstanz geschaut, den in Teilen überalterten und verschlissenen Maschinenpark. Aber schon da wird gern ausgeblendet, dass auch Werke und Maschinen verhökert wurden, die gerade für teuer erkaufte Valuta neu angeschafft wurden.

Mario Gäbler: Was von der Buchstadt übrig blieb.
Mario Gäbler: Was von der Buchstadt übrig blieb.
Foto: Ralf Julke
Jeder, aber auch jeder Blick in die chaotische Arbeit der Treuhandanstalt zeigt, dass für die einstige Wirtschaft der DDR nichts so schädlich war wie dieser wilde Ausverkauf, bei dem das Verkaufen der Substanz das A und O war. Mit der Folge, dass all jene dann ziemlich schnell ohne jegliche Substanz dastanden, die damit noch hätten wirtschaften können.

Denn das Wertvollste, was die DDR-Wirtschaft 1990 tatsächlich zu bieten hatte, waren gut ausgebildete Fachkräfte. Fachkräfte, die vorher und nachher in allen Zweigen der westdeutschen Wirtschaft mit Kusshand genommen wurden und von denen heute niemand mehr redet, wenn er wieder einmal den Eiertanz um Ost und West aufführt oder die neue und neueste Neiddebatte um den "gierigen Osten" führt.

Vielleicht sollte man wirklich einmal auflisten, wo die vier Millionen gut ausgebildeten DDR-Bürger geblieben sind, die um die "Wende" herum gen Westen zogen.

Gäbler versucht auch vorsichtig herauszufinden, was die diversen Diskutanten mit Begriffen wie Buch- oder Verlagsstadt überhaupt noch meinen und warum der Weggang namhafter Verlage als derartige Kränkung empfunden wurde. Das schlichteste Fazit dabei: Die "Buchstadt" war über die letzten Jahre natürlich eine Art Selbstvergewisserung, der stark vom alten Glanz lebte – aber auch Elemente aufnahm wie die weiterhin hochkarätige Ausbildung von Buchhändlern, Buchkünstlern, Verlegern und Buchwissenschaftlern. Ein Reservoir, aus dem sich auch alle Verlagsneugründungen in Leipzig seit 1990 speisten. Schon ein kurzer Überschlag belegt heute für Leipzig über 70 aktive Verlage – die meisten freilich Klein- und Kleinstverlage. Das, was einst unter Fachleuten als "Leipziger Platz" gehandelt wurde, existiert seit 1945 nicht mehr. Oder – um Siegfried Lokatis zu zitieren: "Welche Stellung Leipzig bis 1943 für den deutschen Buchhandel hatte, kann man mit der Bedeutung Roms für die katholische Kirche vergleichen."

Aber das ging 1943 alles im Bombenhagel unter. Druckereien, Verlage, Lager, Archive gingen im verheerend getroffenen Graphischen Viertel dahin. Und was übrig blieb, schafften im Mai 1945 die US-Amerikaner entweder nach Süddeutschland, oder ab Juni die Russen als Reparationsleistung gen Osten.

Und so kann man Leipzig heute als Medienstadt bezeichnen (was sie auch nur in Maßen ist) oder als Buchstadt – es ist egal. Man kann eine demolierte Geschichte nicht reparieren. Und was in DDR-Zeiten noch irgendwie weiterwurstelte (manchmal durchaus genial wie im Falle Reclam Leipzig), hatte schon vor 1989 nicht mehr die Stellung, die Leipzig im deutschen Rahmen unumgänglich machte. Unumgänglich war nur die Leipziger Buchmesse, weil auch die Westverlage im Osten gern Geschäfte machen wollten.

Was dann ab 1990 in und mit einigen dieser Restbestände geschah, liest sich in der Rückschau natürlich schäbig, unprofessionell und rücksichtslos. Vieles ist heute immer noch unter Verschluss. Es gab ermutigende Kooperationen, es gab auch durchaus zukunftsfähige Ansätze. Die zukunftsfähigen aber genau dort, wo die Leipziger Akteure selbst an einem eigenständigen Profil arbeiten konnten und die nötige Unterstützung fanden, die ersten Jahre, die wirklich schlimmen Jahre, zu überstehen.



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Was von der Buchstadt übrig blieb.
Die Entwicklung der Leipziger
Verlage nach 1989

Mario Gäbler, Plöttner Verlag,
Leipzig 2010, 19,90 Euro
Ist natürlich die immer wieder anklopfende Frage: Hätte tatsächlich ein wesentlich größerer Teil der ostdeutschen Wirtschaft gerettet werden können, wenn man nicht auf Teufel komm raus privatisiert hätte nach dem Ramschprinzip eines Kaufhauses, das die Lager leer räumen muss? Hätte ein bisschen mehr Überlegung nicht auch etliche Milliarden erspart, Milliarden, die heute als Schuld den Staatshaushalt belasten?

Sind natürlich alles hypothetische Fragen. – Aber das Buch erzählt genauso wie die tägliche Wirklichkeit, dass von der Buchstadt Leipzig tatsächlich etwas übrig blieb: das gefragte Know-how und die Fähigkeit zum erfolgreichen Büchermachen. Selbst wenn das Buch dann eben nicht mehr in Leipzig gedruckt wird, sondern in Kevelaer. Was dann wieder damit zu tun hat, dass in Leipzig der Großverlag fehlt, der eine Druckerei auslasten könnte.


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