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Benedetto zum Fünfjährigen: St. Benno legt Papst-Biografie mit CD neu auf

Ralf Julke
Benedetto. Die Biografie.
Benedetto. Die Biografie.
Foto: Ralf Julke
Eigentlich sollte Stefan von Kempis' Buch "Der Mozartpapst" heißen. Aber am Ende setzte der Verlag sich durch und die Biografie von Papst Benedikt XVI. erschien unter dem Titel "Benedetto. Die Biografie". Ein Kompromiss. Und ein Anspruch.

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Für gewöhnlich taucht das Wörtchen "Die" erst auf, wenn Wissenschaftler sich durch alle Quellen gegraben haben, die zeitgeschichtlichen Bezüge geprüft und zumindest das Wichtigste, was es über ein Leben zu sagen gibt, mit Fakten und Belegen unterfüttert haben. Das dauert in der Regel eine Weile. Biografien an sich erscheinen bis dahin – sofern der Mensch den kleinen und großen Ruhm der Welt genießt – in unterschiedlichster Fülle und Erzählweise.

Stefan von Kempis' Buch ist eine davon. Und die Überlegung, das Buch "Der Mozartpapst" zu nennen, lässt schon durchschimmern, wie sich hier einer sehr persönlich dem Thema nähert, das eigentlich – aus der Distanz betrachtet, ein trockenes ist: Wie wird man denn Papst? Das kann doch kein aufregendes Leben sein, immer nur in kirchlichen Instanzen unterwegs, keine Frauengeschichten, kein Rock'n'Roll, nur Beten und Predigen und sich sorgen um das Seelenheil der Menschen ...

Natürlich ist die Perspektive schon eine etwas andere, wenn der Autor selbst (40 Jahre alt) Redakteur bei Radio Vatikan ist. Da beschäftigt man sich naturgemäß mit dem Innenleben des Vatikan, mit der Arbeit der Päpste, den innerkirchlichen Diskussionen und den Personen, die da eine Rolle spielen. Und mit Kardinal Joseph Ratzinger hat sich von Kempis schon beschäftigen dürfen, als dieser noch Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre war. Ein Amt, das in etwas dunkleren Zeiten noch Großinquisitor hieß. Als die Kirche ihren Alleinvertretungsanspruch auch mit Folter und Feuer durchzusetzen versuchte. Das ist lange her.

Zum Fünfjährigen in einer Sonderausgabe: Benedetto. Die Biografie.
Zum Fünfjährigen in einer Sonderausgabe: Benedetto. Die Biografie.
Foto: Ralf Julke

Um sich den Lebensweg des 1927 geborenen Joseph Ratzinger zu erschließen, hat von Kempis mit Freunden und Weggefährten des Mannes gesprochen, der nach der Priesterweihe eigentlich eine Hochschulkarriere begonnen hatte mit Stationen in Bonn, Münster, Tübingen, Regensburg. Auch auf andere biografische Veröffentlichungen konnte er zurückgreifen wie auf diverse Zeitschriftenbeiträge. Denn Joseph Ratzinger war auch über Jahrzehnte ein wichtiger Bestandteil des innerdeutschen Diskurses, als "Hardliner" betitelt oder gar – von "Süddeutsche"-Redakteur Peter Seewald – als "Bitterholz". Auch Seewald scheint seine Meinung später geändert zu haben – und führte mit Ratzinger zwei große Interviews – natürlich über Gott und die Welt. So heißt denn auch eines der beiden Interview-Bücher, die zu Bestsellern wurden. Das andere heißt "Salz der Erde". Und eine Biografie über Papst Benedikt Nummer 16 hat er natürlich auch geschrieben. Wer lässt sich so eine Chance entgehen?

Wie nähert man sich also dem Mann aufs Neue, der 2005 zum Papst gewählt wurde? Erzählt man alles noch einmal? Oder macht der Ton die Musik? – Für Stefan von Kempis ja: Er sucht und findet die Melodie, mit der sich das Leben des in Marktl in Oberbayern geborenen Polizistensohnes erzählen lässt, in all den Orten, in die die Familie Ratzinger zieht. Nicht weil Vater Joseph ein besonders Umtriebiger ist – er ist nur einer jener anständigen Gesetzeshüter, die ihr Amt ernst nehmen und deshalb mit den ab 1933 Herrschenden immer wieder in Konflikte gerät. Kein Widerständler, aber ein gläubiger und anständiger Mensch. Und ganz so muss er auch seine Söhne erzogen haben. So wird auch die Szene verständlich, die von Kempis aus dem Jahr 1944 schildert. Da ist der 17-jährige Joseph zum Reichsarbeitsdienst verpflichtet und erlebt mit, wie die Waffen-SS in den letzten Kriegsmonaten noch ihre "Freiwilligen" suchte. Da gehörte – auch wenn er nicht allein war – schon ein bisschen Mut dazu, dem brüllenden Werber ganz ruhig zu sagen, er habe vor, das Priesteramt zu ergreifen.

Das ist eine der Melodien, die im Leben Joseph Ratzingers immer wieder auftauchen. Die andere scheint tatsächlich mit der Landschaft zu tun zu haben, in der er aufwuchs, nah an der Grenze zu Österreich, Salzburg praktisch vor der Nase. Ein Leben zwischen strengem Glauben und der Mozartschen Heiterkeit. Dazu die Wissbegier, der Lesehunger, der schon den etwas unsportlichen Jungen ausgezeichnet haben muss. Auch das gehört dazu: Joseph Ratzinger war kein Polterer wie der erst kürzlich so unrühmlich verabschiedete Walter Mixa. Er war immer recht freundlich und formulierte klug und ausgewogen, wenn er sich zu Wort meldete. Und anders als bei so manchem konservativen Debattanten der Gegenwart weiß und hört man bei Ratzinger, dass er belesen ist. Dass er nicht nur seinen Augustinus oder Bonaventura gelesen hat. Eichendorff, Mörike und Stifter sind einige seiner Lieblingsautoren. Spätromantiker, alle drei beschäftigt mit den Widersprüchen, die aufbrachen, als die alte feudale Gesellschaft sich im 19. Jahrhundert auflöste – und jeder fand eine andere Antwort. Zentral, so findet von Kempis, sei wohl Eichendorffs "Aus dem Leben eines Taugenichts". Die Novelle um den lebenslustigen Müllersohn, die so gut zu Mozart passt: Das Leben so nehmen, wie es ist und einfach drauflosmarschieren.

Stefan von Kempis: Benedetto.
Stefan von Kempis: Benedetto.
Foto: Ralf Julke
Oder – als Motiv in der Biografie Joseph Ratzingers immer wieder aufgegriffen: sich überschütten lassen, die Dinge auf sich zukommen lassen. Was dann auch zu all den vielen Wechseln führte, die Ratzingers Karriere ausmachten – immer auf der Suche nach einer neuen Heimat, stets begleitet von seiner Schwester Maria, die ihm den Haushalt führte – zuletzt wollte er gar als Bischof von München und Freising zur Ruhe kommen, nachdem das Zur-Ruhe-Kommen in Regensburg (mit seinem Bruder Georg Ratzinger, dem Domkapellmeister und damit Chorleiter der Regensburger Domspatzen, mit der Abberufung nach München beendet war). Doch dann berief ihn Johannes Paul II. nach Rom.

Fast ärgert man sich, dass die Zeit in Tübingen nur so kurz angerissen wurde. Denn hier begegnete er zwei Persönlichkeiten, die wie wenige Andere die deutsche (Streit-)Kultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts prägten – Hans Küng, zu Ratzingers Zeit Professor für Fundamentaltheologie an der Eberhard-Karls-Universität, und Ernst Bloch, der nach seinem erzwungenen Abgang in Leipzig hier noch einmal eine Wirkungsstätte fand. Von Kempis macht Bloch gar zum geistigen Vater der 1968er Revolte – und macht ihn ein wenig mitschuldig daran, dass auch die eher provinzielle Universität Tübingen in die '68er Unruhen geriet und der Dogmatik-Professor Joseph Ratzinger ins Zielkreuz der studentischen Proteste.

Hans Küng wurde später die Lehrerlaubnis entzogen, weil er offiziell die (erst 1870 verkündete) Unfehlbarkeit des Papstes angegriffen hatte. Es ist so ein Kapitel, da sagt man sich: Schade. Hier steckt die ganze – selten wirklich offen und ehrlich geführte geistige Diskussion der Bundesrepublik wie in einer Nuss. Das ganze Spektrum von den linken Utopien Blochs, die dem Dogmatik-Professor Joseph Ratzinger keineswegs fremd waren, bis hin zu Küngs beharrlichem Hinterfragen kirchlicher Strukturen und dann eben dem klugen Joseph Ratzinger selbst, für den der Erhalt einer traditionellen Kirche mit festen Parametern im Zentrum des Diskurses steht und der getrieben ist von der Sorge, menschliche Werte und Maßstäbe gingen verloren, wenn eine Gesellschaft sich wie die unsere immer mehr liberalisiert, individualisiert, parzelliert. Eine Haltung, die er auch mit Johannes Paul II. teilte, der ihn mit Absicht zu seinem Adlatus machte.



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Benedetto. Die Biografie
Stefan von Kempis, St. Benno Verlag, Leipzig 2010, 7,50 Euro
Und weil von Kempis diesen Mann mag und verehrt, der da 2005 zum Papst gekürt wurde, ist es natürlich ein parteiisches und sehr euphorisches Buch, gut geschrieben, in einem fast musikalischen Stakkato streckenweise. Im Epilog dann sogar fast hymnisch, was ein wenig überspielt, dass man einem Papst, wenn er denn gewählt ist, nicht mehr wirklich bei der Arbeit zuschauen und mit ihm einfach mal über die Geisteskämpfe der Zeit sprechen kann.

So ist denn auch das auf CD beigelegte Gespräch mit Joseph Ratzinger von Radio Vatikan schon 2002 geführt worden. Erschienen ist die Biografie von Stefan von Kempis erstmals 2006. Zum 5. Pontifikatsjubiläum hat der Benno Verlag die Biografie jetzt noch einmal in einer Sonderausgabe vorgelegt.


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