Da oder nicht da, ist hier die Frage: Der Fall Schelling
Ralf Julke
15.05.2010

Der Fall Schelling.
Foto: Voland & Quist
Frank Klötgen, 1968 in Essen geboren, hat schon mit zwei so genannten Hyperfiction-Büchern von sich reden gemacht, den letzten Roman dazu, "Spätwinterhitze", hat er bei Voland & Quist veröffentlicht. Mit dem "Fall Schelling" legt er wieder so einen Roman vor, ein Stück vom Rand der Realität.
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| Gestalter im Handwerk |
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Zweijähriger berufsbe-
gleitender Studiengang
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Der Held - Schelling - ein mehr oder weniger begabter Schriftsteller, der zwar in seinem kurzen Leben sechs Bücher veröffentlichte, zu Ruhm aber erst postum kam mit einem nachgelassenen Fragment. Das Grundkonstrukt der Geschichte: 17 Jahre nach seinem Schlaganfall in der U-Bahn wird er reanimiert. Ein nicht gerade unbeliebtes Thema in der Science Fiction. Für gewöhnlich landet der Held dann in einer völlig veränderten Welt, ist selber ein Unikum und auch eine Art Zeitreisender, dem Manches ringsum nur noch mysteriös erscheint. Nur dass er nicht wieder zurückfahren kann.
Das kann Schelling auch nicht. Selbst die Wiederbelebung des Körpers braucht seine Zeit. Auch für den Leser. Man braucht Geduld, um sich in Klötgens Geschichte einzulesen. Denn viel ist da augenscheinlich nicht los. Ein eitler Hahnenkampf unter den betreuenden Ärzten, ein paar langweilige Beziehungsdramen. Und da Klötgen regelmäßig die Perspektive wechselt und auch gern zum inneren Monolog greift, ist für eine gewisse Angst des Lesers gesorgt, er könne die Orientierung verlieren. Leicht wird es ihm nicht gemacht, denn wirklich faszinierende Gestalten haben sich da nicht zusammengefunden. Was auch wieder eine Geschichte wäre – eine Art Anti-Geschichte zu den üblichen "Helden in Weiß".
Aber auch Schelling ist nicht wirklich ein Held. Macht nichts. Das könnte ja noch werden, wenn er erst mal wieder da ist und rumläuft und wieder Persönlichkeit entwickelt.
Das ist der Knackpunkt. Es liest sich so typisch, so deutsch, so schwersinnig: Ständig sind sie beschäftigt mit dem Nachdenken über sich und ihr Tun, fürchten sich, hier was falsch zu machen, dort anzuecken, kleben und flicken ihre Beziehungen und reden ängstlich um den heißen Brei, dass es nur noch wehtut.
Das Buch liest sich fast wie eine Persiflage auf das, was in deutschen Zeitungen als Hochliteratur gefeiert wird. Professorales Gedöns, Nabelschau, amtliche Angst vorm Leben. Man hat so das dumme Gefühl: Das ist ein Stück deutsche Wirklichkeit. Hier schreibt es sich aus, rätselt, grübelt. Vielleicht sollte man den inneren Monolog in Deutschland verbieten? Er ist so trügerisch.
Bei Klötgen trügt er doppelt, denn was da gedacht und gegrübelt wird, scheint nicht ganz übereinzustimmen mit dem, was passiert. Das merkt man erst spät. Bis dahin braucht man Sitzfleisch. Dann kommt auf einmal Bewegung in die Geschichte, mit zunehmendem Tempo nehmen die Verunsicherungen zu. Die Tochter ist die falsche Tochter. Oder gar nicht die Tochter. Schelling ist ein Einzelfall – oder auch nicht. Ein seltsamer Zimmernachbar erscheint. Schelling, kaum wieder zum Reden und Laufen befähigt, landet auf einer Pressekonferenz. Die Sache wird öffentlich – oder auch nicht. Die Bilder scheinen zu flackern, schieben sich ineinander. Und dann ist das Buch zu Ende und Schelling wieder dort, wo er auf Seite 9 schon mal war. Oder auch nicht?

Frank Klötgen: Der Fall Schelling.
Foto: Voland & Quist
Das lässt sich nicht klären. Klötgen spielt mit der Irrealität dieses Zustandes zwischen Leben und Tod, Wachen und Sein. Wer ein gepixeltes Romanende mag: Hier bekommt er eins.
Was man nicht bekommt, ist Schelling. Vielleicht ist das auch eines der unmöglichsten Dinge: Als Autor in die Haut eines anderen Autors zu schlüpfen, auch wenn der nur erfunden ist. Vielleicht machen sich auch Autoren mehr Illusionen über andere Autoren als der gewöhnliche Leser, der zuweilen durchaus akzeptieren kann, dass auch ein erfolgreicher Romancier ein armes Würstchen sein kann, ein simpler, unaufgeräumter Mann mit Beziehungsproblemen, Übergewicht und ausfallenden Haaren.
Hände und Haare spielen eine wichtige Rolle in diesem Buch, wenn auch nicht so recht klar ist, welche. Dazu sind die dargestellten Herren der Schöpfung zu egozentrisch. Alle drei von den monologisierenden Helden, die keine Helden sind. Deswegen erfrischen die Einbrüche so, die am Ende die Geschichte so vollends verwirren: Sie sind farbiger. Nicht so trist wie das Gebrabbel der Selbstanalyse. Und es könnte fast reichen, das Ganze in eine Geschichte mit Spitzbuben und finsteren Abgründen zu verwandeln. Fast. Denn das scheint vielleicht doch nur der späten Phantasie des im Koma Liegenden entsprungen.
Was bleibt: Ein Achjemine. Und der Appetit auf festere Kost.
Frank Klötgen "Der Fall Schelling", Voland & Quist, Dresden und Leipzig 2010, 18,90 Euro
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