Manisch besessen von El Grecos Toledo: Günter Richters "Bocksprünge"
Ralf Julke
16.05.2010
Bocksprünge.
Foto: Ralf Julke
Es gibt sie, diese Doppel-Talente, die nicht nur eine Kunst beherrschen, sondern zwei oder drei. Leute, die - wie etwa Wilhelm Busch - mit Stift und Feder genauso brillant umzugehen verstehen. Oder die - wie Alfred Kubin - ihre Phantasiewelten zeichnen und erzählen können. Auch in Leipzig sind solche Grenzgänger nicht selten.
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Max Schwimmer war so einer. Nun hat sich auch der 1933 geborene Maler Günter Richter ins gedruckte Land begeben mit einem Roman. "Bocksprünge" heißt der. Und wer von einem Maler, der auch in seinen Bildern gern mit surrealen Elementen spielt, ein ebensolches Werk erwartet, wird nicht enttäuscht. Auch wenn es eigentlich der Versuch eine Hommage ist an einen der ganz Großen in der europäischen Malerei: Dominikos Theotokopoulos, genannt El Greco, wahrscheinlich auf Kreta geboren, bei Tizian ist er in die Lehre gegangen, sein Leben aber verbindet sich mit der spanischen Stadt Toledo.
Berühmt wurden seine lang gezogenen Gestalten und die dynamischen Pinselstriche. Das kleine Bild "Blick auf Toledo" ist in seinem Werk eher die Ausnahme. Doch noch heute wirkt es, als wäre es 400 Jahre später gemalt. Der Künstler hat seine Wahlheimat gemalt, als hätte er Impressionismus und Expressionismus längst hinter sich. Ein verblüffendes Bild, das auch Balthasar verblüfft, den Maler, den Günter Richter in seiner Geschichte nach Toledo schickt auf der Suche nach der Stadt, die auf dem Bild dargestellt wird - und womöglich gar nach dem Standort, von dem aus Theotokopoulos die Stadtansicht gemalt haben könnte.
Auf so eine Idee kommen wohl nur Maler und Dichter. Und dichterisch geht es von Anfang an zu in Richters Geschichte, denn er erlebt die spanische Stadt wie eine Kulisse, in der die Spuren des 16. Jahrhunderts noch sichtbar sind, aber sich bei jedem neuen Weg durch die Stadt und ihre Umgebung überraschende Einsichten auftun. Der Tajo scheint aus manchem Blickwinkel bergauf zu fließen. Die Angler am Fluss werfen die Fische zurück in die Fluten. Und Alfredo Lamarillo, der sich so gern in fremde, bombastische Uniformen kleidet, wird zum launigen und nicht ganz ernst zu nehmenden Gesprächspartner des Malers, der auch Alfredos Verehrung für Spaniens großen Diktator nicht allzu ernst nimmt.
Günter Richter: Bocksprünge.
Foto: Ralf Julke
Dabei scheint in diesem modernen, von Touristen heimgesuchten Toledo nicht alles so zu sein, wie es scheint, schafft es Richter immer wieder, jene rätselhafte Atmosphäre herzustellen, wie man sie aus Goethes "Wilhelm Meister" kennt oder aus den größeren Erzählungen Tiecks: Hinter der sichtbaren Kulisse scheinen sich Dinge abzuspielen, die der Besucher nicht wirklich entziffern kann. Zuweilen gerät der streunende Balthasar in Situationen, die leicht bedrohlich wirken, so, wie man das etwa von Dino Buzzati kennt: Nur klärt sich das auch hier nicht auf. Die Szene verblasst oder verliert sich in einem Skizzenblatt, das Balthasar, ganz Maler und Betrachter, gefüllt und mit Phantasie angereichert hat. So dass man schon bald das Gefühl hat: Hier spaziert einer nicht nur durch das reale Toledo. Und so richtig nah kommt er dem gesuchten El Greco, der überall präsent zu sein scheint, auch nicht.
Immer wieder blenden seine Erinnerungen zurück in seine Heimatstadt, seine Kindheit und zu den Malerfreunden daheim. Aber aus Leipzig in diesem Fall ein Lindelein zu machen - das war ganz bestimmt kein guter Kunstgriff.
Dass das vage Gefühl, das den Leser begleitet bei Balthasars Streifzügen durch Toledo, möglicherweise nicht getrogen hat, scheint der letzte Teil des Buches zu erzählen, der in einer Klinik handelt, recht ausschweifend von einem goldfischejagenden Reiher erzählt und dann recht unverhofft doch noch verrät, dass Balthasar gleich nebenan recht wohlverwahrt hinter einem vergitterten Fenster sitzt. Also wieder nur die phantastische Reise eines Eingesperrten? - Es bleibt offen. So, wie es gern offen bleibt, wenn deutsche Autoren mit ihren Helden auf geistige Wanderschaft gehen.
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Bocksprünge
Günter Richter, Plöttner Verlag Leipzig 2010, 19,90 Euro
Dass Balthasar ein Besessener ist, der nun gerade in El Grecos "Blick auf Toledo" (das er konsequent "Toledo vor dem Gewitter" nennt) eine manische Beziehung aufgebaut hat, wird endgültig klar, wenn der scheinbar so gemütliche Maler aus L. zielgerichtet mit einem Säurefläschchen in eine El-Greco-Ausstellung in Wien marschiert - und dort kläglich versagt. So das dann auch nicht recht klar ist, ob er am Ende in einer Anstalt sitzt oder im Gefängnis. Nur scheint er - wie das vorkommen soll - endlich froh zu sein, dass die Welt jetzt überschaubar und hübsch in Quadrate geteilt ist. Womit es ihm augenscheinlich besser geht als dem Professor der benachbarten Klinik oder den anderen etwas Freieren, die mit den Undeutbarkeiten des Lebens weiter hadern müssen.
Günter Richter "Bocksprünge", Plöttner Verlag, Leipzig 2010, 19,90 Euro
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