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Ein Böhme voller Sinnenlust: Heikles Handwerk

Ralf Julke
Heikles Handwerk.
Heikles Handwerk.
Foto: Ralf Julke
Gedichte können Spaß machen. Sie können voller Geschichten stecken. Sie können voller Lebenslust sein. Es könnte so schön sein im Lyrik-Regal. Aber das Schöne ist selten. Und die Dichter sind selten, die ihre Leser als Partner betrachten beim Abenteuer Dichten. Thomas Böhme ist so einer.

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Geborener Leipziger, Autor auch von Prosabänden. Und ein Handwerker vor dem Herrn. Seine Texte sehen nicht nach Müh und Arbeit aus. So, wie ein gutes Gesellenstück niemals nach Müh und Arbeit aussieht. Im Gegensatz zur Mehrheit derer, die sich in Deutschland als Dichter – Land der Zernichter und Verdenker! – betun, beherrscht er seine Sprache. Oder besser formuliert: Er ist darin zu Haus. Er schämt sich ihrer nicht, nicht ihrer Abgründe, nicht ihrer Schönheiten, nicht ihrer Kraft und nicht ihrer Tücke. Böhme ist einer, der weiß, was in dieser seit 1.000 Jahren geschliffenen, benutzten, gebrauchten und angereicherten Sprache alles steckt. Er weiß, dass man sie nicht zerhacken muss, nicht aufblähen mit Wortungetümen, nicht schinden bis zur Farblosigkeit. Er liebt ihre Farbe. Und er nutzt das.

Und selbst das, was in seinem mehr als hintersinnigen Band "Heikles Handwerk" wie ein Spiel ausschaut, ist bestes Handwerk – in diesem Fall sogar im doppelten Sinne. Nicht nur der 65 – plus einen – alten, fast vergessenen Berufe wegen, die er zum Aufhänger wählt: vom Abdecker bis zum Zuckerbäcker. Es ist kein neues Lexikon der verschwundenen Berufe, beschwört der 55-Jährige im Nachwort, das zumindest all jene lesen sollten, die das Hinterlistige in den 66 Texten nicht mitbekommen haben. Manchmal hilft so ein Stupser, wenn die literarische Ausbildung in der Schule zu miserabel war. Erst wenn die Verse selbst voller Geschichten stecken, kann man auch zwischen den Zeilen etwas lesen. Daher kommt dieses Wort ursprünglich.

Thomas Böhme: Heikles Handwerk.
Thomas Böhme: Heikles Handwerk.
Foto: Ralf Julke
Die Berufe, die Böhme ausgewählt hat, sind handverlesen und geben in der Regel schon vom Namen her ein ganzes Feuerwerk von Assoziationen von sich. Man braucht nur loszulegen. Und Böhme tut's auch scheinbar, schnappt den Leser und nimmt ihn einfach mit in sein Bild. Aber wer dann erwartet, in einer Werkstatt zu landen, ist schon im ersten Vers auf der falschen Spur. Denn der Mensch ist eben nicht nur der Beruf, den er ausübt. Und selbst der Beruf hat so seine Verwicklungen in die Welt und manchmal auch keinen ungefährlichen Ruf. Und so landen sie alle schnell in erstaunlich irdischen Verstrickungen. Manchmal mit lebensbedrohlichem Ausgang – wie beim Abdecker oder beim Scherenschleifer. Den Bergmann trifft der Leser keineswegs im Schacht, doch die scheinbar häusliche Szene mit dem Kreuzworträtsel wird ohne Federlesens zu einer kleinen Geschichte mit einem tiefen Abgrund in die Zeit.

Noch so ein Thema, das in Böhmes Gedichten präsent ist: Er beherrscht die Zeitalter und seine Texte schweben niemals losgelöst von Zeit und Raum. Wer dicht erzählen will, braucht Konsequenz und ein reiches Wissen. Oder einmal so formuliert: Nichts ist so langweilig wie ein Dichter, der nichts zu erzählen hat.

Und Böhme hat immer etwas zu erzählen. Tragisches, Menschliches, Anrührendes. Mit wenigen Worten zeichnet er die Szenerien. Noch ein, zwei Verse mehr, und der Leser weiß auch, wovon Böhmes Helden träumen, was sie kümmert und – tja – das Wichtigste von allem: wie sie lieben. Das "wen" ist nicht immer herauszufinden. Bei Böhme geht's quer durch den Gemüsegarten. Nichts scheint ihm fremd zu sein. Selbst den verirrtesten Seelen bringt er ein freundliches Verständnis entgegen.



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Heikles Handwerk. 66 Fallstudien
Thomas Böhme, Poetenladen,
Leipzig 2010, 15,80 Euro
Und da man nach Barbier und Besenbinder weiß, wohin hier der Hase hoppelt, beginnt man die Texte gleich von Anfang an verquer zu lesen, da und dort auch verqueer, wie es die eher Exotischen unter den Liebhabern schreiben. Da sind dann auch Kerzen und Posthörner nicht mehr unverfänglich. Auch wenn die Erfahrung der gelesenen Texte zeigt: Das Angedeutete muss nicht immer gut ausgehen. Zur Liebe gehört auch dann und wann die Tragik. Heikel sind die Fallstudien ganz gewiss. Aber ins Regal mit den Schlüssellochgeschichten gehören sie trotzdem nicht. Denn sie sind, was Gedichte in deutschen Landen immer waren, wenn sie gut waren: sinnlich und voller Leben.

Bei Böhme verbindet sich das mit Lust an einer sinnlichen Sprache und genau komponierten Bildern. Manches Gedicht fast ein Schwank, fast eine Novelle, fast eine Kurzgeschichte. Ein markantes Buch im Programm des Poetenladens.


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