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Wiederentdeckung einer Wiederentdeckung: Das Wagner-Kolloquium von 1983 endlich als Buch

Ralf Julke
Interationales Kolloquium 1983 ...
Interationales Kolloquium 1983 ...
Foto: Ralf Julke
Das Jahr 2013 kommt. Ganz planmäßig und in hübschen Tagesscheiben. Die einen putzen das Völkerschlachtdenkmal, die anderen bereiten die Festgirlanden vor, denn auch Wilhelm Richard Wagner hat einen runden Geburtstag. Seinen 200.


Das auf Leipzigs Opernbühne dabei nichts allzu Revolutionäres geschehen wird, steht schon ziemlich fest. Wer die richtigen Sänger für das Mammutwerk des jungen Mannes buchen will, der da am 22. Mai 1813 am Brühl geboren wurde, muss eine jahrelangen Planungsvorlauf haben. Den hat das Leipziger Opernhaus nicht. Ist das schlimm, kann man fragen? Muss auch Leipzig mit dem "Ring" aufwarten, wenn landesweit die Ringe be- und zersungen werden?

Das erste, was sowieso fehlt, ist ein Regisseur wie Joachim Herz. Der 1924 Geborene war es, der in den 1970er Jahren mit seiner "Ring"-Inszenierung in Leipzig Maßstäbe setzte. Über das damalige Refugium DDR hinaus. Seine Interpretation hat Schule gemacht – und dem zeitweise eher ungeliebten Sohn der Stadt wieder Reputation verschafft. Eine nicht ganz so malträtierte. Denn da war ja dieses Reich der Hitlerianer, die just Wagner zum Säulenheiligen der deutschen Komponierkunst gemacht hatten. Unter anderem, weil der Führer aller Hitlerianer Wagner zu seinem Lieblingskomponisten erklärt hatte. Entsprechend heftig war der Versuch, den Komponisten des "Rings" in ein Nationaldenkmal zu verwandeln und ganz und gar einzuvernehmen für dieses seltsame Kunstprodukt eines germanischen Kunstkanons.

Danach dauerte es Jahrzehnte, bis die Opern Wagners auch wieder für kreative Regisseure interessant wurden. Denn selbst wenn dieser staatliche Missbrauch des Komponisten im NS-Reich nicht gewesen wäre, war da immer noch der Ruch des Pompösen, Patriotischen und Konservativen. Sollte man den Mann mit seinen Chören und Klangteppichen nicht wirklich besser dem konservativen Bürgertum überlassen? – Eine Frage, die auch die Musikwissenschaftler in der DDR umtrieb. Erst recht, nachdem eine Herz-Inszenierung nach der anderen zeigte: In den Wagner-Opern steckt mehr als Mythos und Rückwärtsschau.

1983, zum 100. Todestag des Komponisten, organisierten sie in Leipzig ein Internationales Kolloquium: "Richard Wagner - Leben, Werk und Interpretation". Ein Wissenschaftler-Treffen, das Wirkung zeigte und nachhallte. Nur eines fehlte: Die Veröffentlichung der Beiträge. Die zog sich hin. In der DDR ging am Ende eine Menge sehr langsam und zäh. Und so lag das druckfertige Manuskript 1990 erst vor. Und da befand es der neue Verlagsleiter von C. F. Peters als überflüssig, strich es aus dem Programm. Und das hätte es auch gewesen sein können, hätte sich nicht der Richard-Wagner-Verband Leipzig der alten Manuskripte angenommen, sie noch einmal entziffert und abgeschrieben. Schon das eine nicht ganz einfache Aufgabe, denn einige der Teilnehmer von 1983 leben verständlicherweise nicht mehr. Unter ihnen der bekannte Wagner-Biograph Martin Gregor-Dellin (1926 - 1988) oder der Musikwissenschaftler Gerd Schönfelder (1936 - 2000) aber auch Teilnehmerinnen aus der damaligen UdSSR oder György Sólyom aus Ungarn.

Erstmals im Buch: die Beiträge zum Wagner-Kolloquium 1983 in Leipzig.
Erstmals im Buch: die Beiträge zum Wagner-Kolloquium 1983 in Leipzig.
Foto: Ralf Julke

Ist natürlich die Frage: Wie sozialistisch-bräsig ging das damals zu? Denn in der DDR musste ja alle mögliche parteiliche Senf verteilt werden, bevor ein halber eigener Gedanke erlaubt war. - Es schimmert durch. Nicht allzu oft. Man ahnt mehr als man sieht, wie der Komponist, den schon die NS-Verwalter für ihr seltsames Staatskonstrukt vereinnahmen wollten, nun zu einem Vorboten des sozialistischen Zeitalters umgedeutet werden sollte. Was nicht wirklich schwer ist, denn Wagner hat sich mit den frühsozialistischen Ideen seiner Zeit sehr wohl beschäftigt. Und seine Teilnahme an den revolutionären Ereignissen 1848 in Dresden war durchaus ernst gemeint. Mit Feuerbach hat er sich intensiv beschäftigt und mit Bakunin war er näher bekannt. Da kann man schon versuchen, seinen "Ring"-Zyklus als Parabel auf eine Entwicklung hin zu einer Gesellschaft ohne Klassen und Ausbeutung hin zu deuten.

Doch wo sind wirklich die Wurzeln? Aus welchen Töpfen schöpfte Wagner nun? War es wirklich das "Junge Deutschland", wie Werner Wolf so überzeugt verkündet? Diese Dichterbewegung des deutschen Vormärz lernte Wagner hauptsächlich durch Heinrich Laube kennen, dem er 1834 begegnete. Laube war einer der engsten Freunde Heines – und Heine war 1983 so gut wie einvernahmt in den Kanon der revolutionären Dichter, die in der DDR was galten. Aber insbesondere Gegor-Dellin lässt freilich auch nicht jenen Mann aus, der für Wagner eine wesentliche Rolle in der geistigen Bildung gespielt hat: Seinen Onkel Adolph Wagner, der dem Jungen einen ganz anderen Literaturkanon nahe gebracht hat – den der Klassik nämlich und den der Romantik. Nicht ohne Grund fällt in mehreren Beiträgen im Buch der Name Novalis. Sein "Heinrich von Ofterdingen" scheint für Wagner eine ähnlich wichtige Rolle gespielt zu haben wie Heines "Tannhäuser". Tieck, Schlegel und vor allem auch E. T. A. Hoffmann gehören ebenfalls zu den Autoren, mit denen der Onkel seinen Neffen bekannt gemacht hat. Und auch der Name E. T. A. Hoffmann fällt im Lauf der Beiträge immer wieder und zwar zumeist dann, wenn versucht wird, die Struktur der Wagnerschen Opern zu entschlüsseln. Woher kommt das alles? Immerhin ist man ja hinweg über das Verdikt "Das ist alles nur laut!" und "Wagner hätte besser Sinfoniker werden sollen".

Sinfonisch ist das schon, was man da in einer richtigen Wagner-Oper zu hören bekommt. Episch aber auch. Wenn der Dirigent kein Schlagetot ist und mit der Orchestermusik nicht das, was auf der Bühne geschieht, überschmettert, dann bekommt man so in etwa mit, wie Wagner mit den Motiven spielt. Und er tut es ganz ähnlich wie Hoffmann. Und sogar die Idee lässt sich entziffern, mit der Wagner 1853 an die Entwicklung seines "Rings des Nibelungen" ging. Und sie ist tatsächlich – da stritten sich nicht einmal die Geister in Ost und West – eine durchaus gesellschaftskritische. Mit ein bisschen Hoffnung am Schluss, wenn zwar die ganze schöne Walhalla im Eimer ist, aber das pure Leben mit seinem Zukunftsquäken die einzige Tür öffnet, die sie bis jetzt alle öffnen konnten, die so fruchtbaren und fruchtlosen Geister: So lange die Menschen noch Kinder bekommen, geht das weiter.


Internationales Kolloquium 1983 in Leipzig.
Internationales Kolloquium 1983 in Leipzig.
Foto: Ralf Julke
Bei Wagner natürlich mit einem sehr kritischen Blick auf die eigene Zeit, die in aller mythischen Verbrämung natürlich präsent ist mit dem Ring, der sowohl für Reichtum und Geld steht als auch für die damit käufliche Macht. Und Konwitschny und alle andere Regisseure, die Wagners Opern im wilhelminischen Deutschland des 19. Jahrhunderts spielen lassen, haben natürlich recht, denn es ist diese Gesellschaft, die sich in Wagners Werk spiegelt, dieser ganze kleinbürgerliche Bombast, der sich ein künstliches Heldenreich erschafft. Das verblüfft ja bis heute, welche bärtigen Märchen sich zum bürgerlichen Selbst- und Geschichtsverständnis zusammengesammelt haben. Und so fern liegt der Gedanke nicht, dass sich hier das Denken einer Welt manifestiert, die sich selbst für das begnadete Endprodukt der Geschichte hält.

Das "Ende der Geschichte", das mit Francis Fukuyama augenscheinlich in den 1990er Jahren endlich auch die USA als Phrase erreichte – in Old Europe war das schon am Ende des 19. Jahrhunderts ein viel debattierter und verarbeiteter Gegenstand. Symptomatisch dafür nicht nur Bücher wie Bulwer-Lyttons "Untergang Pompejis" oder Oswald Spenglers "Untergang des Abendlandes". Sondern eben auch Nietzsches Auseinandersetzung mit Wagner. Der wieder mit Nietzsche wenig anfangen konnte. Denn seine Helden sind zwar mythische Gestalten – aber keine Übermenschen. Regisseure, die all die Parzifals, Siegfrieds und Lohengrins in die Dienstbekleidung kleiner Bankangestellter stecken würden, würden keine Fehler machen.

Alles Gedanken, die 1983 beim Leipziger Wagner-Kolloquium ausgeführt und interpretiert wurden. Der Band enthält auch den Mitschnitt einer Einführung von Joachim Herz zum Probenbeginn der "Götterdämmerung". Das ganze Material natürlich auch ein paginierter Vorwurf an die heutige Inszenierungspraxis, die zumeist einem Flickenteppich gleicht, von kurzen Planungshorizonten geprägt ist und von einer Finanzierungsschere, die Inszenierungen von der Dimension des "Rings" immer schwieriger machen.



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Internationales Kolloquium 1983
in Leipzig 'Richard Wagner - Leben,
Werk und Interpretation'

Richard-Wagner-Verband Leipzig e.V. (Hrsg.), Sax Verlag, Beucha und Markkleeberg 2010, 19,80 Euro
Der Wagner-Verband hat die Beiträge von 1983 jetzt als Band 2 der "Leipziger Beiträge zur Wagner-Forschung" veröffentlicht. Die Stellen, an denen der Realexistierende als Stadium einer erfüllten Menschheitsgeschichte gepriesen wird, kann man ja wegdenken. Was bleibt, ist ein Komponist, der im Zeitalter der Hedgefonds und Kurswetten so aktuell ist wie zu Lebzeiten.

Und wer noch eins draufsetzen will, der findet natürlich die starken Parallelen zwischen Wagners Ring und dem "Herr der Ringe" von Tolkien. Die Fragestellung ist ganz dieselbe.


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