Warum Russland? - Eine popliterarische Entdeckungs-Reise
Ralf Julke
03.08.2010
Warum Russland?
Foto: Ralf Julke
Da prahlt Max Meier mit seinem Urlaub auf Gran Canaria. Und Herr Schulze schwärmt von seinem Thailand-Urlaub. Doch haben sie Land und Leute kennengelernt? Wahrscheinlich nicht. Man sieht die Welt nicht wirklich als Tourist. Dazu muss man mutiger reisen. So wie Diane Hielscher. Ihr Abenteuer hieß Russland.
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2008 machte sich die Berlinerin auf die Reise. Nach dem "Schneeballprinzip", wie sie erklärt: Sie knüpfte Kontakte zu jungen Leuten in Russland. In Berlin etwas leichter zu bewerkstelligen als anderswo in Deutschland: Dort hat die russische Kulturszene an alte Traditionen angeknüpft und sich ins Hauptstadtkulturleben integriert. Und die Kontakte ins größte Land der Welt sind dementsprechend vielfältig. Dazu kommt: In ihrer Arbeit als Journalistin hatte Diane Hielscher schon zuvor tiefen Einblick in das junge Kulturleben aus Russland. Zudem spricht sie Russisch.
Blieb noch die Angst vor einem Land, das trotz allem für die meisten Deutschen ein unbekanntes Reich ist. Nachrichten über Gewalt, Korruption, Armut, Alkoholismus dominieren die Schlagzeilen. Sollte da eine junge Radiomoderatorin und Bloggerin nicht doch besser zu Hause bleiben?
Warum, fragte sich Diane Hielscher. Und ließ sich auf das Abenteuer ein, von dem sie natürlich nicht wusste, wie es ausgehen würde. Würde sie neue Kontakte finden? Neue freundliche Menschen, die sie einfach mal besuchen könnte für ein paar Tage oder eine Woche? Irgendwo in dem riesigen Land, in dem die Flugzeuge viele Stunden unterwegs sind und die Züge etliche Tage. Sie fand. Moskau, Belgorod, Anapa, Naltschik, Saratow, Kazan heißen ihre Reisestationen. Jedes Mal kommt sie bei jungen Leuten unter, oft nur einfach Bekannte von Bekannten. Sie wird empfohlen, bekommt den Kontakt, fährt hin und ist auf einmal Teil einer völlig fremden kleinen Familie, die sich schon nach wenigen Augenblicken als vertraut entpuppt. Überall wird sie aufs herzlichste aufgenommen, bestätigt sich, was man aus den großen Romanen der Russen eigentlich wissen müsste: Sie sind herzlich, gastfreundlich und lebenslustig.
Diane Hielscher: Warum Russland?
Foto: Ralf Julke
Was sie erlebt, schreibt sie gleich im nächsten Internetcafé in ihren Blog. "Via Moskau" heißt der. Da schreibt sie auch über alles andere, was sie an Russland fasziniert, berichtet über russische Künstler und Musiker.
Natürlich findet sie auch Klischees bestätigt. Die hat jedes Land. Eines der dümmsten über Deutschland findet sie in Kazan wieder: Eins zwei gsuffa - die Kazaner feiern deutschen Abend mit Bier und belegten Brötchen. Da flüchtet Diane schnellstmöglich wieder. In Saratow hat sie dafür ein echtes russisches Klischee angetroffen: die Glamour-Girls, die jungen, langbeinigen und kurzberockten russischen Mädchen, die mit ihrem Outfit jede deutsche Supermodel-Show langweilig aussehen lassen.
Dafür trifft sie im nördlichen Belgorod einen jungen Mann, der am Fluss sitzt und über den Sinn des Lebens nachdenkt. Mitten hinein in ihre Reise fällt der Kriegsausbruch in Georgien, der in russischen Medien natürlich anders dargestellt wird als in deutschen. Und zum ersten Mal begegnet ihr die Frage, warum das so ist, warum Georgien in deutschen Nachrichten besser wegkommt? Was dahinter lauert, kommt immer wieder kurz zum Vorschein: der stille Wunsch dieses gewaltigen Landes auf Anerkennung und Liebe. Manchmal sind Länder eben doch wie ihre Menschen, und die Menschen wie ihr Land.
Nicht ohne Grund fällt Dianes Blog noch während der Reise positiv auf und sie bekommt den Peter-Boenisch-Gedächtnispreis dafür. Was ihr am Ende fast die Teilnahme an der Hochzeitsfeier ihre besten Moskauer Freunde vermasselt, denn sie muss zur Preisübergabe nach St. Petersburg, die Hochzeitsfeier aber ist in Uljanowsk.
Was da ausgezeichnet wurde, kann jeder, der Lust hat, in ihrem Blog nachlesen. Oder jetzt in dem Buch, in dem ihre Reisegeschichten gesammelt sind. Die Frage "Warum Russland?" steht zwar provokativ auf dem Deckel. Aber eigentlich beantwortet sich das schon nach den ersten Moskauer Begegnungen von selbst: Allein der jungen Leute wegen, die sie unterwegs trifft, lohnt sich diese "popliterarische Reise". Sie begleitet ihre Gastgeber in Cafés, zu Konzerten, lässt sich von ihnen die Stadt zeigen, die Berge und Flüsse, unterhält sich mit ihnen über das tägliche Leben. Sie lernt echte Kosaken kennen und echte Kabardinen in Kabardino-Balkarien. Da ist sie schon an den Füßen des Elbrus - und nahe dran an der unruhigen Kaukasus-Region.
Nur eines bleibt auf ihrer Wunschliste unerfüllt: der Flug nach Sibirien. Das Ticket war schon gebucht, als es sie just in Uljanowsk aus der Bahn wirft und sie auch noch ein russisches Krankenhaus von innen kennenlernt. Da hat sie schon nach ein paar Tagen keine Lust mehr, weiterzureisen. Die Kraft ist weg.
Aber auch das, was sie schon erlebt hat, reicht für ein Buch. Ein Buch, das im Grunde auch eine Geschichte erzählt, die gar nicht oft genug erzählt werden kann: Wie ähnlich sich Menschen eigentlich sind. Natürlich schafft es die Rucksackreisende nicht, alle Schichten des großen Landes kennenzulernen. Ab Belgorod beschäftigt sie auch die durchaus russische Frage: Wer oder was sind eigentlich die Gopniki? Man ahnt so ein bisschen, dass es solche Leute auch in Deutschland und anderswo gibt und dass man sie nicht unbedingt daran erkennt, dass sie in zerrissenen Kleidern herumlaufen.
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Es ist ein farbenreiches Buch - auch wenn es selbst ganz bescheiden in einen schwarz-weißen Umschlag gewickelt wurde. Und so ein bisschen ahnt man, warum ein so gewaltiges Land unter Liebesentzug leidet. Aber geht's den Deutschen mit ihrer Schlagloch-Geschichte nicht ganz ähnlich? - Und nicht nur Diane Hielscher findet es peinlich, welche Klischees auch über ihr Land in der Welt gepflegt werden: bayerische Bierzeltkultur. Das ist genauso peinlich wie alle Medienmythen über Russland und seine Bewohner.
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